Internationale Reaktionen zu von der Leyen "Unerwartete Rückkehr zum Ruhm"

In Deutschland ist Ursula von der Leyen als nächste EU-Kommissionschefin umstritten. Aber wie fallen die Reaktionen in anderen Ländern auf ihre Wahl aus? Ein Blick auf die internationalen Pressestimmen.

Ursula von der Leyen
Frederick Florin/AFP

Ursula von der Leyen


Ist sie die Richtige? Die umstrittene Kür durch Europas Staats- und Regierungschefs; ihre durchwachsene Bilanz als Verteidigungsministerin; die knappe Entscheidung im Parlament - Ursula von der Leyens Aufstieg zur EU-Kommissionschefin liefert allerhand Stoff für Kontroversen. Das zeigt auch der Blick in die internationale Presse. Während die einen von der Leyens "selbstbewussten" Auftritt loben, sehen andere die CDU-Politikerin vom Start weg als geschwächt an. Der Überblick.

The Times, Großbritannien: "In ihrer Amtszeit an der Spitze der EU-Kommission wird es nicht um großartige französisch-deutsche Projekte der Vergangenheit wie den Euro gehen, sondern darum, die Reihen geschlossen zu halten, während eine zerstrittene EU mit Herausforderungen wie Russland, China und der Präsidentschaft von Donald Trump konfrontiert ist. Die Tatsache, dass sie von Angela Merkel und Emmanuel Macron installiert wurde, dürfte kaum ein Quell der Stärke sein, sondern eher das Gegenteil. Es gibt echte Zweifel, ob sie genügend politischen Charakter und Mut hat, europäische Politik zu gestalten, oder nicht einfach nur eine Marionette des französischen Präsidenten und der deutschen Kanzlerin sein wird, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist."

The Guardian, Großbritannien: "Wenn es eine Eigenschaft gibt, die die erste Präsidentin der Europäischen Kommission mit ihrer Mentorin Angela Merkel teilt, ist es, dass ihre politischen Überzeugungen schwer einzuordnen sind. Anders als Deutschlands konsensorientierte Kanzlerin aber, scheut sie sich nicht, auf Ablehnung zu stoßen und Konflikte einzugehen, um die Politik durchzuziehen, die sie für richtig hält."

New York Times, USA: "Ihr holpriger Weg ins Amt bedeutet, dass Frau von der Leyen, die sieben Kinder aufgezogen und als Ärztin gearbeitet hat, bevor sie Vollzeit-Politikerin wurde, ihren Job unter erschwerten Bedingungen aufnimmt. Am Dienstag aber wirkte sie selbstbewusst und entspannt. Vor dem Hintergrund eines erstarkenden Populismus und bröckelnden globalen Systems von Handel und liberaler Demokratie trat Frau von der Leyen als leidenschaftliche Globalistin auf und lehnte Isolationismus als ungeeignet für Europa ab."

Le Monde, Frankreich: "Es gibt nichts, was eine politische Führungsperson, die in Ungnade zu fallen schien, daran hindert, eine unerwartete Rückkehr zum Ruhm zu genießen. Ministerin mit kritisierter Bilanz, umstrittener Redlichkeit und veränderter Popularität - diejenige, die einst als Kandidatin für die Nachfolge von Angela Merkel galt, schien auf einem Schleudersitz zu sitzen. Sie ist heute Präsidentin der Europäischen Kommission und die erste Frau, die dieses Amt innehat, das seit Walter Hallstein (1958-1967) nicht mehr von einem Deutschen besetzt war."

Neue Zürcher Zeitung, Schweiz: "Sie ist eine in der Wolle gefärbte Europäerin und wurde wohlwollend auch schon als 'postnationale Deutsche' bezeichnet. Davon zeugen ihre weltläufige Biografie, aber auch ihre kulturelle und gesellschaftliche Gewandtheit, die sie in verschiedensten Umgebungen mit unterschiedlichen Menschen einbringen kann. Sie ist ein großes Talent, wenn es darum geht, Politik zu erklären, medial darzustellen und begreifbar zu machen. Davon kann Brüssel zweifellos profitieren. Auch wenn manchen ihr wie 'ins Gesicht gemeißeltes Strahlen' auf die Nerven geht - vielleicht hellt es die verblassten europäischen Sterne etwas auf."

Corriere della Sera, Italien: "Es ist alles wie immer geblieben. Von der Leyen wurde mit der üblichen Methode gewählt. (...) Die einzige kleine Innovation wurde abgelehnt - nämlich dem Wähler den Spitzenkandidaten bekannt zu machen. Der Eindruck bleibt, dass die Wahl ein wenig transparentes Manöver hinter verschlossenen Türen war. Paradoxerweise hat diese veraltete Methode aber ein politisches Ergebnis gebracht, das zur Stärke der Frau werden kann, die dem Luxemburger Jean-Claude Juncker folgt. Ursula von der Leyen hat kein kleines Land hinter sich (...). Daraus kann sie Führungsstärke gewinnen. Sie wird möglicherweise autonomer sein als viele ihrer Vorgänger. (...) Und es darf natürlich nicht unterschätzt werden, dass erstmals eine Frau an die Spitze der Kommission gewählt wurde. Auch das wird auf jeden Fall zur Stärke beitragen."

Kommersant, Russland: "Zur Außenpolitik hat sich Ursula von der Leyen praktisch gar nicht geäußert. Aber ihre Position zu Russland hat sie schon im Frühjahr 2018 formuliert. Damals sagte Frau Ursula von der Leyen in einem Interview der 'Bild am Sonntag', dass der Kreml Schwäche nicht verzeiht und ein Feindbild braucht, während die 'freie westliche Gesellschaft' in dieser Hinsicht kein Verlangen zeigt. Sie hat auch gesagt, dass es wichtig sei, offen zu bleiben für einen Dialog, aber dabei gleichzeitig seinen Standpunkt zu verteidigen. Ihre damals häufig in den Medien zitierte Formulierung, mit Moskau aus einer Position der Einheit und Stärke heraus den Dialog zu führen, hat in Russland wilde Reaktionen ausgelöst. Der Verteidigungsminister der Russischen Föderation, Sergej Schoigu, meinte damals, dass die Kollegen aus Deutschland lieber mal '200 Jahre' lang schweigen sollten. 'Vielleicht sollten sie auch einmal bei ihren Großvätern nachhorchen, was es heißt, mit Russland aus einer Position der Stärke zu sprechen. Sie können das wahrscheinlich erklären', warnte er."

kev/dpa



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