US-Demokraten Republikaner schicken Saboteure zur großen Obama-Sause

Feuerpause während des Parteitags - das ist in den USA eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz. Doch die Republikaner wollen Barack Obama die große Bühne nicht allein überlassen, ihre Störenfriede tauchen sogar im Tagungssaal der Demokraten auf.

Aus Denver berichtet


Denver - Wirtschaftsstudent Bryan Willis, 20, und sein Kommilitone Curtis Sveinsson, 21, sind extra aus Colorado Springs nach Denver gekommen, gut eine Autostunde. "Das ist die erste Präsidentschaftswahl an der ich teilnehmen kann", sagt Willis. "Es ist mir eine Ehre, hier zu sein." Die beiden sind wegen des demokratischen Wahlparteitags in der Stadt - dabei sind sie keine Fans von Barack Obama, dessen Krönung diese Woche im Pepsi Center zelebriert wird. Die beiden Studenten sind Republikaner - eingefleischte. "Obama?", höhnt Willis lachend. "Nobama!"

Die Jungs, deren T-Shirts unmissverständlich für Obamas Rivalen John McCain werben, gehören zu einer wackeren Republikaner-Garde, die sich nach Denver bemüht hat, um die fein inszenierte Demokraten-Show nach Herzenslust zu stören. Mit Pressekonferenzen, E-Mail-Kampagnen und kecken Auftritten mitten in der Höhle des Löwen, im Plenum des Tagungssaals, versuchen sie den Gegner aus dem Konzept zu bringen - und die Pressevertreter von der eigentlichen Parteitagsbotschaft abzulenken. Womit sie beachtlichen Erfolg haben.

Etwa am Dienstag: Als die Republikaner zum Pressehalali auf Obama blasen, nur um dabei ihre eigenen Wahlparolen durchzukäuen, folgen mehr als 100 Reporter dem Ruf - ähnlich viele, wie sich tags zuvor um Hillary Clinton geschart hatten. Sie drängeln sich in der provisorischen Kommandozentrale der Störenfriede, einer Büroflucht jenseits der Autobahn I-25.

Der Eingang, vor dem Willis und Sveinsson Wache stehen, ist mit bösen Anti-Obama-Parolen tapeziert: "Not ready 08" zum Beispiel. "Not ready": Nicht bereit - das ist zugleich der Titel einer Website, mit der die Republikaner hier auch im Cyberspace Krieg gegen die Demokraten führen. Drinnen im Foyer, in dem Fox News über einen Bildschirm flimmert, laufen Strategen umher -Flugblätter in der Hand, Sabotage im Sinn. Rund 20 feste Mitarbeiter der Partei und des McCain-Teams bemannen diesen konservativen War Room, unterstützt von ebenso vielen Freiwilligen.

Nie zuvor waren so viele Journalisten und so viele Rund-um-die-Uhr-Nachrichtensender auf einem US-Parteitag vertreten, alle auf der Hatz nach immer neuen Storys, um die Sendeminuten zu füllen. Leider bot das Tagesprogramm des Parteitags dafür bisher kaum genug Futter - mit Ausnahme der abendlichen Top-Reden und des längst ermüdenden Clinton-Psychodramas. Frisches Material ist da herzlich willkommen.

Sie beschwören den 11. September

Selbst und gerade, wenn es von der Gegenseite kommt, die darin eine Marktlücke erkannt hat - auch wenn diese so mit der bisherigen Gepflogenheit bricht, der tagenden Partei eine Woche lang das Feld zu überlassen.

Also baut sich der gescheiterte Kandidat und potentielle McCain-Vize Mitt Romney am Dienstag im Hauptquartier der Querschläger auf, flankiert von den Kongressabgeordneten Eric Cantor (ebenfalls Vize-Aspirant), Lincoln Diaz-Balart und Marsha Blackburn. Sie tragen orangefarbene TV-Schminke, die Herren schillernde Krawatten, und dann legen sie los.

Obama habe "94-mal" für Steuererhöhungen oder gegen Steuererleichterungen gestimmt, hat Romney nachgerechnet. Obama sei gegen Offshore-Ölbohrungen (das neue Patentrezept der Republikaner gegen hohe Spritpreise), donnert Cantor. Obama sei "nicht bereit fürs Präsidentenamt", findet Diaz-Balart. Obama mangele es an Botschaften, diagnostiziert Blackburn. Emsig schreiben die Reporter mit, viele offerieren sich als willige Nachfrager und Stichwortgeber.

Auffallend ist: Keiner dieser Republikaner nennt den Kongresskollegen, wie es Sitte ist, "Senator Obama", sondern in klarer Absprache durchgehend "Mr. Obama".

Derweil wandert ein paar Meilen weiter Rudy Giuliani, seinerseits ein gescheiterter Vorwahlkandidat, durchs Civic Center, einen Kulturkomplex in der Nähe des Parteitags. Dort fröhnt der Ex-Bürgermeister New Yorks seinem Lieblingshobby: Er besichtigt eine Terrorismusausstellung und beschwört mal wieder den 11. September - die alte Wahlwaffe der Rechten gegen die Demokraten. Ach was, das sei doch kein politischer Schautermin, herrscht er einen Reporter an: "Dafür ist dies nicht der Ort."

Republikaner-Empfang für enttäuschte Hillary-Fans

Der rechte Ort ist nur Schritte weiter, im Pepsi Center. Ungerührt stürzt sich Giuliani in den Trubel, signiert T-Shirts, klopft Schultern, schüttelt Hände und wagt sich am Ende sogar aufs Plenum. "Ich treffe hier viele alte Freunde", sagt er augenzwinkernd - und giftet dann im selben Atemzug gegen Obama: "Der Senator aus Illinois ist einer der unerfahrensten Kandidaten, die wir je hatten." Immerhin, er nennt ihn Senator - namenlos.

Begleitet wird der persönliche Einsatz hinter der Obama-Front von unablässigem Trommeln im lokalen Äther. Jeden Tag laufen hier TV-Spots, die sich Obama vorknöpfen - mit den Worten seiner Ex-Rivalin Clinton, die den Republikanern im Vorwahlkampf tolle Zitate geliefert hat. Etwa: "Senator McCain wird lebenslange Erfahrung in den Wahlkampf einbringen." Wenn die Demokraten schon gespalten sind, dann muss man das auch ausnutzen - vor allem, wenn diese Spottvideos von den Nachrichtensendern den ganzen Tag lang kostenlos wiederholt werden.

Weitere Ideen, mit denen die Republikaner hier aufwarteten: eine Pressekonferenz mit Clinton-Fans, die es zu McCain drängt, sowie eine "Happy Hour for Hillary" (auf Parteikosten) für noch unentschlossene Clinton-Delegierte.

"Wir sind die Wahrheitseinsatzkommandos", deklamiert Cantor. Auch hält seine Präsenz hier, ebenso wie die Romneys, die schwelende Debatte um McCains Vize-Entscheidung wach. Diese Entscheidung will McCain angeblich am Freitag treffen, seinem 72. Geburtstag - und dem Tag nach Obamas großer Open-Air-Kandidatenrede. Ein schöner Plan, auch dem Finale dieses Parteitags die Luft zu nehmen.

Doch im 24-Stunden-Nachrichtenzyklus wird sich auch das nicht lange halten. Kommende Woche, beim Republikaner-Parteitag in St. Paul, wendet sich das Blatt.

Die Demokraten haben dort schon Büroräume angemietet.



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