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Moskauer Prozess: Solidaritätswelle für Pussy Riot

Foto: Anatoly Maltsev/ dpa

Pussy-Riot-Prozess Der Fehler der unbarmherzigen Kirche

Die einen wollen sie "auf dem Scheiterhaufen" sehen, die anderen fordern "Freiheit für Pussy Riot". Kirchenvertretern dämmert langsam, dass das bizarre Verfahren gegen die dreiköpfige Protest-Guerilla ein Fehler war. Das Urteil wird Ende kommender Woche gefällt.

Der Prozess gegen die Moskauer Protest-Guerilla Pussy Riot neigt sich dem Ende zu. Am Dienstag forderte die Staatsanwaltschaft jeweils drei Jahre Haft in einer Strafkolonie für die drei angeklagten jungen Frauen. Sie folgte damit im Wesentlichen Stimmen aus den Reihen der orthodoxen Kirche, die harte Strafen für den umstrittenen Pussy-Riot-Auftritt in Moskaus Erlöser-Kathedrale forderten. Das Verfahren wurde in aller Eile abgehalten, mit Marathon-Sitzungen bis spät in den Abend.

Im Gerichtssaal war die Rede davon, die Angeklagten hätten Kleidung getragen, die "offensichtlich im Gegensatz stand zu allgemeinen Kirchen-Regeln". Die Frauen wurden von ihren Anklägern gar in die Nähe von Teufelsbesessenen gerückt, die "satanisch zuckten, herumsprangen, ihre Beine hoch warfen, Köpfe drehten und sehr beleidigende und blasphemische Worte riefen".

In der an Nachrichten armen Sommerzeit rückten Dutzende TV-Teams aus aller Welt an, um über den grotesken Prozess am Moskauer Chamowniki-Gericht zu berichten.

Langsam dämmert auch Kreisen der russischen Orthodoxie, dass sich Kreml und Kirche einen Bärendienst erwiesen haben könnten mit der gleichermaßen unbarmherzig und bizarr anmutenden Strafverfolgung der drei Frauen.

Ein hartes Urteil werde nicht die erhoffte abschreckende Wirkung haben, warnt der orthodoxe Intellektuelle und Geistliche Andrej Kurajew. Im Gegenteil: Die Kirche provoziere Nachahmungstäter und leiste einer Radikalisierung der Opposition Vorschub. In Russland habe es "noch nie einen Mangel an jungen Extremisten" gegeben, mahnt Kurajew.

Konstantin Sonin, Kolumnist der Wirtschaftszeitung "Wedomosti", sprach sogar vom "schlimmsten Fehler der Kirche seit 1901". Damals hatte die orthodoxe Kirche den betagten Schriftsteller Leo Tolstoi exkommuniziert.

Das Urteil wird Richterin Marina Syrowa am 17. August fällen, gab das Gericht am Mittwochmittag bekannt. Dann wissen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch, ob sie eine Haftstrafe erhalten. Bei einem Interview in London verbat sich Premierminister Dmitrij Medwedew zum Zeitpunkt der Verhaftung der Pussy-Riot-Aktivistinnen jede Einmischung in den Prozess - zumindest, sofern sie aus dem Ausland kam.

Kreml-Chef Wladimir Putin dagegen schwang sich zum obersten Richter auf und verlangte öffentlich - ebenfalls bei einer Olympia-Stippvisite - die jungen Frauen "nicht zu hart" zu verurteilen.

Verstörende Nähe zwischen Kreml und Kirche

Ob der Wink des Präsidenten, der für gewöhnlich Druck von außen nicht nachgibt, eine Kehrtwende und Milde für Pussy Riot bedeuten, ist offen. Einen Freispruch dürfte der Kreml nicht riskieren. Die Opposition würde ihn als ersten großen Sieg interpretieren, und die Kirche, seit Jahren einer der engsten Verbündeten der Führung, als einen Schlag ins Gesicht. Auch mit einer hohen Geldstrafe dürfte die Kirche sich nicht zufriedengeben. Seit Tagen warnt sie, die große Unterstützerriege von Pussy Riot werde ohnehin jede Summe leicht aufbringen können.

Dass die Zahl der Unterstützer weltweit steigt, daran tragen Kreml und Kirche selbst die größte Schuld. Das skandalöse Verfahren gegen Pussy Riot hat aller Welt die verstörende Nähe zwischen Kirche und Staat vor Augen geführt. Zu Sowjetzeiten war es anders: Da ließen der Geheimdienst KGB und dessen Vorläufer, die Geheimpolizei NKWD, Gläubige und Geistliche verhaften, in Arbeitslager sperren oder erschießen. Tausende Kirchen wurden damals gesprengt, darunter auch die Erlöser-Kathedrale. Erst Präsident Boris Jelzin ließ sie wieder aufbauen. Geheimdienstler bilden seit Jahren das Rückgrat der Führungsriege um Wladimir Putin, selbst Ex-Oberst des KGB und in den neunziger Jahren Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB.

Berührungsängste gegenüber der Nachfolgerorganisation des KGB sucht man bei Patriarch Kirill vergeblich. Während in der vergangenen Woche im Chamowniki-Gericht Pussy Riot der Prozess gemacht wurde, legte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche den Grundstein für das neue Gotteshaus der Moskauer FSB-Akademie.

Beispiellose Solidaritätswelle aus dem Westen

Mit der großen Nähe zwischen Kirche und Putin-Regime rechtfertigten denn auch Pussy Riot ihren Auftritt in der Erlöser-Kathedrale. Weil die Gegner, mit denen es die Mädchen aufnehmen wollten, so übermächtig wirken und konservative Kommentatoren wie der rechte Philosoph Alexander Dugin sie gar "auf dem Scheiterhaufen brennen" sehen wollten, hat eine Solidaritätswelle mit Pussy Riot den Westen erfasst, die selbst den inhaftierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski neidisch machen könnte. Die Pop-Legende Madonna hat sich für ein mildes Urteil ebenso stark gemacht wie viele Abgeordnete des Bundestags. In München kam es zu Solidaritätsaktionen, in Berlin wurde ein Benefizkonzert organisiert. Selbst im beschaulichen Schweizer Städtchen Winterthur sprühte jemand "Free Pussy Riot" an Hauswände.

So bedenklich auch der Furor ist, mit dem Justiz und Kirchenmänner gegen die Gruppe in Moskau vorgehen, so überdreht sind auch die Reaktionen und Erwartungen im Westen. Medien stilisieren die drei inhaftierten Frauen zu "Putins größtem politischen Kopfschmerz" ("The Observer") und fragen: "Können diese Frauen Putin stürzen?" ("Der Freitag").

Die Antwort darauf lautet freilich: nein. Zwar missbilligt laut Umfragen ein Großteil der Russen die große Nähe der Kirche zu Politik. Laut Daten des angesehenen Lewada-Zentrums hielten allerdings fast 47 Prozent der Befragten die Höchststrafe von sieben Jahren Haft für "angemessen".

Pussy-Riot-Aktionen wären auch Deutschen befremdlich

So fragwürdig und unverhältnismäßig das Vorgehen gegen Pussy Riot auch ist: Zu Volkshelden taugen sie nicht. Die Mädchen entstammen einer Moskauer Avantgarde-Szene, deren Aktionen für viele in Deutschland befremdlich wären. Nadeschda Tolokonnikowa etwa war Teil von "Woina", auf deutsch Krieg. Die Gruppe von Protestkünstlern warf nicht nur Polizeiautos um oder ärgerte den FSB mit der Zeichnung eines riesigen Phallus vor dem Sankt Petersburger Hauptquartier der Geheimen, sondern hielt in einem Moskauer Museum auch eine Massensex-Orgie ab.

Dass Russlands eher konservativ denkende Massen im Falle einer Verurteilung von Pussy Riot den Kreml stürmen werden, ist auch deshalb eher unwahrscheinlich.

Ausgerechnet die sonst für ihre regierungstreue Linie berüchtigte Moskauer Tageszeitung "Iswestija" zog das vielleicht treffendste Fazit aus dem Verfahren. "Sicher ist", schrieb die Zeitung bereits in der vergangenen Woche, "dass im Fall Pussy Riot schon jetzt alle verloren haben - ob der Strafprozess nun mit einem Schuldspruch endet oder nicht."