US-Gefängnis im Irak Neue Folterfotos schockieren die Welt

Der Folterskandal wächst sich zu einem der größten Desaster der US-Außenpolitik aus. Die "Washington Post" veröffentlichte heute eine Serie neuer Fotos, die an Grausamkeit und Menschenverachtung kaum noch zu überbieten sind. Stürzt Donald Rumsfeld als erster über die Affäre?




"Washington Post": Neue Fotos aus dem Foltergefängnis

"Washington Post": Neue Fotos aus dem Foltergefängnis

Washington - Auf einem Bild wird ein nackter Iraker von der US-Militärpolizistin Lynndie England an einer Art Hundeleine geführt. Die Zeitung berichtete, ihr lägen mehr als 1000 Digital-Aufnahmen vor, die weitere Misshandlungen im Gefängnis Abu Ghureib zeigten. Andere Fotos zeigen nackte Gefangene, die mit Handschellen an Gitter oder Betten gefesselt sind. Einem der Gefangenen wurde ein Damenslip über das Gesicht gestülpt.

Gegenüber dem arabischen Dienst der BBC berichtete ein irakischer Gefangener von den Misshandlungen in Abu Ghureib. Nach einem Handgemenge mit einem irakischen Beschäftigten des Lagers habe man ihm und den beteiligten Gefangenen die Kleider mit Messern vom Leib geschnitten, so der Mann namens Hayder Sabbar Abd, den auch die "Herald Tribune" interviewt hatte. "Sie sagten uns, wir sollten in Richtung einer weiblichen Soldatin masturbieren", so der Mann zur BBC. Als die Gefangenen sich geweigert hätten, seien sie geschlagen worden. Dabei sei sein Kiefer gebrochen worden.

Anschließend habe man ihnen Leinen um den Hals gebunden und sie gezwungen zu bellen. "Sie pfiffen, und wir mussten bellen wie Hunde", so der Mann. Dann hätten die Gefangenen einander besteigen müssen, "einer über den anderen". Zu dem Interview erklärte die BBC, es sei nicht möglich gewesen, die Angaben des Zeugen zu verifizieren, Abds Aussagen stimmten jedoch mit den Untersuchungsergebnissen des US-Verteidigungsministeriums überein.

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Die "Washington Post" betonte ebenfalls, es sei nicht klar, ob einige der Aufnahmen gestellt worden seien. Die Bilder erinnern an den Film die "120 Tage von Sodom". Das Werk von Pier Paolo Pasolini gilt als eines der grausamsten der Kinogeschichte.

Viele der Digitalaufnahmen, die auf CDs gebrannt worden waren und auf einem Armeestützpunkt in den USA zirkulierten, zeigten lediglich das ganz normale Soldatenleben und wirkten wie ein Fototagebuch, so die "Washington Post". Andere Bilder auf den CDs seien die bereits im Fernsehsender CBS gezeigten Aufnahmen, die den Skandal ausgelöst hatten.

Die "Post" berichtete weiter, das Pentagon habe alle Aufforderungen der US-Zivilverwaltung in Bagdad und des US-Außenministeriums in den Wind geschlagen, sich mit dem Problem der Häftlinge zu beschäftigen. Danach soll US-Außenminister Colin Powell bereits frühzeitig und mehrfach verlangt haben, so viele Gefangene wie möglich zu entlassen und die anderen ordentlich zu behandeln.

Unterdessen teilte der Geheimdienstausschuss des US-Senats mit, es lägen bislang keine Hinweise vor, dass Geheimdienstmitarbeiter die Misshandlungen in Abu Guhreib angeordnet hätten. Diesen Verdacht hatte die früher für das Gefängnis verantwortliche Brigadegeneralin geäußert.

Rumsfeld in der Schusslinie

US-Verteidigungsminister Rumsfeld: Rüge von Bush
AFP

US-Verteidigungsminister Rumsfeld: Rüge von Bush

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gerät nach der Veröffentlichung der neuen Fotos immer stärker unter Druck. Als erster hochrangiger US-Politiker forderte heute der demokratische Senator Joe Biden Rumsfelds Rücktritt. Das Mitglied des Verteidigungsausschusses des US-Senats sagte, einer müsse den Kopf für das Team hinhalten. Unter Anspielung auf Rumsfelds Einsatz als Flieger und Fluglehrer in der US-Marine von 1954 bis 1957 sagte der Demokrat Biden: "Wenn ein Kapitän mit seinem Schiff strandet, dann verliert er das Kommando, egal, ob er schuld ist oder nicht."

Auch der demokratische Senator Tom Harkin forderte Rumsfelds Demission. Harkin sagte, wenn Rumsfeld nicht von sich aus gehe, müsse er "zum Wohle unseres Landes, der Sicherheit unserer Soldaten und unserem Ansehen in der Welt" entlassen werden. Harkin erklärte, der Verteidigungsminister trage die Verantwortung und die US-Verfassung schreibe ausdrücklich die zivile Kontrolle über die Streitkräfte vor. "Die Schuld kann nicht nur bei den rangniedrigen Soldaten liegen", sagte er.

Auch die Führerin der demokratischen Minderheitsfraktion im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, schloss sich an: Auf die Frage, ob Rumsfeld zurücktreten sollte, antwortete sie mit ja. Rumsfelds republikanischer Parteifreund Senator John McCain sieht zumindest Erklärungsbedarf.

Präsident George W. Bush erteilte Rumsfeld nach US-Medienberichten in einem privaten Gespräch wegen des Umgangs mit dem Skandal eine Rüge. Bush habe Rumsfeld in einer privaten Unterredung gesagt, dass er mit dem Vorgehen des Ministers "nicht zufrieden" und darüber auch "nicht glücklich" sei, berichteten die US-Medien übereinstimmend unter Berufung auf Mitarbeiter des Weißen Hauses. Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, wollte das allerdings nicht bestätigen und betonte, Bush wolle Rumsfeld "absolut" weiter als Pentagon-Chef sehen.

Bei der öffentlichen Anhörung im Verteidigungsausschuss des Senats erwarten Rumsfeld morgen aufgebrachte Senatoren. Rumsfeld wird erklären müssen, warum er den Ausschuss solange im Dunkeln ließ. Die Senatoren wollen außerdem geklärt wissen, ob die Soldaten bei den Misshandlungen allein aus freien Stücken oder auf Befehl gehandelt hätten.

Wegen der Vorbereitung auf seinen Auftritt sagte Rumsfeld heute kurzfristig eine Rede in Philadelphia ab.

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