US-Folter im Irak Für Lynndie England war alles nur Spaß

Die 21-jährige Gefängniswärterin Lynndie England hat eine simple Erklärung wie es zu den erschreckenden Fotos aus der berüchtigten Haftanstalt Abu Ghureib im Irak kam: Sie fand es einfach lustig.


Angeklagte England: "Wir fanden, es sah lustig aus"
AP

Angeklagte England: "Wir fanden, es sah lustig aus"

Hamburg - Die "New York Times" zitierte in ihrer Wochenendausgabe aus einer internen Befragung der US-Militärpolizistin Lynndie England. England, die vor den Ermittlern des US-Militärs unter Eid aussagte, soll demnach über die Fotos von nackten und masturbierenden Häftlingen gesagt haben: "Wir fanden, es sah lustig aus. Deshalb wurden die Fotos gemacht."

Die mittlerweile im amerikanischen Fort Bragg inhaftierte 21 Jahre alte Frau sagte demnach bereits vor zwei Wochen aus, die Misshandlungen seien Routine gewesen und manchmal amüsant. Auf die Frage, ob sie manchmal das Gefühl hatte, die Grenzen des Erlaubten zu übertreten, antwortete sie trocken mit einem "Nein". Lediglich die erzwungene Selbstbefriedigung der Gefangenen fand sie laut dem Verhörprotokoll unangemessen.

Als Obergefreite der US-Militärpolizei war England im Gefängnis von Abu Ghureib bei Bagdad eigentlich in der Schreibstube tätig, aber auch im weitesten Sinne als Aufseherin eingesetzt - mittlerweile gilt sie mit ihrem Bubikopf und der lässig im Mundwinkel gehaltenen Zigarette als das "Gesicht" der US-Folterer.

Ihre Aussagen sind unter dem Eindruck eines anstehenden Militärprozesses gegen sie und andere Angehörige der Einheit der 372. US-Militärpolizei zu sehen. So neigte sie in ihrem eigenen Verhör zu Verharmlosung: Sie sei zwar auf einigen Häftlingen herumgetreten, habe sie einige Male gestoßen - aber letztendlich habe sie nichts Schlimmes getan.

Bislang hatte sie erklärt, lediglich Befehle befolgt zu haben. "Ich wurde von ranghöheren Personen angewiesen, dort zu stehen und die Leine zu halten, und sie haben das Foto gemacht, das ist alles, was ich weiß."

Lynndie England: Manchmal amüsant
REUTERS/ The New Yorker

Lynndie England: Manchmal amüsant

Nun sagt sie, sie sei nicht zu ihren Taten gezwungen worden, um die Gefangenen vor den Verhören weich zu machen oder ihren Widerstand zu "brechen". Ihr sei lediglich von ihren Vorgesetzten gesagt worden, sie erledige ihre Aufgabe gut.

Das mittlerweile berühmte Foto, auf dem sie einen nackten Iraker mit einer Leine um den Hals auf dem Boden kriechen lässt, scheint auch in diesen Kontext zu gehören: Sie gestand, dass sie diesen Mann und andere Häftling gezwungen hatte, "fast vier bis sechs Stunden" lang über den Gang zu kriechen. Außerdem beschrieb sie, dass Häftlinge, denen ein Sack über den Kopf gezogen wurde, mit einem Fußball beworfen wurden - und zwar regelmäßig, weil ihnen damit Angst eingejagt werden sollte. Zudem beschrieb sie, wie ein anderer Gefängnisaufseher den Häftlingen Verletzungen zufügte und die Wunden dann manchmal persönlich nähte.

Ihr Kollege, Feldwebel Ivan Frederick, der auch im normalen Leben Gefängniswärter war, soll zudem mit Leuchtstoffröhren "psychologische Spielchen" getrieben haben. England: "Er hat ihnen befohlen, die Beine anzuheben, hat die Röhre unter ihre Füße gelegt und gesagt, es sei ein Messer." Dann sei die Leuchtstoffröhre zerstört worden; die chemische Flüssigkeit aus der Röhre habe sich auf dem Boden verteilt und die Gefangenen hätten dort entlang kriechen müssen.

Außerdem habe Frederick den fluoreszierenden Inhalt der Röhren zu Gefangenen in Dunkelzellen gebracht. Das Licht habe die Häftlinge, schier "ausflippen lassen", schreibt die "NYT" in Berufung auf die Aussage von England weiter.

England ist von ihrem Kollegen und Militärpolizisten Charles Graner schwanger, dem in den kommenden Tagen wegen der Foltervorwürfe in Bagdad auch der Prozess gemacht werden soll.

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