Romney-Dokumentation Mensch Mitt!

Aus Romney wird Mitt: Eine Dokumentation zeigt den erfolglosen Kampf des Republikaners Mitt Romney ums Weiße Haus - aus nächster Nähe. Nöte, Sorgen und Peinlichkeiten machen aus dem Politik-Roboter einen sympathischen Mann. Hat sich Amerika geirrt?

Regisseur Whiteley, Ex-Kandidat Romney: "Vater will US-Präsident werden"
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Regisseur Whiteley, Ex-Kandidat Romney: "Vater will US-Präsident werden"

Von , Washington


Plötzlich geschieht das Unerhörte. Da kommt der Kandidat Mitt Romney von irgendeiner dieser TV-Debatten zurück ins Hotelzimmer. Es ist ziemlich gut gelaufen. Aus Gründen der Freude greift ihm nun Ehefrau Ann mitten ins Haupthaar: "Wir wuscheln sein Haar durch!", ruft sie. Und Ann wuschelt. Und wuschelt.

Tja, so heiter geht es bei den Romneys privat zu.

Revolutionär ist diese Szene, weil ja die Romney-Frisur als Quintessenz des Romneytums galt: Glatt, gelackt, wie festgenagelt. Mitt Romney verlor die Präsidentschaftswahl 2012 auch deshalb, weil er gegen Barack Obama wie ein Politik-Roboter erschien, der durch die Kulisse wackelte und zurechtgelegte Phrasen replizierte.

In seiner Dokumentation "Mitt" lässt Regisseur Greg Whiteley diese Fassade bröckeln. Aus Romney wird Mitt. Sein Film, sagt Whiteley, sei weniger politisch als vielmehr "ein Familiendrama": Es gehe um den Vater einer Familie, der Präsident werden wolle. Sechs Jahre durfte er Romney eng begleiten, von dessen erstem Versuch - Scheitern in den republikanischen Vorwahlen 2008 - bis zur Niederlage gegen Obama 2012. Danach durfte er das Material veröffentlichen. Solche nach den Wahlkämpfen erscheinenden Enthüllungsstorys sind beliebt in den USA. Whiteley geht noch einen Schritt weiter: Er muss die Ereignisse nicht rekonstruieren, schließlich war er mit der kleinen Kamera stets dabei.

Herausgekommen ist ein selten intimer Einblick in das Leben eines Präsidentschaftskandidaten jenseits tagesaktueller Inszenierung. An diesem Freitag ist der 92-Minuten-Film auf dem US-Streaming-Portal Netflix angelaufen. Dies sind die besten Szenen:

  • Moment der Niederlage: Ann und Mitt, die fünf Söhne (die bis auf einen alle gleich aussehen), die Schwiegertöchter und unzählige Enkelkinder lesen sich in einem Bostoner Hotelzimmer die miesen Zahlen vor. Bundesstaat für Bundesstaat geht verloren. Irgendwann sagt Romney: "Was sagt man eigentlich, wenn man seine Niederlage eingesteht?" Ann starrt ins Nichts. Sohn Josh sagt: "Ich will nicht glauben, dass du verlieren kannst." Romney hat Tränen in den Augen: "Leute, meine Zeit auf der Bühne ist vorbei."

  • Zweifelnder Kandidat: Romney ist pessimistischer und weniger selbstsicher als angenommen. Nach TV-Debatten fühlt er sich mies: "Ich dachte, ich sterbe." Überhaupt geht ihm das ständige innerparteiliche Kräftemessen auf den Keks: "Wieviele Debatten muss ich denn noch machen?!" Der Vorwurf, er sei ein politischer Wendehals ("Flip-Flopper"), trifft ihn: "Was kann ich schon dagegen machen? 'Oh, er war gestern Abend bei Burger King. Und den Abend davor bei McDonalds!' So gesehen bin ich ein fehlerhafter Kandidat." Und Romney fürchtet Obama: "Er kann sehr gut debattieren, er ist viel besser als die anderen, sehr effektiv."

Ann und Mitt Romney mit Enkeltochter Allie bei der Film-Premiere in Utah
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Ann und Mitt Romney mit Enkeltochter Allie bei der Film-Premiere in Utah

  • Schöner Schein: Sohn Josh karikiert seine eigene Standardantwort auf die Frage, ob sich denn die Quälerei des Wahlkampfs lohne. So trägt er anfangs mit eingeübter Miene die "Medien-Version" vor (Romneys Bedeutung fürs Land, seine Fähigkeiten und so weiter und so fort), um dann die "Übersetzung" zu liefern: Dass nämlich das Dauerfeuer auf den Kandidaten gehörig nerve und man sich denke, ob es das wirklich wert sei. "Unter diesen Voraussetzungen kannst du doch keine guten Leute überzeugen, sich um die Präsidentschaft zu bewerben."

  • Familienmensch: Die Romneys muten an wie Familie Mustermann. An Weihnachten 2006 machen sie gemeinsam Winterurlaub und beraten das Für und Wider einer Kandidatur. Mitt trägt die Argumente in Tabellen ein. Jeder versichert jedem ständig, dass man sich liebe; die Großfamilie ist so groß, dass Romney sie selbst als "Erdhörnchen-Dorf" bezeichnet. Ständig räumt er seinen Enkelkindern hinterher ("Oh Mann, der ganze Müll hier..."). Und vor der Debatte gegen Obama sagt Ann: "Sieh' zu, dass du was ins Bäuchlein kriegst." Mitt drückt sich dann ein paar Nudeln rein. Man betet viel miteinander, spricht sich Mut zu, und mit Tränen in den Augen sagt der älteste Sohn Tagg: "Das Land mag dich für eine Lachnummer halten, aber wir kennen die Wahrheit." Romney bügelt die Manschetten seines Hemdes, während er es schon am Leib trägt: "Es funktioniert .... Autsch! ... Es funktioniert."

Dieser zweifelnde, spießige, pedantische, manchmal witzige, stets Karohemden tragende Mitt Romney erscheint nach eineinhalb Stunden ganz sympathisch. Der Film verzichtet auf politische Kontroversen, die Romney Stimmen kosteten: Seine 47-Prozent-Bemerkung über jenen Teil der Bevölkerung, der in Abhängigkeit vom Staat lebe; seinen peinlichen Europa-Trip; seine persönliche, niedrige Steuerquote.

Letztlich aber enthüllt Whiteleys Film neben dem Menschen Mitt noch etwas anderes: Dass im erweiterten Familienkreis offenbar kaum tiefergehend über Politik gesprochen wird. Wenn überhaupt, dann geht es um Steuersätze. Heißt: Wir erleben die Politik-Maschine Romney hier zwar als guten Menschen; aber in dem Mann brennt kein Feuer, da ist keine Begeisterung, keine politische Vision.

Man kann ohne diese Zutaten ein wunderbares Leben führen. Aber dem Job im Weißen Haus wären sie dann doch ganz zuträglich.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
qvoice 25.01.2014
1.
Zitat von sysopDPAAus Romney wird Mitt: Eine Dokumentation zeigt den ergebnislosen Kampf des Republikaners Mitt Romney ums Weiße Haus - aus nächster Nähe. Nöte, Sorgen und Peinlichkeiten machen aus dem Politik-Roboter einen sympathischen Mann. Hat sich Amerika geirrt? http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-dokumentation-mitt-ueber-ex-praesidentschaftskandidat-romney-a-945470.html
Im Nachhinein ist man immer schlauer. Hoffentlich bekommen die USA nach Bush und Obama endlich einen fähigen Präsidenten. Verdient hätten sie es.
wittchen2000 25.01.2014
2. Reich + Nett
Das sind im wesentlichen die Voraussetzungen um in den U.S.A. präsident zu werden. Eine tatsächliche politische Debatte findet nicht statt. Viel wichtiger ist es, dass der Kandidat auch ein guter Familienvater ist. Die U.S.A. sind von Grund auf korrupt - ohne massive finanzielle Unterstützung sagt da keiner was. Von wem kann man da erwarten dass Aussagen die zum Nachteil der benötigten Industriesponsoren ausfallen gemacht werden?
mmengi 25.01.2014
3. Praesidiale Leere
Diese Art von Filmen sagen immer das Gleiche: im Subtext erkennt man wie unglaublich banal diese Männer sind und wie irrwitzig das US System ist, das dem einen oder anderen dieser Männer soviel Macht einräumt.
Websingularität 25.01.2014
4.
Zitat von sysopDPAAus Romney wird Mitt: Eine Dokumentation zeigt den ergebnislosen Kampf des Republikaners Mitt Romney ums Weiße Haus - aus nächster Nähe. Nöte, Sorgen und Peinlichkeiten machen aus dem Politik-Roboter einen sympathischen Mann. Hat sich Amerika geirrt? http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-dokumentation-mitt-ueber-ex-praesidentschaftskandidat-romney-a-945470.html
Ganz ehrlich. Die Wahl zwischen Obama und Romney, war eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Mit Romney würd's den USA und der Welt auch nicht besser gehen. Eigentlich sind die USA auch keine Demokratie mehr. Allein die Anwärter sind schon korrupt.
blurps11 25.01.2014
5. Nö.
Relevant sind nur die letzten beiden Abschnitte. Politisch steht der Mann für nichts und diese Leere hätten die Schreihälse in seiner Partei hingebungsvoll mit zwischen Unsinn und Wahnsinn mäandernden Inhalten gefüllt. Nein, weder "wir" noch die Wähler in den USA haben sich geirrt.
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