US-Beamter Myers Castros Maulwurf in Washington

Wenn er Top-Secret-Informationen wollte, bekam er sie: Kendall Myers arbeitete 31 Jahre lang in hoher Position für die US-Regierung, 30 davon soll er für Kuba spioniert haben. Der Fall könnte sich zu einem der größten Agentenskandale der jüngeren US-Geschichte auswachsen.

Kendall Myers machte zweimal in seinem Leben weltweit Schlagzeilen: 2006 erklärte er das vielbeschworene "spezielle Verhältnis" zwischen den USA und Großbritannien zur Illusion - und alle britischen Premiers von Churchill bis Blair zu "Pudeln" der Amerikaner . Und dann in diesen Tagen, nachdem ihn das FBI als wohl höchstrangigen Verräter und Agenten festnahm, der 30 Jahre lang US-Geheimnisse an Kuba weitergegeben haben soll.

Damals wie heute fällt vor allem eines auf: Myers ist ein modernes Phantom.

Der 2007 in den Vorruhestand beförderte Ex-Top-Geheimdienstmitarbeiter war seit langer Zeit ein Grenzgänger. Mit der höchsten Sicherheitsfreigabe ausgestattet, hatte er Zugang zu den brisantesten Regierungs- und Geheimdienstinformationen, arbeitete im State Department als Analyst Condoleezza Rice zu. Zugleich hatte er einen Lehrauftrag an der renommierten Johns Hopkins University inne und wurde von der Universität als Experte für internationale Fragen an wissbegierige Journalisten vermittelt. Er reiste viel, verhandelte hinter den Kulissen und hielt Vorträge auf prominenten Podien.

Nur eines fehlt von ihm: Fotos.

Wo auch immer Myers auftrat, wusste er offenbar, wie man die Kamera meidet. Zitiert wurde er oft über die Jahre, fotografiert nicht. Auch Journalisten, die sich mit ihm trafen, ihn interviewten und zitierten, veröffentlichten keine Bilder des habilitierten Historikers und Geheimdienstmannes. Auch aus seinem akademischen Doppelleben gibt es so wenig Bilder wie aus seinem Privatleben, über das bisher so gut wie nichts bekannt ist.

In US-Blogs kursiert nun ein verwaschenes Bild, ein Paparazzi-Shot, der ihn zeigen soll: einen grauhaarigen, großen und massigen Mann. Neben ihm eine dunkelhaarige Frau mit Pferdeschwanz: Gwendolyn Myers? Man weiß es nicht, weil Vergleichsfotos fehlen, nur Fox News behandelt das Bild derzeit als authentisch. Zur Weitergabe von Geheimnissen per E-Mail statt per Einkaufswagen-Tausch im Supermarkt sei sie übergegangen, soll Gwendolyn Myers dem FBI erzählt haben, weil in Märkten jetzt überall Kameras hingen.

Wer auch immer die Myers sind, Geheimniskrämer sind sie auf jeden Fall.

Ein provozierter Abgang?

An all dem hat sich auch nichts geändert, als Myers wenige Monate nach seinen öffentlichen Äußerungen über das britisch-amerikanische Verhältnis seinen Hut nehmen musste. Man weiß, wo Myers arbeitete, wo er wohnte. Die Nachbarn des Paares im mondänen, strikt abgeschotteten Reichen-Refugium "The Westchester"   in Washington kannten das Paar Myers und äußerten sich nach der Verhaftung überrascht.

Möglich, dass Kendall Myers und seine Frau Gwendolyn Steingraber Myers irgendwo auf den Partyfotos , die die diskrete Westminster-Community dann doch nicht alle hinter Firewalls verschwinden ließ, zu sehen ist. Gutsituiert und mindestens im mittleren Alter sind die meisten, die dort feiern.

Seit 1929 gehört der Apartment-Block zu Washingtons besten Adressen. Die Besitzer sind stolz darauf, dass dort stets auch Parlamentarier und Regierungsmitglieder lebten. Wer dabei sein will, muss aktuell zwischen 225.000 Dollar für ein kleines Ein-Zimmer-Studio mit Kochnische und 1,6 Millionen Dollar für das Familien-Penthouse hinlegen. Myers konnte sich das leisten.

Das Paar lebte behütet in dem bewachten Wohnbezirk, aber nicht zurückgezogen. Man kannte sich - und mancher glaubte, man habe sich sogar gut gekannt. Über zehn Jahre wohnte etwa der pensionierte Banker Russell Pickering Tür an Tür mit den Myers. Er habe auch Myers Mutter, eine Enkelin des Telefonerfinders Graham Bell, schon gekannt, erzählte er Reportern der Nachrichtenagentur AP. Mit Kendall Myers habe er Zeitschriften und Zigarren getauscht und ab und zu auch einen gehoben: Nette Leute seien die Myers und unschuldig, "bis das Gegenteil bewiesen ist".

Das aber scheint, wenn man der offiziellen Verlautbarung des Justizministeriums  folgt, nicht allzu schwer zu werden. Seit drei Jahren waren FBI-Agenten einem Maulwurf im State Department auf den Fersen. Als Myers mit seinen Äußerungen über das britisch-amerikanische Verhältnis seinen Rauswurf provozierte, galt er bereits als Hauptverdächtiger. Hatte Myers einen publikumswirksamen Notausgang gewählt?

Überzeugungstäter für die kubanische Sache?

Es wäre nicht unmöglich. Dagegen spricht Myers Vorsicht: Es gibt Hunderte von belegten Zitaten von ihm, nie aber lässt er sich über Kuba aus. An der Johns Hopkins University lehrte er über europäische Fragen, in den letzten Jahren ließ er sich auch dafür einspannen, sich mit Asien zu beschäftigen. Mit Professoren in Südkorea und Taiwan pflegte er, vermittelt über internationale akademische Kooperationsprogramme, einen regen Austausch. Kuba? Daran, sagen auch Nachbarn, hatte er anscheinend kein Interesse.

Die Aussagen der Fahnder, die ihn als kubanische Agenten getarnt seit zwei Jahren observierten, immer wieder trafen und aushorchten, klingen anders. Unverhohlen emotional klingt das, wenn Myers sie Grüße und Liebe für alte Weggefährten übermitteln lässt. Nicht für Geld hätten die Myers 30 Jahre gegen ihr eigenes Land spioniert, glauben die FBI-Fahnder, sondern aus Überzeugung, aus Begeisterung für die kubanische Sache. 1995 soll sich das Ehepaar, zumindest aber Frau Gwendolyn, gar mit Fidel Castro persönlich getroffen haben. In Havanna, wohin der amerikanische Top-Geheimdienstträger so frei reiste wie nach Argentinien, Brasilien, Ecuador, Jamaika und Trinidad und Tobago, um kubanische Kontaktleute zu treffen. Zu dieser Zeit hatte Myers die höchste Sicherheitsstufe - er kam heran, woran er wollte.

Steilvorlage für "Kommi-Fresser"

Kann das alles wahr sein? Seit 1978 soll das Ehepaar Myers für Kuba tätig gewesen sein. Aus Abscheu gegen den US-Imperialismus, wie es in der Klage gegen die beiden heißt. Nein, sagen Nachbarn, "loyale Amerikaner" seien die beiden. Dass Myers ein ausgesprochener Gegner der Bush-Administration, des Irak-Krieges war und dies auch äußerte, war bekannt. Trotzdem stieg er weiter auf: Im State Department landete er erst 2000, in der Ära Bush also.

Kein Wunder, dass nun die Diskussionen in den Netzen hochkochen. Jenseits der leicht schockierten, düpierten, deutlich konsternierten Kommentare in der US-Presse werden die Töne deutlicher. Im Guerrilla News Network gibt es zwar Applaus für "die mutige Tat". Die meisten Äußerungen aber klingen anders: Myers ist in den Augen der Amerikaner natürlich ein Verräter.

Das gibt der strammen Rechten wieder etwas Oberwasser. 250 Dollar, hämt genüsslich das ultrarechte Blog "Democrat = Socialist", habe Kendall Myers an "Hussein Obama" gespendet im Wahlkampf . Ob der diese "Spende von Castro" nun wohl zurückgeben werde? Und noch deutlicher: "Wie viele andere dreckige Verräter haben noch für Obama gespendet?"

"Wer spioniert, sollte gehängt werden", sagt da einer in einem Forum.
"Nur in Kriegszeiten", kommt die moderatere Antwort, "sonst reicht lebenslänglich".

US-Gerichte: Kein Pardon für Spione

Kendall und Gwendolyn Myers sehen sich mit Anklagen konfrontiert, die sich auf 35 Jahre Haft summieren. Das ist durchaus realistisch. Der vielleicht am besten vergleichbare Fall in der amerikanischen Rechtsgeschichte ist der von Jonathan Pollard, der mit seiner Frau Anne 1987 wegen Spionage für Israel verurteilt wurde.

Wie Myers war auch Pollard als Analyst bei einem US-Geheimdienst angestellt, reichte Geheimmaterial weiter, das er aus der eigenen Arbeit abzweigen konnte. Pollard bekam lebenslänglich, seine Frau aufgrund einer Vereinbarung mit der Justiz fünf Jahre. Er sitzt seit 1987 ein, eine Berufung gegen die Verurteilung wurde ihm wie die Möglichkeit vorzeitiger Entlassung verweigert. Israel bemüht sich seit einigen Jahren vergeblich um seine Freilassung.

Und dies ist ein Fall, der Spionage unter verbündeten Nationen betrifft. Zum Tode verurteilt werden sollte dagegen eigentlich der FBI-Agent Robert Hanssen, der 2001 der Spionage für Russland und vorher für die Sowjetunion überführt wurde. Seine Strafe wurde aufgrund eines Geständnisses über Spionage in 15 Fällen zu lebenslänglich abgemildert. Hanssen verbüßt diese Strafe 23 Stunden am Tag in Einzelhaft.

Etwas besser dran ist da Ana Belen Montes, Ex-Angestellte des militärischen Geheimdienstes DIA, die ebenfalls 2001 wegen Geheimnisverrats an Kuba verurteilt wurde. Sie verbüßt eine 25-Jahre-Strafe in einem Militärgefängnis für weibliche Häftlinge. Ab 2023 soll sie im Rahmen einer fünfjährigen Bewährungszeit in die Gesellschaft reintegriert werden.

Doch Pollards und Montes Vergehen sind Kleinkram gegen das, was die Staatsanwälte dem Ehepaar Myers vorwerfen. Allein in der Zeit, in der er noch im Dienst, aber schon unter Beobachtung stand, soll Myers über 200 Geheimdokumente über Kuba angefordert haben, ein Teil davon mit der höchsten Sicherheitsstufe Top Secret gekennzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte sich Myers offiziell mit Fragen der transatlantischen Beziehungen, insbesondere mit Großbritannien.

Mildernd zugute kommen könnte Myers da nur noch eines: Anders als im Fall Hanssen führte Myers Spionage nicht zur Überführung amerikanischer Agenten, kostete wohl keine Leben. Trotzdem könnte der Fall Myers zu einem der größten Spionageskandale der US-Geschichte anwachsen: Sehr, sehr bald wird man dann auch Fotos sehen von Walter Kendall Myers.

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