US-Gesandte in Berlin Die zwei Beziehungsarbeiter aus Amerika

Sie wollten in der Geheimdienst-Affäre versöhnen, doch es hagelte Vorwürfe: Die US-Delegation warb bei den enttäuschten Deutschen um Vertrauen. Das Wort "Entschuldigung" brachten Murphy und Meeks nicht über die Lippen.
Murphy, Westerwelle, Meeks (v. l.): Die US-Delegation fühlt bei den enttäuschten Deutschen vor

Murphy, Westerwelle, Meeks (v. l.): Die US-Delegation fühlt bei den enttäuschten Deutschen vor

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Berlin - In normalen Zeiten wäre es ein schöner Abend geworden. Transatlantiker treffen Transatlantiker, man trinkt zusammen, diskutiert Weltpolitik und versichert einander, wie gern man sich hat. Doch wegen der NSA-Affäre wird der Auftritt der US-Delegation bei der Bertelsmann Stiftung in Berlin am Montagabend zur qualvollen Beziehungstherapie mit heftigen gegenseitigen Vorwürfen.

Die Zwei-Mann-Gesandtschaft, Senator Chris Murphy und Gregory Meeks als Mitglied des US-Repräsentantenhauses, sollen für Washington ergründen, wie die Gefühlslage in Berlin ist nach der großen Enttäuschung, bevor möglicherweise US-Außenminister John Kerry eine neue deutsche Regierung besucht.

Jahrzehntelang glaubten die Deutschen, enge Vertraute Washingtons zu sein. Doch dann mussten sie im Zuge der NSA-Affäre abrupt feststellen, dass die Amerikaner sie für Verbündete dritter Klasse halten und ihnen derart misstrauten, dass sie ihre Telefonate, E-Mails und SMS überwachen - bis hin zum Handy der Kanzlerin. "Das geht gar nicht", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel.

"Wir verstehen, wie tief der Schmerz in Deutschland sitzt und warum", versichert deshalb Chris Murphy, 40, außenpolitisch ambitionierter Politik-Aufsteiger. Man habe sich zu wenig gekümmert um die transatlantische Beziehung. Die Finanzkrise, die Wirtschaftskrise - der Kongress hatte einfach zu viel um die Ohren.

Der Auftritt von Murphy und Meeks am Montagabend war ihr einziger öffentlicher Termin. Zuvor hatten sie unter anderem Thomas Oppermann, Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums für die deutschen Geheimdienste, getroffen und den noch amtierenden Außenminister Guido Westerwelle. Am Dienstag wird die US-Delegation in Brüssel vorstellig.

Auch die Amerikaner sind unzufrieden mit der Beziehung

In Zukunft könne es nur besser werden, sagt Murphy bei der Bertelsmann Stiftung. Das geplante Handelsabkommen sei quasi wie "Flitterwochen". "Oh boy", wie schön wäre es erst, wenn man auch sicherheitspolitisch enger zusammenarbeiten könnte. Da sind sie, die ersten Vorwürfe. Auch Washington ist also unzufrieden, wie es mit der Beziehung läuft.

Victoria Nuland, frisch ernannte Assistentin des US-Außenministers für Europa-Fragen, sagte bereits im November: "Ich bin unzufrieden, dass Verbündete erwarten, nachts friedlich zu schlafen, ohne groß etwas auszugeben, und am liebsten immer weniger dafür ausgeben." Soll heißen: Washington muss den Weltpolizisten spielen, während die Europäer, allen voran die Deutschen, die Füße hochlegen.

Man solle in der Beziehungskrise ja nicht ganz vergessen, erinnert Murphy, dass nicht nur einer der Böse ist. Die Auswertung der Metadaten? "Das geschah im Austausch mit den Deutschen."

Sich entschuldigen? Das Wort kommt Murphy nicht über die Lippen. Nur einmal fast, über das Abhören von Merkels Handy: "Ich persönlich finde, es gibt keine Entschuldigung für dieses Verhalten, und ich bin froh, dass es damit vorbei ist."

"Das sind gute Menschen, die diese Programme steuern"

Dann folgen Fragen des Publikums. Eine "junge Dame" wird aufgerufen, es ist Anke Domscheit-Berg, Netzaktivistin und Mitglied der Piratenpartei. Sie hat keine Frage, sondern ein langes, auswendig gelerntes Statement auf Englisch, das sie der amerikanischen Mini-Delegation um die Ohren haut.

"Ich habe Obama bewundert", sagt Domscheit-Berg, "jetzt bin ich enttäuscht". Die USA setzten "totalitäre Methoden" ein, die sie an ihre Zeit unter der Stasi erinnern würden. "Sie haben wahrscheinlich den Boden der Demokratie verlassen!"

"Das sind gute Menschen, die diese Programme steuern", antwortet Murphy. Er verstehe ja, jeder bringe unterschiedliche Sozialisierungen in eine Beziehung, die deutsche Geschichte auf der einen Seite - "und wir haben 9/11". Das "gemeinsame", und nochmal betont er das Wort, das "gemeinsame" Überwachungsprogramm habe Anschläge in Europa und den USA verhindert.

"Nichts, was es wert ist, ist leicht"

Und dann warnt Murphy auch schon. Edward Snowden, den Mann, der vielen in Deutschland als ein Held gilt, beschreibt er als jemanden, der mit Ländern wie Russland und China Informationen geteilt habe - er nennt ihn also indirekt einen Verräter. "Die US-Bevölkerung wird sicherlich nicht begeistert sein, wenn Deutschland ihn einlädt, hier auszusagen", sagt Murphy. "Ich stimme ihm bei Snowden 100 Prozent zu", sagt Meeks.

Meeks, der 60-Jährige, der im Repräsentantenhaus den New Yorker Stadtteil Queens vertritt, überlässt meist Murphy die Bühne, der im Senat dem Unterausschuss für Europa vorsitzt. Doch nun, da der Wortwechsel zu entgleisen droht, versucht Meeks zu vermitteln.

Auch er sei besorgt, versichert der New Yorker Demokrat. Auch er glaube, dass eine Balance zwischen Sicherheit und Privatsphäre gefunden werden müsse. Er wisse, wie es sei, wenn man sich kollektiv unter Verdacht gestellt fühle - und erinnert dabei an die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung.

Murphy will sich nicht allzu lange mit Vergangenheitsbewältigung aufhalten. Nun gehe es darum, nach vorn zu blicken. Ein "mühevoller Prozess" werde das, sagt Meeks, und über die kommende Beziehungsarbeit: "Nichts, was es wert ist, ist leicht."

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