US-Iran-Politik "Wir sollten unsere Rhetorik zügeln"
SPIEGEL ONLINE: Mr. Riedel, die US-Regierung hat jetzt erstmals Details über die von ihr behauptete Unterstützung Irans für Todesschwadronen und Milizen im Irak präsentiert. Waren diese Belege aus Ihrer Sicht überzeugend?
Riedel: Ich halte sie jedenfalls für keine "Smoking Gun". Was in Bagdad vorgeführt wurde, beweist, dass einige der Waffen aus Iran stammen. Aber es beweist nicht, dass obere Ränge der iranischen Regierung Aktionen gegen amerikanische Soldaten befehlen. Es war ja der amerikanische Generalstabschef Peter Pace selbst, der gesagt hat, er kenne keine Belege für diese Behauptung. Die US-Regierung kann also nachweisen, dass schiitische Milizen Unterstützung aus Iran erhalten. Aber sie kann nicht nachweisen, dass US-Truppen auf Befehl der iranischen Führung angegriffen werden.
SPIEGEL ONLINE: Nach neuesten Berichten sind auch aus Österreich in Iran gelieferte Scharfschützengewehre im Irak aufgetaucht. Bush-Sprecher Tony Snow sagt, Lieferungen solcher Art seien wohl kaum ohne Wissen der iranischen Führung möglich.
Riedel: Die Bush-Regierung hat in der Vergangenheit nachrichtendienstliche Erkenntnisse aus politischen Gründen verzerrt, es wurde übertrieben, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Vor diesem Hintergrund sollten wir alle sehr vorsichtig sein. Das Statement von General Pace scheint darauf hinzudeuten, dass es auch bei den Militärs Sorge gibt, dass das Weiße Haus wieder übertreibt. Ich glaube, dass die militärische Führung die Vorstellung, sich demnächst in noch einem Krieg wiederzufinden, nicht sonderlich mag.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie dieses Risiko?
Riedel: US-Verteidigungsminister Robert Gates hat versichert, dass es keine Pläne gibt und ich nehme ihn beim Wort. Aber einen schlimmeren Vorwurf, als für den Tod amerikanischer Soldaten verantwortlich zu sein, ist kaum vorstellbar. Jetzt gehen wir gegen Iraner im Irak vor, erheben ständig neue Vorwürfe, der Ton wird schärfer. Und die Iraner haben eine lange Tradition, hart zurückzuschlagen. Es gibt eine echte Gefahr, dass die Dinge eskalieren und außer Kontrolle geraten.
SPIEGEL ONLINE: Es scheint, dass das Weiße Haus - jedenfalls in diesem Stadium - Iran nur einschüchtern will - um das Land zu Zugeständnissen und seriösen Verhandlungen zu zwingen.
Riedel: Das ist jedenfalls der Plan der besonnenen Mitglieder der Bush-Regierung. Aber Iran ist nicht leicht zu knacken, sie sind nicht leicht einzuschüchtern. Das haben wir in der Vergangenheit erlebt. Wenn sie sich in die Ecke getrieben fühlten, haben sie an einem Ort zugeschlagen, an dem wir besonders verwundbar waren. Und im Irak sind wir sehr viel verletzlicher als sie. Wenn Iran die Schiiten ermuntert, gegen US-Truppen vorzugehen, werden wir in noch größere Schwierigkeiten geraten.
SPIEGEL ONLINE: Zu welchem Vorgehen würden Sie raten?
Riedel: Theodore Roosevelt hat es doch so wunderbar gesagt: Sei freundlich, aber vergiss den Knüppel nicht. Wir sollten unsere Rhetorik zügeln. Der Weg über den Uno-Sicherheitsrat ist richtig, die Finanzsanktionen können ausgeweitet werden. Natürlich wird das nicht einfach, es braucht Zeit. Aber nach beinahe allen Einschätzungen haben wir diese Zeit für Diplomatie, dass iranische Atomprogramm ist noch nicht so weit.
SPIEGEL ONLINE: In der US-Regierung scheint es aber ein Lager zu geben, das überzeugt ist, dass Bush die Atomfrage so oder so noch in seiner Amtszeit lösen muss.
Riedel: Ich fürchte, das ist so. Vor allem im Büro von Vizepräsident Dick Cheney scheint es genau diese Überlegung zu geben. Aber die Frage, wie Amerika mit den nuklearen Ambitionen und Irans Versuch, die Region zu dominieren, umgeht, sollte nicht vom Terminplan der Administration abhängen. Was wir jetzt brauchen ist toughe Diplomatie und kein Säbelrasseln.
Das Interview führte Georg Mascolo