US-Invasionspläne "Dies wird nicht der Krieg, den dein Vater kennt"

Die Angriffspläne der US-Militärs nehmen Formen an: Mit einem Bomben-Inferno wollen sie die irakische Armee in Angst und Schrecken versetzen. In den ersten 48 Stunden wollen sie zehnmal soviel Präzisions-Bomben abwerfen wie im Golfkrieg 1991, erstes Ziel sollen Saddams Paläste sein. Neuen Umfragen zufolge unterstützt erstmals eine Mehrheit der Amerikaner den Krieg.


Falcon-Jet über dem Norden des Irak: Zu Beginn zehnmal so viele Bomben abwerfen wie im letzten Krieg
DDP

Falcon-Jet über dem Norden des Irak: Zu Beginn zehnmal so viele Bomben abwerfen wie im letzten Krieg

New York – In den grauen Gebäuden des Pentagons und in den Büros der amerikanischen Geheimdienstler herrscht an diesem Wochenende emsige Betriebsamkeit. Etliche Abteilungen sind damit beschäftigt, den Bericht vorzubereiten, mit dem US-Außenminister Colin Powell der Uno am kommenden Mittwoch Beweise dafür erbringen will, wie das irakische Regime die Uno-Inspekteure in den vergangenen Wochen genarrt hat. Doch mindestens ebenso emsig arbeiten die Planungsstäbe der Militärs. Immer genauer werden die Umrisse des amerikanischen Angriffsplans erkennbar.

Den Angriff einleiten soll ein gewaltiges Bombardement aus lasergesteuerten und satellitengestützten Präzisionswaffen. Allein in den ersten 48 Stunden wollen die Amerikaner 3000 Bomben über dem Irak abwerfen – zehnmal soviel, wie in den ersten zwei Tagen des Golfkrieges von 1991 eingesetzt wurden. Die auf wenige Meter genau steuerbaren Sprengsätze sollen Luftabwehranlagen vernichten, die Hauptquartiere der politischen und militärischen Führung treffen und vermutete Waffensysteme zum Abschuss von biologischen und chemischen Kampfstoffen zerstören.

Der Angriffsplan sehe vor, dass mit diesen Waffen innerhalb der ersten 48 Stunden der Weg geebnet werden solle für eine Invasion von Bodentruppen, berichtete die "New York Times" am Sonntag unter Berufung auf Kreise des Militärs und des US-Verteidigungsministeriums. "Dies wird nicht der Golfkrieg, den dein Vater kennt", zitiert das Blatt einen Pentagon-Offiziellen.

Ziel sei es, den Kampfeswillen der irakischen Armee zu brechen und weite Truppenteile zur Aufgabe oder zum Überlaufen zu bewegen. Die irakische Führung in Bagdad solle isoliert werden, um so ihren raschen Sturz zu bewirken.

Den Luftangriff sollen dem Bericht zufolge rund 500 Kampfjets und Versorgungsflugzeuge fliegen. Nach Informationen der britischen Tageszeitung "Observer" sollen erstes Ziel der verheerenden Bombenangriffe die Paläste von Saddam Hussein sein. Gleichzeitig würden die irakischen Ölfelder durch Luftangriffe "gesichert." Der "Observer" beruft sich auf eine von Verteidigungs-und Geheimdienstexperten erstellte Liste von Angriffszielen.

Dazu gehörten Schlüssel-Ministerien, Eigentum der Familie von Saddam Hussein und Ziele in dessen Heimatstadt, Tikrit. Die Luftangriffe sollen sich auch gezielt gegen die Schutztruppen der Republikanischen Garden und gegen die Geheimdienste richten.

Die Flugzeuge sollen von Stützpunkten in der Golf-Region aufsteigen. Außerdem kämen die Kampfjets auf vier oder fünf Flugzeugträgern der Marine zum Einsatz. Der Luftangriff könne innerhalb einer Woche beendet sein. Eine Bodenoffensive würde dann schnell folgen, berichtete die "New York Times" weiter. Vom Norden Kuwaits aus würden die 3. Infanteriedivision der Armee und ein beträchtliches Kontingent an Marineinfanteristen in Irak vorrücken. Die 4. Infanteriedivision würde von der Türkei aus in den Norden Iraks vorstoßen. Möglicherweise würde die britische Armee die US-Truppen in Kuwait unterstützen.

Das US-Militär würde sich dem Plan zufolge weit stärker auf präzisionsgelenkte Waffen stützen als im Golf-Krieg 1991, um die Zahl ziviler Opfer und die Zerstörung der Infrastruktur so gering wie möglich zu halten. Die "New York Times" berichtete unter Berufung auf Luftwaffenkreise, die Luftwaffe habe in der Golf-Region bereits 6700 satellitengesteuerte Bomben und mehr als 3000 lasergelenkte Bomben. Experten rechnen damit, dass die USA in der Golf-Region bis Mitte Februar ausreichend Truppen für einen Angriff zusammengezogen haben.

Derweil scheint der Rückhalt des US-Präsidenten in seinem Land und die Zustimmung der Amerikaner zu einem Irak-Krieg wieder rasch zu wachsen. Die Rede zur Lage der Nation, die Bush vergangene Woche hielt, war bei vielen US-Bürgern gut angekommen. Bush hatte darin erneut mit Krieg gedroht. Nach einer am Samstag veröffentlichten Umfrage des Fernsehsenders ABC und der Tageszeitung "Washington Post" sprach sich mit 51 Prozent der Befragten erstmals eine Mehrheit für einen Irak-Krieg auch ohne Uno-Mandat aus.



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