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US-Drohnen in Pakistan: Auf der Spur der Opfer

Foto: Hasnain Kazim

US-Drohnenkrieg in Pakistan Fotos zeigen die wahren Opfer der leisen Killer

Ferngesteuerte Drohnen gelten den USA als Wundermittel im Anti-Terror-Kampf. Seit Jahren setzt Washington die Hightech-Waffen in Westpakistan ein, doch das Leid der Zivilisten bleibt meist verborgen. Jetzt zeigen Bilder eines Fotografen das ganze Ausmaß des Grauens.

An den Grund für seine Mission kann Noor Behram sich noch gut erinnern: Es waren zwölf Tote, eine ganze Familie - ausgelöscht. Es sei ein US-Angriff auf Militante gewesen, hieß es halboffiziell. Aber Behram, 39, hat seine Quellen direkt in Waziristan, schließlich lebt er selbst dort und arbeitet als Reporter für den arabischen Sender al-Dschasira - seine Quellen sagten ihm, das sei nur die halbe Wahrheit. Der Journalist setzte sich in sein Auto und fuhr von seinem Heimatort Miranshah nach Shawal, dem Ort des Geschehens. Was er sah, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt: verkohlte Leichenteile, zerfetzte Kleidung, die in den Bäumen hing.

"Tatsächlich hatte ein amerikanischer Hubschrauber ein Hotel angegriffen, in dem sich angeblich Aufständische aufhielten", erzählt Behram. "Eine Familie, die in einem Haus an einem benachbarten Hang lebte, hatte den Krach gehört und beobachtete das Geschehen im Tal. In diesem Moment donnerte ein US-Kampfjet über den Berg und feuerte eine Rakete auf ihr Haus. Acht Frauen und Mädchen und vier Männer starben."

In den Zeitungen fand er kein Wort über diese Familie. Da stand nur etwas von getöteten Extremisten. Es war ein weiterer Schock: Wie kann man die Wahrheit nur so zurechtstutzen? An jenem blutigen Tag, dem 27. Juni 2007, nahm Behram sich etwas vor: die Opfer des kaum wahrgenommenen Krieges in Westpakistan zu fotografieren, ihr Leiden und Sterben zu dokumentieren und die Bilder irgendwann zu veröffentlichen.

"Die meisten Menschen werden von amerikanischen Drohnen getötet", sagt er. "Auch da heißt es in den Berichten, es seien so und so viele Militante getötet worden." Fast alle seiner Fotos stammen deshalb von Orten in Nord- und Süd-Waziristan, auf die Drohnen, ferngesteuert aus den CIA-Schalträumen in den USA, Raketen abgefeuert haben. "Ich kann nicht sagen, wie viele Extremisten in Wahrheit getötet wurden. Alles, was ich sagen kann, ist, dass die meisten Opfer keine Militanten sind, sondern Unbeteiligte. Vor allem Frauen und Kinder."

Ein Kinderfuß, ein Junge mit zerschmetterter Schädeldecke

In Washington behauptet man, es gebe nahezu keine zivilen Opfer bei den Angriffen mehr, so präzise sei die Drohnentechnologie mittlerweile. Behram sagt: "Ich schätze, dass auf einen getöteten Extremisten etwa 15 tote Zivilisten kommen."

Es sind grausame Bilder. Ein Junge mit zerschmetterter Schädeldecke. Ein Kinderfuß. Ein toter Junge mit verbundenem Kopf. Blutverschmierte Schulbücher. Ein abgetrennter Arm. Die Körperteile einer Familie inmitten von Trümmern. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht deshalb lediglich ausgewählte Fotos.

Behram hat in den vergangenen vier Jahren viel Leid erlebt, er war an den Orten von 70 Drohnenangriffen, hat mehr als 600 Leichen gesehen. Er war nicht nur für al-Dschasira unterwegs, sondern aus eigenem Antrieb, er wollte mit eigenen Augen sehen, was geschieht. Und da er wie die meisten Journalisten in Pakistan nur wenig verdient, konnte er sich keine Kamera leisten, sondern lieh sich eine, mal von einem Verwandten, mal von einem Freund.

In mühevoller Kleinarbeit sind unscharfe, aber doch eindrucksvolle Aufnahmen entstanden. Bilder, die belegen, dass die Angaben der Regierungen der USA und von Pakistan wohl nicht stimmen, nämlich dass bei den Angriffen so gut wie keine Zivilisten getötet werden. Es ist eine gefährliche Aufgabe, die Behram sich selbst gestellt hat. Meist war er nur wenige Stunden nach dem Einschlag der Raketen vor Ort, manchmal sogar nur wenige Minuten später. Immer war die Sorge dabei, es könnte ein weiteres Geschoss abgefeuert werden.

Psychische Probleme und Schlaflosigkeit

Behram half mit, Verletzte und Tote aus den Trümmern freizugraben, Verwundete zu versorgen. Erst danach holte er die Kamera aus der Tasche. Er musste Stammesälteste und Taliban-Kommandeure um Erlaubnis bitten, fotografieren zu dürfen. Er musste sie überzeugen, dass er kein Spion ist, keiner von denen, die Koordinaten für mögliche Drohnenziele an den US-Geheimdienst CIA weitergeben.

Die Echtheit seiner Bilder lässt sich nicht überprüfen, kaum ein Journalist kann unabhängig und frei in Waziristan recherchieren. Doch die Angaben Behrams stimmen mit den Daten über die Drohnenangriffe überein, jedenfalls was die Zeit- und Ortsangaben betrifft.

Jetzt sitzt er in einem Restaurant in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Er trägt einen beigefarbenen Anzug aus knielangem Baumwollhemd und Pluderhose, dazu eine Paschtunenmütze in derselben Farbe. Er wirkt nervös, blinzelt viel, mit dem rechten Auge schielt er ein wenig. Ihm gehe es nicht so gut, sagt er. Keiner fühle sich wohl in Waziristan. Viele litten unter psychischen Problemen. "Das Schlimmste ist die Schlaflosigkeit. Die Drohnen schießen häufig nachts auf unsere Häuser, wir müssen jederzeit damit rechnen, zum Ziel zu werden. Wer kann da noch ruhig schlafen?"

Zwei Tage pro Woche verhängt die pakistanische Armee eine Ausgangssperre in beiden Teilen Waziristans, da darf niemand sein Haus verlassen. An diesen Tagen kommt der Nachschub, Munition und Nahrung für die Streitkräfte im Anti-Terror-Kampf. Die Ausgangssperre ist eine Reaktion auf Angriffe auf die Soldaten. "An diesen Tagen sind alle Geschäfte geschlossen", erzählt Behram. "Aber auch an den anderen Tagen machen die Händler kaum noch ein Geschäft. Wer hat denn heutzutage Arbeit, welche Schule ist noch in Betrieb?"

Der Umgang mit den Taliban sei nicht immer einfach. Gewalt ist alltäglich, die Taliban kämpfen vor allem gegen pakistanische Soldaten und Polizisten, regelmäßig werden aber auch Zivilisten getötet, die die Extremisten für Spione hielten. Die Vertreter der Regierung seien aber auch nicht besser: Sie würden umgerechnet mehrere tausend Euro Bestechungsgelder zahlen, um an die Macht zu kommen. "Einmal im Amt, stecken sie alles Geld, was in die Region fließt, in die eigenen Taschen."

Wie die Drohnenangriffe zur Radikalisierung beitragen

Viele Menschen aus Waziristan berichten unabhängig voneinander: Die Drohnenangriffe der USA, von der pakistanischen Regierung offiziell verurteilt, insgeheim aber genehmigt, wie aus den von WikiLeaks veröffentlichten US-Botschaftsberichten hervorgeht, radikalisieren die Menschen. "Wenn ein Haus zerstört wird und Zivilisten sterben, kann man davon ausgehen, dass die Angehörigen, Nachbarn und Freunde Amerika hassen", sagt Behram. Gewalt und wirtschaftliche Not führten zwangsläufig zur Radikalisierung, die Menschen hätten keine Wahl. "Sie sind zu arm, um woanders nach einer neuen Perspektive zu suchen."

Er habe Verständnis dafür, dass die USA die Taliban bekämpften. "Die USA und die Taliban sind Kriegsparteien, das nehmen wir zur Kenntnis. Aber was haben Tausende von Menschen, die in Westpakistan leben, damit zu tun? Warum werden sie umgebracht?" Er wolle zeigen, dass Unrecht geschieht. Dass der Drohnenkrieg, der 2004 begann, den US-Präsident George W. Bush ab Juli 2008 verschärfte und den Nachfolger Barack Obama noch forcierte, keinen Sinn ergebe.

Er selbst versuche, neutral zu bleiben. Grinsend erzählt er dann, dass seine Frau, die eine Mädchenschule betreibt, ihren ersten Sohn, der vor fünf Jahren geboren wurde, Osama genannt hat. "Es gibt sehr viele Osamas in diesem Alter in Waziristan", sagt er und fährt sich mit der Hand durch den dichten, schwarzen Vollbart. "Es ist ein Protest der Leute gegen diese Drohnenangriffe." Er lacht, als wüsste er ganz genau, dass es ein hilfloser, ein unsinniger Protest ist. Dann verstummt sein Lachen plötzlich. "Osama hat Leukämie", sagt er.

In London werden 85 Bilder von Behram gezeigt

Seine Kampagne gegen die Drohnenangriffe ist wohl auch ein Versuch, sich abzulenken. Im März glaubt er, genügend Bilder beisammen zu haben. Behram lässt sie auf Plakatgröße abziehen, lädt auf eigene Rechnung 15 Journalisten in einen Bus und fährt mit ihnen nach Islamabad, um dort einen Stand aufzubauen und die Bilder auf der Straße zu zeigen. "Die Journalisten nahm ich vor allem zu meinem eigenen Schutz mit", sagt er. Die pakistanische Regierung hat kein Interesse daran, dass das Leid der Menschen, das sie ja selbst zulässt, bekannt wird - und mit Kritikern geht sie nicht gerade zimperlich um.

Dort, in der Hauptstadt, kommt er zufällig mit dem Rechtsanwalt Shahzad Akbar zusammen, der mehrere Drohnenopfer vertritt und gerade eine Klage gegen die USA vorbereitet. Er bringt Behram mit der britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve zusammen, und nun beginnt an diesem Dienstag eine Ausstellung in London. 85 Bilder werden dort gezeigt, auch all diejenigen, die für eine Veröffentlichung in den Medien nicht geeignet sind. "In einer Ausstellung haben sie eine andere Wirkung", sagt Behram. Unsicher sei er nur bei dem Foto eines blutverschmierten Korans. Er wolle keine Gewalt provozieren, Gewalt als Reaktion auf Gewalt bringe ja nichts.

Vielleicht werde er demnächst ein Buch veröffentlichen, sagt er. In den vergangenen vier Jahren hat er akribisch Tagebuch geführt, seine Erlebnisse und Beobachtungen aufgeschrieben. Seine Geschichte soll ein Gegenentwurf sein zu den offiziellen Verlautbarungen aus einer Kriegsregion.

Jetzt, da er bekannt und in die Öffentlichkeit getreten sei, könne ihm ja nichts mehr passieren.

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