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07. September 2009, 11:16 Uhr

US-Gegner des Afghanistan-Kriegs

"Wir wollen nicht für Frankenstein in Kabul kämpfen"

Nicht nur in Deutschland, auch in den USA wächst die Kritik am Krieg in Afghanistan. Bürgerrechtler Tom Hayden erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie er den Widerstand gegen den Einsatz koordiniert - und droht Präsident Obama mit einem "Proteststurm".

SPIEGEL ONLINE: Bei einem von deutschen Kommandeuren befehligten Nato-Luftangriff in Afghanistan sind offenbar Dutzende Zivilisten getötet worden. Sichern solche Schlagzeilen Kriegsgegnern wie Ihnen Unterstützung?

Hayden: Dieser Vorfall wird die Anti-Kriegs-Bewegung in Deutschland weiter beflügeln. Schon jetzt sind 70 Prozent der Deutschen gegen den Kampfeinsatz in Afghanistan. Die Nato-Politik ist einfach nicht aufrechtzuerhalten - aber für Politiker ist der Antrieb enorm, immer mehr Soldaten zu entsenden, um ja nicht als Verlierer dazustehen. Auch deutsche Politiker denken so. Doch unsere Bewegung wird weltweit mit jedem Tag lauter, vor allem in Großbritannien, Kanada und Deutschland. Während des Irak-Kriegs bin ich schon in Berlin und Heidelberg aufgetreten. Glauben Sie mir, ich komme wieder.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen sich mit Protestbewegungen bestens aus. In den sechziger Jahren waren Sie einer der führenden Anti-Vietnam-Demonstranten in den USA. Jetzt haben Sie Präsident Obama einen "Proteststurm" gegen den Afghanistan-Einsatz angekündigt. Was meinen Sie damit?

Hayden: Die Leute sind tief enttäuscht von Obamas Afghanistan-Politik. 70 Prozent der Demokraten sind nicht einverstanden mit diesem Krieg. Diese Skepsis wird sich bald in offenen Widerstand verwandeln. Das werden die demokratischen Kongressabgeordneten zu spüren bekommen. Bei den Kongresswahlen 2010 dürfen sie uns nicht ignorieren. Wenn sie auch nur einen Teil der linken Basis verlieren, können die Demokraten richtig baden gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Weggefährten haben Sie bislang mobilisieren können?

Hayden: Wandel dauert, aber auf einmal kann es ganz blitzschnell gehen. Klar, ein paar Leute werden jetzt einfach vor dem Weißen Haus oder vor Armeeeinrichtungen protestieren. Aber uns geht es um mehr: Wir wollen der tiefen Enttäuschung eine Stimme verleihen, die so kurz nach der Euphorie über Obamas Wahl auf der Linken eingesetzt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sitzt die Enttäuschung so tief?

Hayden: Obama ist hin und her gerissen zwischen den Graswurzelbewegungen, die gegen den Irak-Krieg waren und seine Präsidentschaft überhaupt erst möglich gemacht haben, und zynischen Machtpolitikern in seinem Umfeld, die daran gewöhnt sind, sich um die Meinung der Wähler kaum zu scheren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie erreichen, dass Obama sich wieder stärker auf Ihre Seite schlägt?

Hayden: Durch geschickte Taktik. Wir konzentrieren unsere Proteste auf die 75 Kongressdistrikte, die bei der nächsten Wahl zwischen Demokraten und Republikanern besonders umkämpft sind. Da zählt jede Stimme, und man hört uns genau zu. Der Protest wird wachsen. Die Situation ist einmalig: Wir haben ganz viele Demokraten, die immer noch unbedingt wollen, dass Obama sich innenpolitisch mit seiner Agenda durchsetzt - die aber zum Krieg in Afghanistan nicht länger schweigen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Die Debatte über den Sinn des Afghanistan-Einsatzes hat sich in den USA stark belebt.

Hayden: Ein Teil davon speist sich noch aus der Anti-Kriegs-Stimmung, die Bushs Feldzug ausgelöst hat. Außerdem steigen die amerikanischen Verluste ständig, weil die Soldaten jetzt noch häufiger im gefährlichen Süden des Landes kämpfen. Der August war für die US-Armee der bisher blutigste Monat.

SPIEGEL ONLINE: Obama könnte dennoch schon bald weitere Truppen nach Afghanistan schicken. Die US-Armee fordert mehr Soldaten.

Hayden: Generäle können einfach nicht aufhören, mehr Soldaten anzufordern. Dabei ist doch mittlerweile klar, dass wir für eine Art Frankenstein in Kabul kämpfen, den wir selbst geschaffen haben: Afghanistans Präsident Hamid Karzai.

SPIEGEL ONLINE: Auch prominente amerikanische Konservative fordern mittlerweile den Abzug der US-Soldaten. Hilft das Ihrer Protestbewegung?

Hayden: Diese Stimmen, etwa der prominente Kolumnist George Will, wollen, dass keine amerikanischen Soldaten mehr fallen - sondern andere Nationen das Sterben übernehmen. Sie wollen aber den Konflikt weiterführen, zum Beispiel mit Raketenangriffen von Amerika aus. Das ist aber nicht sinnvoll, auch wenn solche Vorschläge aus den eigenen Reihen die Rechte verunsichern. Wichtiger für uns ist, dass prominente Außenpolitiker - wie Richard Haass, Chef des Council on Foreign Relations - nun sagen, der Einsatz in Afghanistan sei kein "notwendiger Krieg". Das bringt das Denkmuster der Demokraten durcheinander.

SPIEGEL ONLINE: Und ein Dogma des Präsidenten. Obama sagt das auch ständig.

Hayden: Die Demokraten haben immer Angst, schwach im Kampf gegen den Terror dazustehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Parallelen sehen Sie als Veteran der Proteste gegen den Vietnam-Krieg zur heutigen Diskussion über Afghanistan?

Hayden: In beiden Fällen haben die USA unterschätzt, welche Kraft die nationalistische Bewegung in diesen Ländern entfalten kann. Damals hat die Angst vor dem Kommunismus alles überlagert, heute ist es die Panik vor dem Terrorismus. Beide Male haben die Politiker den Konflikt immer weiter eskalieren lassen - nur um ja nicht als Verlierer dazustehen.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

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