US-Armee Rumsfelds Kopfschmerzen

Terror und Unruhen im Irak fordern ihren Tribut: Jeden Tag werden US-Soldaten erschossen oder in die Luft gesprengt, viele andere verwundet. Die Situation ist verfahren, eine Besserung nicht in Sicht. Jetzt will US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den gesamten militärischen Kurs im Irak überprüfen.

Von Florian Peil


US-Soldaten im Irak: Müde und desillusioniert
REUTERS

US-Soldaten im Irak: Müde und desillusioniert

Berlin - Sein Gesandter, der pensionierte Vier-Sterne-General Gary Luck, wird dazu in der kommenden Woche zusammen mit einigen Militärspezialisten in den Irak reisen. Dort soll er alle Bereiche des US-Einsatzes, von der Anzahl der Truppen über das Trainingsprogramm für die irakischen Sicherheitskräfte bis hin zur Strategie zur Bekämpfung der Unruhen untersuchen und die Schwächen herausfinden, berichtete die "New York Times" am Freitag unter Berufung auf hochrangige Mitarbeiter des Pentagon.

Rumsfelds Entschluss spiegle die tiefe Besorgnis über die Entwicklungen im Irak wieder, zitierte die Zeitung Mitglieder des US-Kongresses. Erst vor wenigen Tagen hatte der Kommandeur der Heeresreserve, James Helmly, in einem Memorandum Alarm geschlagen: Die Streitkraft sei aufgrund "verfehlter" Maßnahmen des Pentagon mittlerweile derart überlastet, dass sie am Rande des Zusammenbruchs stehe.

Das US-Militär hat gegenwärtig vor allem mit zwei Problemen zu kämpfen: einer wachsenden Demoralisierung der Truppen vor Ort und einer unflexiblen Personalpolitik. Zum einen geht immer mehr Soldaten die Illusion verloren, bald aus dem Irak abziehen zu können - zu viele US-Offiziere haben sich negativ über die Arbeit der irakischen Sicherheitskräfte geäußert. Die Ausbildung irakischer Soldaten und Polizeioffiziere sowie der Aufbau eines funktionierenden Sicherheitsapparates sind jedoch die Voraussetzung für einen Abzug der US-Truppen aus dem Irak.

US-Verteidigungsminister Rumsfeld: Besorgt über die Entwicklung im Irak
REUTERS

US-Verteidigungsminister Rumsfeld: Besorgt über die Entwicklung im Irak

Zum anderen tut sich das US-Militär aufgrund seiner schlechten Personalplanung schwer damit, flexibel auf die Ereignisse im Irak zu reagieren. Die Situation dort sei "sehr dynamisch", sagte Pentagonsprecher Lawrence Di Rita der "New York Times". Die Soldaten sind in der Regel völlig überlastet: Statt wie geplant zehn müssen die meisten Soldaten zwölf bis 14 Monate am Golf bleiben.

Um die Soldaten vor Ort zu entlasten, überlegt man im Pentagon, die Truppenstärke um 30.000 zu erhöhen. Sollte diese Erhöhung dauerhaft sein, muss der US-Kongress in Washington zustimmen. Ein hochrangiger Offizier, sagte, dass diese Erhöhung wahrscheinlich von Dauer sein werde - was die USA jährlich drei Milliarden Dollar zusätzlich kosten würde Sowohl republikanische als auch demokratische Abgeordnete haben in der Vergangenheit eine Aufstockung des Militärpersonals gefordert.

Die Personalpolitik der Armee funktioniere in Friedenszeiten, sei im Kriegsfall allerdings untauglich, schreibt Kommandeur James Helmly in seinem Memorandum. Zuviel Zeit werde mit Versuchen verschwendet, Soldaten der Reserve zu mobilisieren, die nicht in den Irak oder nach Afghanistan gehen wollten. Von den rund 150.000 Soldaten im Irak sind nach Angaben eines Offiziellen mehr als 40 Prozent Reservisten.

Rund 4000 ehemalige Soldaten hat das US-Militär über ihre bevorstehenden Einsätze im Irak und Afghanistan bislang informiert, berichtete das "Hamburger Abendblatt". Davon hätten 1800 Widerspruch eingelegt. Von den übrigen seien 753 einem Vorbereitungstraining im November 2004 unentschuldigt ferngeblieben. Ihnen drohen Gerichtsverfahren.

Auch im Irak klagen immer mehr Soldaten dagegen, dass man sie nach abgeleisteter Zeit nicht nach Hause lässt. Ihre Prozesschancen sind jedoch gleich Null. Den Klägern bleibt nach Ansicht von Gary Solis, der an der US-Militärakademie West Point Jura lehrt, wenig Hoffnung: "Traditionell entscheiden die Gerichte in solchen Fällen für das Militär." Einige Reservisten suchten ihr Heil bereits in der Flucht - und setzten sich nach Kanada ab.



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