US-Armee unter Dauerdruck Truppe mit Trauma-Job

Täglich Gefechte, Anschläge, kaum Ruhepausen: Der Afghanistan-Einsatz belastet die US-Armee extrem. Einem internen Bericht zufolge leidet die Moral der Soldaten - und die Selbstmordrate steigt. Die Risiken durch psychische Erkrankungen seien oft sogar gefährlicher als der Feind.

US-Soldaten in Afghanistan: Mangelnde Disziplin in der Truppe
REUTERS

US-Soldaten in Afghanistan: Mangelnde Disziplin in der Truppe


Washington - Der Titel des 350 Seiten starken Berichts klingt wie eine Studie aus der psychiatrischen Forschung: " Gesundheitsvorsorge, Risikoverringerung und Selbstmordprävention".

Vorgelegt hat das Papier jetzt aber nicht ein Mediziner, sondern Peter Chiarelli, Vize-Generalstabschef der US-Armee. 15 Monate lang haben seine Leute die Zustände in der Truppe untersucht - und kommen schon auf den ersten Seiten zu einer verheerenden Bilanz: "Oft sind wir selbst für uns gefährlicher als unsere Gegner", heißt es auf Seite 11.

Der Grund für diesen Befund ist vor allem die wachsende Zahl von psychischen Problemen und Selbstmordfällen in der US-Armee. Der Bericht macht dies an konkreten Vergleichszahlen fest. So habe die Selbstmordrate in der Armee früher unter derjenigen in der amerikanischen Zivilbevölkerung gelegen. Doch beginnend mit dem Jahr 2004 sei sie gestiegen, 2008 habe sie mit 20,2 (bezogen auf 100.000 Soldaten) über dem Wert in der Zivilbevölkerung (19,2) gelegen.

Nüchterne Zahlen, die aus Sicht der Militärs eine erschreckende Entwicklung verdeutlichen.

Der interne Bericht fällt in eine Zeit, in der die US-Armee ohnehin unter erhöhtem Druck steht. In der vergangenen Woche wurden von der Enthüllungsplattform WikiLeaks geheime US-Militärdokumente veröffentlicht, die vom SPIEGEL, dem "Guardian" und der "New York Times" geprüft und analysiert wurden. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes in Afghanistan und enthalten unter anderem zahlreiche Hinweise auf geheime Einsatzkräfte, die Taliban festsetzen oder liquidieren sollen.

Nun ist der Chiarelli-Bericht der nächste Dämpfer für die US-Armeeführung. 160 aktive Soldaten nahmen sich laut dem Bericht 2009 das Leben. Auch in diesem Jahr muss sich die Führung der US-Armee Sorgen über die wachsende Zahl der Freitode machen: Im Juni erreichte diese nach Angaben von Chiarelli mit 32 Fällen ein neues Hoch. Seit Jahresbeginn nahmen sich 80 aktive und 65 Reservesoldaten das Leben.

Dem Bericht zufolge ist das Selbstmordrisiko bei Soldaten, die erst spät mit etwa 28 oder 29 Jahren in die Armee eintreten, dreimal höher als bei anderen. Möglicherweise hätten diese Soldaten mehr persönliche oder finanzielle Probleme, mutmaßt der Bericht. Besonders häufig seien Suizide außerdem im ersten Jahr in der Armee, mit der Dauer des Dienstes nehme das Risiko ab.

"Das sind die, die uns so verwirren und schwer zu verstehen sind"

Beunruhigt zeigte sich Chiarelli von den vielen Selbstmorden ohne offensichtlichen Grund. Zwei- bis dreimal pro Monat nähmen sich Soldaten das Leben, bei denen es keinerlei Hinweise auf schwerwiegende Probleme gegeben habe. "Das sind die, die uns so verwirren und schwer zu verstehen sind", sagte Chiarelli bei der Präsentation des Berichts.

Hinweise darauf, dass Soldaten mit mehreren Kampfeinsätzen im Ausland eher selbstmordgefährdet sind als andere, fand die Prüfkommission nicht. Chiarelli schließt einen Zusammenhang dennoch nicht aus. Als Schutzmaßnahmen gegen Depressionen, Angstzustände und Selbstmordgedanken fordert er nach Auslandseinsätzen einen längeren Aufenthalt in der Heimat.

Doch gerade eine solche Auszeit bei Familie und Verwandten wird vielen Soldaten nicht ermöglicht. So berichtete etwa der US-Sender MSNBC auf seiner Internetseite über den Fall von Thomas Riordan. Der Sergeant war in Afghanistan eingesetzt, bei einem Kampf gegen Aufständische erlebte er, wie acht seiner Kameraden getötet wurden. Eine Zeit lang verbrachte er dann im Heimaturlaub in Colorado. Damals sagte ihm seine Frau, dass sie sich scheiden lassen wolle. Riordan schloss sich daraufhin im Badezimmer ein und schluckte Schlaftabletten. Seine Frau rief die Polizei, Riordan kam ins Krankenhaus.

"Ich habe denen gesagt, dass ich mich nicht umbringen wollte", sagte Riordan später. "Ich habe versucht, zu schlafen. Was ich genommen habe, reichte nicht, um mich umzubringen." Er habe aber genug Tabletten für einen Selbstmord besessen - und auch darüber nachgedacht.

Ein Psychologe fragte Riordan später, was dieser am liebsten tun würde. Die Antwort des Soldaten: in Colorado bleiben. Doch er musste zurück in den Osten Afghanistans. Denn die US-Armee versucht mittlerweile, traumatisierte Soldaten möglichst an ihrem jeweiligen Einsatzort zu behandeln. "In-theater treatment" lautet die Bezeichnung dafür.

Dahinter steckt die Idee, dass die Soldaten sich besser erholen, wenn sie mit Menschen zu tun haben, die verstehen können, was sie durchgemacht haben - statt sie in ein Therapiezentrum irgendwo in den USA zu schicken, wo sie weit weg wären von vertrauten Personen und ihrer gewohnten Routine.

Die Angst, Schwäche zu zeigen

Riordan glaubt, zwar dass vielen seiner Kameraden die Behandlung am Einsatzort geholfen habe. Doch für ihn selbst war es anders. Oft seien die Berater nicht dagewesen, wenn er sie gebraucht habe. Ein Psychologe, ein Psychiater und zwei Sozialarbeiter waren damals in Afghanistan für 5000 Soldaten zuständig.

Dann erhielt Riordan den Befehl, sich für einen neuen Einsatz bereitzuhalten. Es ging darum, afghanischen Sicherheitskräften zu helfen, die angegriffen worden waren. Als Riordan von der Mission ins Lager zurückkam, bekam er sofort den nächsten Einsatzbefehl. Riordan flippte aus. "Ich bin kurz davor, jemanden zu erschießen oder mich selbst umzubringen", wurde er zitiert. Er brauche Hilfe. Von dem Zeitpunkt an erhielt Riordan intensivere Betreuung.

Der Fall Riordan ist ein extremes Beispiel - aber immerhin erhielt der Soldat irgendwann Hilfe. Dem von Chiarelli vorgelegten Bericht zufolge ist aber davon auszugehen, dass längst nicht alle traumatisierten Soldaten behandelt werden. Psychische Belastbarkeit sei beim Militär immer noch ein Zeichen von Stärke, wohingegen der Wunsch nach Hilfe von vielen Soldaten als Zeichen von Schwäche angesehen würde. Aus Furcht vor einem entsprechenden Stigma würden oft gerade diejenigen, die am dringendsten psychologische Hilfe bräuchten, darauf verzichten.

Ein schlechtes Zeugnis stellt der Bericht auch dem Zusammenhalt und der Disziplin der US-Soldaten aus. Viele hätten durch die Herausforderungen der Einsätze in Afghanistan und im Irak sehr gelitten. Drogenmissbrauch und andere Vergehen haben demnach deutlich zugenommen. "Drogen- und Alkoholmissbrauch ist ein signifikantes Problem in der Armee", heißt es in dem Bericht. Zudem werde die Disziplin in der Truppe offenbar vielfach nicht mehr konsequent eingefordert. So seien mehr als 1000 Soldaten, die bereits zwei oder mehr Straftaten begangen haben, immer noch in der Armee.

hen/AFP



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
misterbighh, 02.08.2010
1. Na und?
Zitat von sysopTäglich Gefechte, Anschläge, kaum Ruhepausen: Der Afghanistan-Einsatz belastet die US-Armee extrem. Einem internen Bericht zufolge leidet die Moral der Soldaten - und die Selbstmordrate steigt. Die Risiken durch psychische Erkrankungen seien oft sogar gefährlicher als der Feind. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709684,00.html
Krieg ist kein Lagerfeuertreffen. Wer was anderes glaubt hatte schon vorher einen an der Marmel. Wer Krieg kennt und sich nicht drückt der ist verrückt. Die Amis hätten sich auch über Vietnam informieren können dann hätte den meisten eigentlich schon vorher die Lust vergehen müssen. Gäähn
wika 02.08.2010
2. Amtszeitverlängerung von Obama…
Wenn das mit der Eskalation in Afghanistan so weitergehen soll, dann wird sich auch die Geschichte von der einseitigen Verlängerung der Amtszeit des Nobel-Krigespreis-Trägers wohl noch bewahrheiten. http://qpress.de/2010/08/02/obama-verlangert-seine-amtszeit/ Allen Einsichten zum Trotz, dass es dort außer einem großen Gemetzel auf lange Sicht keine Erfolge geben wird, wird aber nichts unterlassen die Geschichte eskalieren zu lassen. Auch ist es nicht die frage nach der Blindheit der verantwortlichen, die wissen genau was sie tun. Es ist die Rhetorik um die Völker der Welt zum Durchhalten bei diesem Mords-Geschäft zu bewegen. Wie weit können Demokratien denn noch degenerieren um dem Mammon hinterherzujagen und ihr Treiben auf so schizophrene Weise zu rechtfertigen. Aber an Menschenmaterial für die Schlacht(ungen) wird es schon nicht fehlen.
Schleswig 02.08.2010
3. xxx
Zitat von sysopTäglich Gefechte, Anschläge, kaum Ruhepausen: Der Afghanistan-Einsatz belastet die US-Armee extrem. Einem internen Bericht zufolge leidet die Moral der Soldaten - und die Selbstmordrate steigt. Die Risiken durch psychische Erkrankungen seien oft sogar gefährlicher als der Feind. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709684,00.html
Psychische Erkrankungen - Angebot schafft Nachfrage.
Gandhi, 02.08.2010
4. Haben Sie Links zu weiteren VTs?
Zitat von wikaWenn das mit der Eskalation in Afghanistan so weitergehen soll, dann wird sich auch die Geschichte von der einseitigen Verlängerung der Amtszeit des Nobel-Krigespreis-Trägers wohl noch bewahrheiten. http://qpress.de/2010/08/02/obama-verlangert-seine-amtszeit/ Allen Einsichten zum Trotz, dass es dort außer einem großen Gemetzel auf lange Sicht keine Erfolge geben wird, wird aber nichts unterlassen die Geschichte eskalieren zu lassen. Auch ist es nicht die frage nach der Blindheit der verantwortlichen, die wissen genau was sie tun. Es ist die Rhetorik um die Völker der Welt zum Durchhalten bei diesem Mords-Geschäft zu bewegen. Wie weit können Demokratien denn noch degenerieren um dem Mammon hinterherzujagen und ihr Treiben auf so schizophrene Weise zu rechtfertigen. Aber an Menschenmaterial für die Schlacht(ungen) wird es schon nicht fehlen.
Rechtsextreme Kreise behaupten gerne solchen Unsinn (Wohl weil sie selbst Putschgedanken hegen und pflegen. Nicht einmal der Kriegspraesident Bush hat es gewagt, sich zum Diktator bis auf Weiteres zu ernennen.
Revisionist 02.08.2010
5. In Vietnam
Zitat von misterbighhKrieg ist kein Lagerfeuertreffen. Wer was anderes glaubt hatte schon vorher einen an der Marmel. Wer Krieg kennt und sich nicht drückt der ist verrückt. Die Amis hätten sich auch über Vietnam informieren können dann hätte den meisten eigentlich schon vorher die Lust vergehen müssen. Gäähn
waren Wehrpflichtige. Daraus hat man gelernt, die Söldner krepieren jetzt freiwillig, ob nun bei der Army oder den Privatarmeen.
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