US-Finanzkrise McCain setzt Wahlkampf aus - und düpiert Obama

Barack Obama war verblüfft - reagierte aber demonstrativ gelassen auf die Ankündigung John McCains, wegen der Finanzkrise den Wahlkampf zu unterbrechen. Das lang geplante Fernsehduell am Freitag soll stattfinden - auch gegen den Willen des Republikaners, fordert sein Rivale.


Washington - Der eine will sich einzig der Finanzkrise "historischen Ausmaßes" widmen - und dafür den Wahlkampf aussetzen. Der andere will an seiner Wahlkampagne festhalten - gerade weil Menschen in "Zeiten der Unsicherheit" nach klaren Antworten verlangen. Die Präsidentschaftskandidaten John McCain und Barack Obama rücken die Bankenkrise in den Mittelpunkt ihrer Kampagnen.

Kandidat McCain: "Wir müssen uns treffen, damit die Krise gelöst wird"
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Kandidat McCain: "Wir müssen uns treffen, damit die Krise gelöst wird"

Der Republikaner Cain preschte am Mittwoch mit seiner überraschenden Ankündigung vor, er werde seine Kampagne unterbrechen, um nach Washington zu fliegen. Dort will er sich um eine Einigung zwischen Kongress und Regierung über das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungsprogramm bemühen. Zugleich forderte er, das für Freitag angesetzte erste Fernsehduell zwischen ihm und Obama zu verschieben.

Der Demokrat verkündete prompt, der Wahlkampf müsse ohne Pause weitergehen. "Die Uhr tickt", sagte Obama in einer eilig einberufenen Fernseh-Ansprache, "denn gerade erleben wir eine Zeit großer Unsicherheit". Das Problem solle gemeinsam angepackt und dürfe nicht durch den Wahlkampf belastet werden. "Das ist genau die Zeit, in der die Amerikaner etwas von uns hören wollen".

Er habe auf jeden Fall vor, am Freitag zu debattieren, stellte Obama klar. Gerade angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise sei es besonders wichtig, den Wählern zu erklären, was die wirtschaftspolitischen Ziele und Pläne der Kandidaten seien, argumentierte der Demokrat. Und Politiker, die Präsidenten werden wollen, müssten sich um mehr als ein Ding zur gleichen Zeit kümmern können, sagte er mit Blick auf McCains Wahlkampf-Verweigerung.

Obama: "Ich habe die Initiative ergriffen"

Mit seinem ungestümen Vorpreschen hat McCain das Obama-Lager offenbar überrascht. Obamas Pressesprecher Bill Burton hatte bereits Minuten später eine Erklärung parat, in der es hieß, die Initiative für ein gemeinsames Vorgehen sei von Obama ausgegangen. In seiner Ansprache bekräftigte Barack Obama diese Darstellung: "Ich habe die Initiative ergriffen und darum gebeten, eine gemeinsame Erklärung zur Wirtschaftskrise abzugeben", betonte der Demokrat.

Er und McCain seien sich einig, eine gemeinsame Erklärung zur Lösung der schweren Finanzkrise zu veröffentlichen. "Das ist kein demokratisches oder republikanisches Problem, sondern ein amerikanisches".

Obama habe McCain am Morgen angerufen, um ihn zu einer gemeinsamen Erklärung zur Finanzkrise zu bewegen, sagte der demokratische Senator weiter. Erst sechs Stunden später habe McCain zurückgerufen - und einem gemeinsamen Statement zugestimmt.

Dass Obama von McCains einseitiger Ankündigung überrascht wurde, deutete sich in der Erklärung des Demokraten an: "Wir haben miteinander telefoniert, und es gab kein Missverständnis zwischen John McCain und mir", sagte Obama vor den Journalisten. "Höchstens vielleicht darüber, wer zuerst vor die Kameras tritt", fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu.

"Ein politischer PR-Trick"

Die erste der drei Fernsehdebatten der beiden Kandidaten soll an der Universität von Mississippi in Oxford stattfinden. Dabei wollten sie vor allem Fragen der Außenpolitik und nationalen Sicherheit debattieren.

Sprecher Andy Harper sagte der "Daily Mississippian", er halte die Diskussion um eine Verschiebung des TV-Duells für einen "politischen PR-Trick". Bislang habe sich noch kein Wahlkampfteam bei der ausrichtenden Kommission gemeldet, um das Duell offiziell abzusagen. "Wir sind auf alles vorbereitet", sagte Harper, "und solange wir keine gegenteilige Ansage bekommen, arbeiten wir weiter."

Auch die offiziellen Ausrichter rechnen nicht mit einer Verschiebung der Debatte. Alles gehe weiter den geplanten Gang, ließ die Universität von Mississippi erklären. Das habe die ausrichtende Kommission für Präsidentschaftsdebatten mitgeteilt. "Wir sind bereit und gehen davon aus, dass die Debatte stattfinden wird", hieß es.

"Staatsmännischer Retter" McCain?

McCain hatte US-Präsident George W. Bush dazu aufgerufen, ein Krisentreffen einzuberufen, an dem unter anderem er und Obama teilnehmen sollten. "Wir müssen uns treffen, damit die Krise gelöst ist." Bush wollte sich in der Nacht zum Donnerstag in einer Fernsehansprache zur Finanzkrise äußern.

Wie es heißt, will McCain "alle Parteiauftritte und TV-Werbespots" für die nächsten Tage aussetzen. In der Zwischenzeit müssten sich Regierung und Parlament einigen. TV-Kommentatoren werteten den Schritt des 72-Jährigen als einen Versuch, sich als "staatsmännischer Retter" zu präsentieren, der die Streitereien der Politik überwinden könne. Man erwarte von dem langjährigen Senator jetzt besonderen Einsatz.

Die Rivalen McCain und Obama lagen laut Umfragen wochenlang praktisch gleichauf. Aktuelle Erhebungen sehen den demokratischen Senator allerdings deutlich vor seinem Kontrahenten McCain- mit bis zu neun Prozentpunkten. Befragungen zufolge trauen die Wähler Obama mehr bei der Lösung der Wirtschafts- und Finanzkrise zu. Die Präsidentschaftswahl findet am 4. November statt.

Finanzminister Paulson zu Zugeständnissen bereit

Das Weiße Haus will in einer beispiellosen Notaktion den Banken faule Kredite abkaufen. Der 700 Milliarden schwere Rettungsplan der US-Regierung für den angeschlagenen Finanzsektor war am Dienstag ins Stocken geraten, nachdem der Bankenausschuss des US-Senats ernste Bedenken angemeldet hatte. Der Vorsitzende Chris Dodd bezeichnete das Paket in seiner derzeitigen Form als "nicht akzeptabel". Führende Kongresspolitiker hatten zwar grundsätzliche Zustimmung geäußert, aber Schutzmechanismen auch für einfache US-Bürger eingefordert.

Am Mittwochabend signalisierte US-Finanzminister Henry Paulson erstmals Kompromissbereitschaft. In das Programm müsse sicherlich eine gewisse Begrenzung der Firmenchef-Gehälter aufgenommen werden, sagte Paulson am Mittwoch und ging damit auf eine zentrale Forderung von Kongressabgeordneten ein. Allerdings dürfe die Effektivität des Programms dadurch nicht untergraben werden.

"Das ist ein ernstes Problem, da stimme ich zu", sagte Paulson bei einer Anhörung im Kongress. Paulson war bislang gegen eine Begrenzung der Gehälter von Chief Executives. Er begründete seine Haltung damit, dass Unternehmen das Rettungspaket dann möglicherweise ablehnen und die Bemühungen zur Konsolidierung des Finanzsystems scheitern könnten. In einem anderen Streitpunkt - einer von Teilen des Kongresses geforderten Regierungsbeteiligung an Unternehmen, die an dem Programm teilnehmenden - deutete sich jedoch kein Entgegenkommen seitens des Finanzministers an.

Paulson drängte erneut zu einer schnellen Einigung über das Rettungspaket. Drei bis vier Wochen seien eine zu lange Zeit angesichts der derzeitigen Situation auf den Märkten.

amz/Reuters/AFP/dpa

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