Besuch in einem US-Gun-Shop Cory und die Killerwaffen

Der Angreifer von Orlando tötete seine Opfer mit einem halbautomatischen Gewehr. Solche Waffen lassen sich in den USA sehr einfach kaufen. Wie kann das sein? Ein Besuch im Gun Shop von Cory B.

Angebot von Sturmgewehren in US-Waffenladen
REUTERS

Angebot von Sturmgewehren in US-Waffenladen

Von , Rockville


Er denke manchmal an den 25. Januar 2014, sagt Cory. Ein Uhr mittags, das Telefon klingelt. Die Polizei ist dran. Es habe da eine Schießerei gegeben, ein paar Kilometer nördlich, im Columbia-Einkaufszentrum. Drei Tote. Der Schütze, sagt der Beamte am Telefon, hat die Tatwaffe laut Seriennummer bei Ihnen gekauft. Wir brauchen den Namen, denn mit der Identifizierung ist es schwierig. Kein Ausweis. Und sein Gesicht ist weggeschossen. Oh Gott, sagt Cory damals.

Rockville, Maryland, 19 Kilometer vom Weißen Haus entfernt. Cory B. steht in seinem Geschäft. Zwei Räume, acht Angestellte, Hunderte von Waffen. Pistolen und Shotguns, Jagdflinten und Sturmgewehre, ein ganzes Bataillon könnte sich hier eindecken. Hinten rechts hängen die halbautomatischen Killergeräte, das AR 15 und seine Verwandten. Waffen, wie aus dem Krieg. Amokläufer lieben sie. Der Angreifer aus Orlando tötete mit einem solchen Instrument 50 Menschen.

Wie fühlen Sie sich nach solchen Tragödien, Cory? Wie gerne verkaufen Sie noch Waffen? Ist das nicht alles Wahnsinn?

Schrecklich, sagt Cory. Ich habe vier Kinder, ich denke dann an sie. Aber eigentlich versuche ich das auszublenden. Hier mein Job, da die Tragödie. Klar, geht nicht immer. Siehe Columbia. Aber im Ernst: Was hätte man machen sollen? Der Mann in Orlando, sagt Cory, hatte keinen kriminellen Hintergrund.

Aber hat das FBI ihn nicht sogar mehrfach befragt?

Die Fälle waren geschlossen, sagt Cory. Er stand auf keiner Liste mehr, hatte keine Einträge. Es gab einfach nichts Handfestes. Er kam, kaufte und killte. Wirklich Pech, sagt Cory. Auch für den Kollegen, bei dem sich der Attentäter die Waffe besorgte. Harter Job.

Harter Job?

Ich weiß, sagt Cory, dass ich eine Verantwortung habe. Ich verkaufe zerstörerische Geräte. Ich schaue mir meine Kunden genau an. Körpersprache, Mimik, die Augen. Nicht jedem verkaufe ich eine Waffe. Wir haben da zum Beispiel einen, der kommt immer wieder, sagt Cory. Ein Mann, Mitte fünfzig. Läuft rein, schließt die Tür, obwohl die Tür sich eigentlich von selbst schließt. Stellt sich vor den Tresen und sagt erst mal nichts. Dann, nach ein paar Minuten, will er eine Waffe kaufen. Aber die Sätze kommen komisch aus seinem Mund. Gibts nicht, sagt Cory dann. Du hast Probleme.

Ausweis, Check, Kreditkarte

Oder neulich. Da tauchte hier einer auf, der wollte seine Waffe umschrauben lassen. Schöner, größer, weiter. Und die Seriennummer können Sie ruhig auch wegmachen, sagte der Mann. Da wurde ich misstrauisch, sagt Cory. Hab die Seriennummer gecheckt. Die Waffe ist bei zwei Schießereien in New York benutzt worden. Hab sie der Polizei übergeben. Aber der Mann läuft immer noch da draußen rum.

Und der Schütze vom Columbia-Einkaufszentrum?

War ein Bilderbuchkunde, sagt Cory. Kam rein, stellte die richtigen Fragen. Wie er die Waffe sichern könne, welches Produkt sich für Tontaubenschießen am besten eigne. Fachfragen eben. Ging wieder, ohne etwas zu kaufen. Kam nach einer Woche wieder. Er habe sich noch woanders erkundigt. Aber ihr habt den besten Service. Einmal diese Shotgun bitte. Ausweis, kurzer Check in der FBI-Datenbank NCIS, Kreditkarte. Fertig ist der Deal. Ich habe nicht im Traum daran gedacht, er könne etwas Böses anstellen, sagt Cory.

So einfach ist das hier? Ausweis, Check, Kreditkarte?

Ja, sagt Cory. Und Maryland ist noch einer der strikteren Staaten. Infomaterial liegt auf dem Tresen. Anwälte, die ihre Dienste anbieten. Die NRA, die Seminare macht. Waffenbesitz ist ab 18 Jahren erlaubt, Alkohol erst ab 21. Ihnen, sagt Cory, würde ich übrigens keine Waffe verkaufen. Jedenfalls nicht einfach so. Sie haben erkennbar keine Ahnung von Waffen. Wenn Sie unbedingt eine haben wollten, würde ich Sie erst zum Sicherheitstraining schicken. Vier Stunden, dann gibts ein Zertifikat. Anschließend können Sie eine Pistole kaufen.

Und eine Shotgun? Ein AR 15? Oder eine Sig Sauer MCX, wie sie in Orlando benutzt wurde?

Da brauchen Sie kein Zertifikat, sagt Cory.

Wie bitte?

Ist doch logisch, sagt Cory. Die großen sind nicht so gut handhabbar. Man braucht beide Arme, um sie zu manövrieren. Sie sind weniger leicht zu verstauen und eignen sich nicht sehr zur Selbstverteidigung. Kaufen nur wenige, sagt Cory. Reguliert werden müssen die kleinen. Die sind billiger, besser zu handhaben, im Zweifel gefährlicher. Sie sind ein Massenprodukt. Und jeder zweite Schusswaffentote stirbt durch eine Pistole. Aber wie gesagt, Ihnen verkaufe ich sowieso keine.

Approved, disapproved, delayed

An der Wand hängt eine Rock River 300 BLK. Mattschwarz, langer Lauf, mehrere Kilo schwer, ein Klick, eine Schuss. Die Magazingröße ist variabel. Zehn Patronen, oder dreißig oder fünfzig. Wie man es haben will. Cory reicht die Rock River über den Tresen. Ist ein bisschen ähnlich, wie die in Orlando, sagt er. Aber bitte nicht auf mich zielen. Ist zwar nicht scharf, die Kunden sollen das Gerät trotzdem auf die Wand richten. Ist unser Prinzip. Die Waffe liegt ruhig im Arm. Ein Dreh nach links, einer nach rechts. Wie im Ego-Shooter.

Spielen wir das mit dem Kauf doch mal durch, Cory. Nur so rein theoretisch.

Ok, sagt Cory. Deutscher Ausweis, kein Problem. Sie haben ja ein Visum. Hier das Formular des Justizministeriums, das ATF 4473. Das müssten Sie ausfüllen. Drei Seiten Papierkram. Name, Adresse, ein paar Fragen. Haben Sie schon mal ein Verbrechen begangen? Sind Sie ein illegaler Einwanderer? Solche Sachen.

Ich checke das dann in der FBI-Datenbank, sagt Cory. Da gibt es in der Regel nach wenigen Minuten eine Antwort. Approved, wenn es keinen Eintrag gibt. Disapproved, wenn da mal was war. Delayed, wenn es noch Klärung bedarf. Sie würden ein paar Tage warten müssen, bis Sie ihre Waffe abholen könnten. Sie sind ja kein Amerikaner. Aber Sie würden das Ding kriegen. Hier kaufen viele Botschaftsmitarbeiter ein. Ist normalerweise kein Problem. Nur halt diese kleine Wartezeit.

Ausweis, Formular, Kreditkarte, kurz warten, Gewehr abholen. Es ist der Wahnsinn.

Warum, fragt Cory. Das ist Amerika.

Archiv-Video: Sturmgewehr AR 15 als Verkaufsschlager

SPIEGEL ONLINE

insgesamt 515 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nach-mir-die-springflut 16.06.2016
1.
Der Attentäter besaß die Lizenz, weil er in einer Sicherheitsfirma arbeitete, sich ein Sturmgewehr zu kaufen. Vom FBI wurde er mehrfach aufgesucht und geprüft. New York City hat sehr strenge Waffengesetze.
ulfD 16.06.2016
2.
Andere Länder andere Sitten. Statt mit dem Moralischen Zeigefinger durch die Welt zu laufen sollten wir mal lieber auf uns schauen aber stimmt schon wer nicht lebt und denkt wie die moralische Elite deutschlands ist unwürdig....toleranz im Jahr 2016. Würde die US-Bevölkerung was gegen Waffen haben gäbe es sie nicht. Siehe oben....toleranz ist etwas was in Deutschland sehr selten ist.
zynik 16.06.2016
3. Realitäten ausblenden....
ist immer die beste Strategie. Damit kann man auch seine Oma günstig verkaufen. Oder eben Mordwerkzeug. Die Vereinfacher a la Trump sind da sehr hilfreich. Bis dann eben eines Tages das böse Erwachen kommt. Danach hat natürlich niemand etwas ahnen können.
mose123 16.06.2016
4. nix gelernt
leider nichts dazu gelernt...
tormos 16.06.2016
5. Kanada
Was mich jetzt (auch bzgl. des letzten Satzes) interessieren würde: spielen sie doch dasselbe mal irgendwo in Kanada durch. Wo sind die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten? Was denken die Kanadier über die Schießereien in den USA? Solche Sachen. Ich persönlich denke, es sind nicht nur lasche Waffengesetze, es sind auch die Menschen bzw. deren Psyche.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.