US-Angriff auf Syrien Obamas Iran-Dilemma

Die USA und Iran finden sich plötzlich auf derselben Seite: Sie lehnen den Chemiewaffeneinsatz in Syrien ab und sind besorgt über die internationalen Dschihadisten bei den Rebellen. Aber reicht das, um bessere Beziehungen zwischen den beiden Ländern herzustellen?
Assad (mit Irans Delegiertem Borudscherdi in Damaskus): Teheran hält noch am Diktator fest

Assad (mit Irans Delegiertem Borudscherdi in Damaskus): Teheran hält noch am Diktator fest

Foto: Sana Handout/ dpa

Es ist eine Premiere für Iran. Der neue Außenminister und Karrierediplomat Mohammed Javad Zarif hat zu einer öffentlichen Debatte aufgerufen über einen möglichen Militärschlag gegen Syrien - auf Facebook , einer Webseite, die Irans Zensoren eigentlich blockieren. Eine englischsprachige Zusammenfassung seiner Diskussion mit Tausenden Iranern und Iranstämmigen findet sich hier. 

"Jeder Einsatz von Chemiewaffen muss verurteilt werden, egal wer die Opfer oder Schuldigen sind", schreibt Javad Zarif. "Das ist Irans eindeutige Position als Opfer von chemischer Kriegsführung." Iraks Saddam Hussein setzte in den achtziger Jahren im Krieg gegen Iran tödliche und nicht-tödliche Nervengase ein - mit Wissen der USA . Noch immer leiden Tausende iranische Veteranen unter den Folgen dieser Gifte.

Mit der klaren Ablehnung chemischer Waffen in Syrien stehen Teheran und Washington plötzlich auf derselben Seite. Beide Länder sind aber auch besorgt über die internationalen Dschihadisten, die in Teilen Syriens ihre Macht festigen wollen. Aus Sicht der Dschihadisten ist Washington un- und Teheran irrgläubig.

Doch reichen diese beiden Faktoren, um für bessere Beziehungen zwischen Washington und Teheran zu sorgen? Die Aussichten dafür sind eher gering. Dennoch wollen offenbar Iran und die USA die Chance nutzen. Denn es geht dabei nicht nur um Syrien, sondern vor allem auch um Teherans Atomprogramm.

Ein sofortiger Angriff hätte die Atomverhandlungen erschwert

Doch US-Präsident Barack Obama steckt in der Syrien-Krise im Dilemma: Einerseits muss er befürchten, dass Teheran seine von ihm gesetzten roten Linien im Streit über das Atomprogramm künftig nicht mehr ernst nehmen könnte. Er hätte das Regime von Baschar al-Assad sofort nach dem mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz angreifen müssen, um eine glaubhafte abschreckende Wirkung zu erreichen. Andererseits hätte eine solche Attacke ohne Vorwarnung auf einen der engsten Verbündeten Teherans das Misstrauen Irans gegenüber den USA verstärkt.

Mit Hassan Rohani ist seit August zudem ein Pragmatiker iranischer Präsident, der eine Entspannung des Verhältnisses zum Westen zum Ziel erklärt hat. Er will erreichen, dass dadurch die harten Wirtschaftssanktionen gegen sein Land gelockert werden. "Versuche, Vertrauen aufzubauen", hat Rohani denn auch als ersten Schritt zwischen Washington und Teheran bezeichnet. Die nächsten Atomverhandlungen sollen am 27. September beginnen. Am 17. September wird Rohani außerdem zur Generalversammlung der Uno in New York erwartet.

Ein umgehender Militärschlag Obamas gegen Assads hätte das Verhältnis der iranischen Pragmatiker gegenüber den kompromisslosen Hardlinern erschwert, schreibt der Iran-Analyst Alireza Nader vom amerikanischen Sicherheits-Think-Tank RAND . Auch diese Aussicht könnte einer von vielen Gründen für Obamas Zögern sein.

In den vergangenen Tagen trafen in Teheran zwei Mittelsmänner ein, um die Möglichkeit für Kompromisse zwischen beiden Seiten zu sondieren: Jeffrey Feltman, ein ehemaliger US-Diplomat und nun hochrangiger Uno-Gesandter, sowie Sultan Qabus aus Oman hätten zuerst mit amerikanischen Vertretern Gespräche geführt, bevor sie sich mit iranischen Beamten trafen, berichtete Teherans Außenminister Javad Zarif den iranischen Medien.

Von verbesserten iranisch-amerikanischen Beziehungen wiederum dürfte Obama sich auch Hoffnungen für Syrien versprechen. Die USA setzen inzwischen - selbst bei einem möglichen Militärschlag - auf eine politische Lösung des Bürgerkriegs, die sogenannten Genf-2-Verhandlungen, die bisher nicht stattfinden konnten wegen der Uneinigkeit aller Beteiligten und Assads Weigerung zu verhandeln. Auch Irans Außenminister sprach sich auf Facebook für eine politische Lösung aus.

Denn ein langsamer Zerfall Syriens ist für Iran und die USA gefährlich: Für beide wäre es ein Alptraum, wenn den Dschihadisten Chemiewaffen in die Hände fallen würden. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass dieses Szenario bereits eingetreten wäre. Die Uno hat einer ihrer Mitarbeiterinnen, Carla Del Ponte, deutlich widersprochen, die im Mai behauptete, syrische Rebellen hätten Saringas eingesetzt.

Bislang wurde Iran jedoch noch nicht zu diplomatischen Gesprächen über Syrien eingeladen. Dabei ist eine Lösung kaum denkbar ohne den wichtigsten Verbündeten Assads. Grundsätzlich hält Teheran zwar am Diktator fest. Doch zur Not gibt es einen Plan B: irantreue Milizen, die auch nach einem möglichen Ende Assads Teherans Einfluss sichern.

"Wir sind bereit, mit jedem - den Russen und anderen - zusammenzuarbeiten, um die Parteien zusammenzubringen und den Konflikt zu lösen", sagte Obama am Samstag. Es war eine indirekte Einladung an Teheran. Bis zu einer möglichen Einigung dürfte der Weg jedoch noch lang sein.