US-Ermittler unter Druck Viele Spuren in kurzer Zeit

Mit Hochdruck arbeiten die amerikanischen Behörden und Geheimdienste an der Suche nach den Spuren der Terroristen. Zwar haben sie für die Recherchen so manchen konkreten Anhaltspunkt, doch sie stehen unter Zeitdruck. Eine wirklich heiße Spur zum Top-Verdächtigen Ussama Ibn Ladin konnten sie bisher nicht präsentieren.

Am Mittwochabend konnten die US-Ermittler über erste Erfolge berichten. Über 40 Verdächtige sind ermittelt und teilweise namentlich bekannt. Die ersten Spuren ins Ausland werden verfolgt, nicht nur nach Deutschland, wo zwei der Todespiloten noch bis vor einem Jahr gelebt haben sollen. Die Ermittlungsmaschinerie ist angerollt und liefert Ergebnisse.

Kleine erste Erfolge sind das, und die machen Amerika Mut. Mut, dass die Anschlagserie doch noch aufgeklärt werden und Präsident George W. Bush die Schuldigen bestrafen kann, wie er es angekündigt hat. Gleichwohl scheint es, dass die von Bush in Marsch gesetzte Ermittlungsmaschine bisher noch keine wirklich heiße Spur hat - auch nicht zum Top-Terroristen Ussama Ibn Ladin, andernfalls wären längst Kampfjets zu möglichen Verstecken in Afghanistan unterwegs. Die Fahnder der verschiedensten Behörden arbeiten also rund um die Uhr.

Wie entführten die Terroristen die Jets?

Dabei können die Ermittler davon ausgehen, dass alle Anschlägen von einer Gruppe geplant und durchgeführt wurden. Allein der zeitliche Ablauf und der Tathergang weisen darauf hin, dass die Aktion von Dutzenden Helfern ausgeheckt, geplant und bis zur Ausführung organisiert worden sein muss. Denn offenbar wählten die Täter die Maschinen mit Absicht so aus, dass sie wegen der langen Strecken von der Ost- an die Westküste besonders viel Sprit im Tank hatten. Außerdem rechneten sie damit, dass bei der Rushhour morgens um acht Uhr die Sicherheitskontrollen besonders schluderig sind. Eine lange Planung mit vielen Helfern also - ohne dass einer der zahlreichen Dienste mit Tausenden von Agenten in den USA und im Ausland auch nur einen kleinen Hinweis bekommen hätte.

Diese offensichtliche Panne der US-Geheimdienste muss nun wettgemacht werden, und die Ermittler haben zumindest konkrete Ansatzpunkte für ihre Nachforschungen. Denn zwei der Todesjets, die American-Airlines-Maschine vom Typ 767 mit der Flugnummer 11 und die United Airlines-Maschine 175, sind in einem Abstand von nur 15 Minuten am Dienstagmorgen gegen 8 Uhr vom Flughafen in Boston in Richtung Los Angeles gestartet. Die Entführer müssen also am Flughafen gewesen sein.

Der Airport in Boston gleicht deshalb seit Dienstag einem Polizeilabor. Der Grund: Dort müssen die Täter Spuren hinterlassen haben, auch wenn sie noch so vorsichtig waren. Jedes Mietauto, das am Dienstag abgegeben wurde, jede Videoaufnahme, die am Airport, an den Flugsteigen oder auf den Zufahrtswegen gemacht wurde, jede noch so kleine Auffälligkeit wird deshalb von den Fahndern geprüft, verglichen und protokolliert. Taxifahrer werden befragt, das Sicherheitspersonal erneut unter die Lupe genommen. Und auch die Fluggäste, die am Dienstag in Boston ankamen, werden sorgfältig durchleuchtet.

Wie kamen die Terroristen an Bord?

Alle Passagiere, die auf der Flugliste stehen, werden überprüft, um auszuschließen, dass nicht einer der Entführer mit einem falschen Ticket eingestiegen ist. Selbst diejenigen, die den Flug kurzfristig absagten, werden Besuch vom FBI bekommen. Ebenso wird das Reinigungspersonal, das die Maschine vor dem Start säuberte, befragt und genau überprüft. Jeder ist momentan verdächtig, jede noch so kleine Spur könnte einen Erfolg in sich bergen. Die gleiche Maschinerie läuft auch an den beiden anderen Startflughäfen. Einmal am Dulles Airport in Washington, wo der American-Airlines-Jet 77 startete, der später aufs Pentagon stürzte. Und am Flughafen Newark, nur wenige Kilometer von New York entfernt, wo die United Airlines-Boing 757 mit der Flugnummer 93 abgehoben war, die später über Pennsylvania abstürzte.

Und offenbar zeitigt die Suche nach der Nadel im Heuhaufen erste Erfolge, denn die vier verdächtigen Männer, die in der entführten Maschine gewesen sein sollen, waren durch ihr Mietauto aufgefallen, in dem arabische Flugpläne lagen. Bisher jedoch wissen die Behörden nicht, ob es sich wirklich um die Entführer oder eben doch um normale Passagiere handelt. Und auch die Spur nach Florida, von der bisher nichts Genaues bekannt ist, soll bei der Überprüfung der Passagierliste aufgetaucht sein.

Wie konnten vier Maschinen gleichzeitig verschwinden?

Völlig unklar jedoch ist den Fahndern, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass vier entführte Maschinen fast gleichzeitig den Kontakt zur Luftüberwachung abbrachen, ohne dass dies erkannt wurde oder die Streitkräfte alarmiert wurden. Zwar gab offenbar keiner der Piloten einen Notruf ab, doch andere Umstände wiesen auf eine Entführung hin, merken Kritiker an. So änderten die Maschinen recht schnell und eindeutig ihren eigentlichen Kurs. Außerdem schalteten die Entführer bei den Jets zeitweilig die Transponderkennung aus, die Start, Ziel und die Route an den nächstgelegenen Tower senden. Ein weiteres Indiz, das die Flugsicherung skeptisch hätte machen müssen.

Doch auch als alle vier Jets später unter die vom Radar erfassbare Höhe gingen, schellten offenbar nirgendwo die Alarmglocken. Deshalb werden die FBI-Fahnder Fluglotsen befragen, die Kommunikationsprotokolle sichten und die Aufzeichnungen prüfen. Für die amerikanische Flugaufsicht könnte das herbe Folgen haben, denn offenbar hat sie das "Verschwinden" der Jets nicht früh genug weitergemeldet. Selbst die Tatsache, dass beide Maschinen von Boston aus plötzlich nach Südosten in Richtung New York abschwenkten, blieb zunächst unbemerkt.

Wer sind die Entführer?

Die einzige handfeste Spur der Ermittler ist bisher ein aufgezeichnetes Gespräch zwischen Entführer und Pilot aus einer der Maschinen. Bisher jedoch wurde über Inhalt oder zumindest die Sprache auf dem Band nichts bekannt. Eins jedoch ist mittlerweile klar: Die Terroristen schafften es, zeitgleich Waffen in vier Passagiermaschinen auf drei verschiedenen Flughäfen zu bringen und sie - in zwei Jets nur mit Teppichmessern bewaffnet - unter ihre Kontrolle zu bringen und die Radarpeilung abzuschalten. Danach übernahmen sie offenbar die Kontrolle im Cockpit und lenkten die Maschinen auf tödlichen Kurs.

An diesem Punkt wiederum setzt erneut die Ermittlungsmaschine an, denn die Täter müssen nach Meinung der Ermittler zumindest eine gewisse Kenntnis vom Fliegen einer Verkehrsmaschine gehabt haben. Eine Annahme, denen erfahrene Piloten widersprechen, denn mittlerweile könne man sich Flugkenntnisse ganz bequem mit einem Flugsimulator am heimischen Computer aneignen, sagten mehrere Berufspiloten übereinstimmend. Doch selbst diese Spur werden die Ermittler verfolgen, und wenn sie die Tausenden von Käufern eines solchen Simulators überprüfen. Die US-Dienste sind für diese Recherchen im großen Stil mit viel Personal bekannt und werden immer wieder für die Erfolge, die sie damit erzielen, bewundert.

Wie kamen die Messer an Bord?

Noch wissen die Fahnder nicht, wie die Entführer die Messer an Bord brachten. Auf Grund eines Handy-Anrufs aus einer entführten Maschine weiß die Polizei, dass die Täter offenbar mit Teppichmessern bewaffnet waren und mit einer angeblichen Bombe drohten. Offenbar, und das bestätigen die Erfahrungen von amerikanischen Vielfliegern, ist es bei US-Inlandsflügen kein Problem, ein solches Messer mitzunehmen. Mittlerweile hat die Flugsicherung ihre Reglements geändert und alle Arten von Messern verboten.

Doch neben den Flughäfen arbeiten die Behörden auch an anderen Spuren. Zahllose Telefonüberwachungen, die mittels Spracherkennung verdächtige Gespräche abhören, sind geschaltet, und schon am Dienstag gelang es den Behörden, zwei Gespräche zwischen Sympathisanten von Ussama Ibn Ladin abzuhören, in denen angeblich über den Anschlag gesprochen wurde. Ebenfalls werden die Fahnder "alte Bekannte" aus der Szene besuchen und auch hier jeder noch so kleinen Spur nachgehen - so lange, bis sie einen Schuldigen finden.

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