US-Armee Die Angst der Soldaten vor dem "freundlichen Feuer"

Kurz vor dem Angriffe gegen den Irak fühlen sich manche US-Soldaten von ihrer Führung allein gelassen: Der Schutz vor "freundlichem Feuer", an dem 1991 fast ein Viertel aller Golfkriegssoldaten starb, ist seither kaum verbessert worden - das Geld dafür wurde nicht bewilligt. Hektisch versuchen die Soldaten nun, sich mit Notlösungen vor dem Tod durch eigene Geschosse zu schützen.

Kuweit - Der kommende Krieg gilt als neue Bewährungsprobe für effiziente Hightech-Waffen - im US-Militärkamp Virginia in Kuweit aber setzen die Soldaten auf Sandsäcke. Kurz vor dem erwarteten Marschbefehl für die Invasion im Irak verstopfen amerikanische Soldaten laut US-Medienberichten mit den Säcken die Flanken ihrer Humvee-Militärjeeps. So wollen sie die dünnen, teils aus Stoff bestehenden Seiten der Fahrzeuge verstärken.

Die Angst der Soldaten: Gerade wenn mehrere Passagiere in den Humvees mitfahren, könnten sie durch herumfliegende Kugeln oder Metallsplitter gefährdet sein. Und diese Geschosse dürften in vielen Fällen nicht von Irakern abgefeuert worden sein - sondern von den eigenen Truppen.

Kaum Schutz für den "Beschützer"

Die Sandsack-Einsätze in letzter Minute sind ein extremes Beispiel für die teils hektischen und hilflosen Vorbereitungen, mit denen das US-Militär den Tod seiner Soldaten durch "friendly fire" zu verhindern sucht. Im letzten Golfkrieg 1991 sind nach offiziellen Zahlen 35 Amerikaner durch eigene Geschosse gestorben, beinahe ein Fünftel aller Kriegstoten auf US-Seite. 15 Prozent aller Verwundeten wurden von eigenen oder alliierten Truppen angeschossen.

Dass dieser Anteil inakzeptabel hoch war, gestehen im Pentagon und im Aufmarschgebiet am Golf sämtliche Militärs ein. Allein: Nach Meinung vieler Soldaten und Militäranalysten wurden aus dieser Einsicht nicht die nötigen Konsequenzen gezogen. "Wir behelfen uns nun mit schnellen Notlösungen", zitiert die Agentur Reuters einen US-Offizier in Kuweit, der lieber anonym bleiben wolle.

Als besonders gefährdet gelten Fahrer und Besatzung des so genannten "Guardian", eines gepanzerten Sicherheitsfahrzeuges. Die US-Armee besitzt rund 53 dieser Wagen, erstmals kamen sie während des Kosovo-Krieges zum Einsatz. Das bedrohliche Problem: Der Guardian ähnelt einem alten sowjetischen Militärfahrzeug BRDM-2, das auch von der irakischen Armee eingesetzt wird. Leicht, allzu leicht könnten amerikanische Truppen das Fahrzeug im Chaos einer Wüstensschlacht für ein feindliches halten.

"Wie ein Model auf dem Laufsteg"

Eine der Notlösungen: Der Guardian wird derzeit nach Angaben der Agentur AP so oft wie möglich in den amerikanischen Militärcamps hin und hergefahren. Man führe den Wagen absichtlich vor "wie ein Model auf einem Laufsteg", diagnostiziert ein AP-Reporter. Das Kalkül: Die Soldaten sollen sich das Aussehen des Fahrzeuges einprägen, damit sie es im Ernstfall nicht beschießen. Zugleich werden CDs verteilt, die Fotos und Videos des Guardian enthalten.

Auch ansonsten versuchen die Kommandeure, den Risikofaktor Mensch möglichst auszuschließen. Bei fast jedem Briefing weisen die Militärs ihre Untergebenen auf die Gefahr des "friendly fire" hin. Den Soldaten wird eingeschärft, dass der Feind aus allen Richtungen kommen kann, nicht nur von vorne - und dass auch die eigenen Soldaten vor, hinter oder neben einem stehen können. Auf Null senken, das wissen alle, kann man die Zahl der Toten durch eigenen Geschosse nicht.

Das freundliche kleine Leuchtquadrat

Natürlich haben die amerikanischen Militärs auch einige elektronische Mittel erfunden, um den "Fratrizid", wie der Tod durch "freundliches Feuer" im offiziellen Jargon auch genannt wird, möglichst auszuschließen. So tragen alle Soldaten in der Kriegszone eine Identifikationskarte an ihren Helmen oder Uniformen. Das kleine Quadrat, etwa zweieinhalb Zentimeter breit, leuchtet wie Feuer, wenn es durch die Nachtsichtgeräte geortet wird, die Truppen und Piloten benutzen. Im Schlachtengetümmel allerdings kann die kleine Leuchtidentifikation allzu rasch durch andere Soldaten, Fahrzeuge oder Gebäude verdeckt werden.

Mit ähnlichen Warnhinweisen werden auch die US-Kriegsfahrzeuge ausgerüstet. So tragen der Guardian, andere Militärwagen und Panzer so genannte "Phoenix"-Leuchten, die Lichtblitze aussenden, die nur mit Spezialsichtgeräten sichtbar sind. Zugleich sind die Fahrzeuge mit Wärmeschilden ausgerüstet, die Piloten von Kampfflugzeugen mit ihren Infrarotgeräten identifizieren können.

"Nicht viel ist passiert"

Aus Sicht vieler Militärexperten reichen aber diese Lösungen nicht aus. "Mit Blick auf die 'friendly fire'-Problematik ist nicht viel ist passiert", bedauert etwa Ivan Oellrich von der Amerikanischen Föderation der Wissenschaftler. Er und viele Militär-Consultants kritisieren nun, dass im Jahr 2001 ein Programm des Pentagons eingestellt wurde, das ein so genanntes "Battlefield Combat Identification System" (BCIS) entwickeln sollte.

Im Rahmen dieses Programmes sollten Panzer mit komplexen elektronischen Systemen ausgerüstet werden, die der Besatzung erlauben sollten, in Sekundenbruchteilen zu ermitteln, ob es sich bei einem anderen Fahrzeug um Freund oder Feind handelt. Die Panzer sollten, bevor das Feuer eröffnet wird, ein Funksignal zum potenziellen Ziel schicken. Handelt es sich dabei um ein US-Fahrzeug, soll dieses eine verschlüsselte Botschaft zurückfunken, um den Angriff zu verhindern.

Vorstoß an die vordere Front

Das Programm kostete 180 Millionen Dollar, bis es eingestellt wurde. Die US-Regierung sorgte sich wegen der hohen Kosten und war unsicher, ob die Technologie je einsatzfähig werden würde. Derzeit arbeitet das US-Militär zwar zusammen mit Nato-Alliierten an einem ähnlichen Programm. Die Technologie ist aber noch in der Testphase.

Viel Zeit für Vorbereitungen bleibt den Truppen am Golf ohnehin nicht mehr: Wie die Nachrichtenagentur Reuters meldete, sollen die amerikanischen und britischen Truppen nach ihrem Vormarsch in der Nacht bereits in die demilitarisierte Zone (DMZ) vorgestoßen sein. Der Bericht wurde aber von einem Sprecher der US-Streitkräfte dementiert. Auch der arabische Sender al-Dschasira verbreitete aber ähnliche Meldungen. Ein Sprecher der britischen Streitkräfte sagte lediglich, Soldaten hätten "vordere Kampfpositionen" eingenommen.

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