US-Abwehrschild Putin legt bei Raketen-Vorschlag nach

Russlands Präsident Putin hat seine Vorstellungen für eine Zusammenarbeit mit den USA bei der Raketenabwehr näher erläutert. Er schlug vor, Abfangraketen in der Türkei, im Irak oder auf See zu stationieren.


Heiligendamm - Zuerst Aserbeidschan, nun die Türkei oder der Irak: Wladimir Putin hat seinen überraschenden Vorschlag, beim Raketenabwehrschild gegen den Iran mit den USA zusammenzuarbeiten, präzisiert. Die USA könnten Abfangraketen zum Beispiel bei ihren südlichen Verbündeten wie der Türkei stationieren, sagte Putin zum Abschluss des G8-Gipfels. "Oder auch im Irak - wofür hat man sonst Krieg geführt", ließ er zugleich eine Spitze in Richtung der Amerikaner hören. Außerdem könnten die Abschussanlagen auch auf See stationiert werden.

Putin: "Signal des Dialogs und der Entspannung"
DPA

Putin: "Signal des Dialogs und der Entspannung"

Gestern hatte Putin die gemeinsame Einrichtung eines Raketenabwehrschilds in Aserbeidschan vorgeschlagen. Dann würde er auch seine Drohung fallen lassen, russische Raketen erneut auf Europa zu richten.

Erste Stufe des Plans wäre die gemeinsame Nutzung der bereits bestehenden aserbaidschanischen Radaranlage Gabala. Der Aufbau eines automatischen Raketenabwehrsystems sollte nach Vorstellungen Putins nicht sofort erfolgen. Sobald ein Land, zum Beispiel Iran, eine Langstreckenrakete teste, würden dies Russen und Amerikaner mitbekommen. "Vom ersten Test einer Rakete bis zur Indienstnahme werden mindestens drei bis fünf Jahre vergehen. Diese Zeit reicht, um jedes Raketenabwehrsystem aufzubauen", sagte der Kremlchef.

Diesen Vorschlag erneuerte er heute: "Damit entfällt auch für unsere amerikanischen Freunde die Notwendigkeit, noch Abwehrschilde im Weltraum zu stationieren und ein System in Tschechien und Polen zu bauen." Abgedeckt werde so nicht nur ein Teil Europas, "sondern man hat einen Schild über ganz Europa".

Die bisherigen US-Raketenpläne bezeichnete Putin erneut als Bedrohung seines Landes. "Wir müssen neutralisieren, was uns bedroht", warnte er nach Abschluss des G-8-Gipfels davor, sein Land zu provozieren.

Putin lobte zum Abschluss des Gipfels das Verhandlungsgeschick Merkels. Sie habe hervorragend die schwierige Aufgabe gemeistert, als einzige Frau ein Männerkollektiv zu leiten, sagte Putin. Die Gipfelergebnisse seien auch dank der von Merkel geschaffenen guten Atmosphäre erreicht worden.

Die Bundesregierung sah das russische Angebot für ein gemeinsames Raketenabwehrsystem mit den USA zunächst positiv. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) wertete es als "Signal des Dialogs und der Entspannung". Der Vorstoß Putins für die gemeinsame Nutzung einer Anlage in Aserbeidschan sei "ein nicht nur für die amerikanische Seite überraschender Vorschlag gewesen, sondern wir waren ebenso überrascht". Steinmeier sagte ferner, sein bereits im Frühjahr geäußerter Wunsch, dass eine Entscheidung über Raketenabwehr möglichst im Konsens durchgesetzt werden sollte, "scheint jetzt erste Früchte zu tragen".

Steinmeier hofft nach eigener Aussage, "dass das ein Vorschlag ist, der mindestens in die ernsthafte Prüfung geht". Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte in Berlin, alle Beteiligten müssten in die Diskussion einbezogen werden. Ein Ort dafür sei der Nato-Russland-Rat.

Skepsis bei der Nato

Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer reagierte auf den Aserbeidschan-Vorschlag Putins mit Skepsis. "Das ist ein bisschen sehr nahe an den Schurkenstaaten, über die wir diskutieren", sagte De Hoop Scheffer am Rande einer Expertenkonferenz in Brüssel.

Der Nato-Generalsekretär begrüßte jedoch die Bereitschaft Putins, in der umstrittenen Frage der Raketenabwehr mit den USA zusammenzuarbeiten. "Dass sie miteinander reden, ist gut", erklärte De Hoop Scheffer.

Die US-Raketenabwehr
Das System
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Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.

Nach Ansicht von SPD-Generalsekretär Hubertus Heil müssen die USA gegebenenfalls ihre bisherigen Stationierungspläne "zur Disposition" stellen. Es müsse jetzt alles getan werden, um ein neues Wettrüsten zu verhindern, sagte er.

Die Union sprach von einem Fortschritt. Damit sei der Vorwurf aus Moskau vom Tisch, die US-Pläne richteten sich gegen Russland, sagte der CDU-Außenpolitiker Andreas Schockenhoff. Ob damit die Stationierungspläne in Polen und Tschechien überflüssig würden, sei jetzt kein politisches Problem, sondern eine technische Frage.

Der britische Premierminister Tony Blair wies auf "Sorgen und Ängste" in anderen Ländern über die Entwicklung in Russland hin. Putin mache deutlich, dass Russland sich nicht korrekt behandelt fühle - er wolle nun seinerseits deutlich machen, "dass Menschen besorgt und ängstlich werden über das, was heute in Russland geschieht, über die russische Außenpolitik", sagte Blair. Der britische Premier äußerte sich nach einem Treffen mit Putin am Rande des G-8-Gipfels.

asc/dpa/AP/AFP



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