US-Kongress Kerry-Auftritt befeuert Schmutzwahlkampf der Republikaner

Beschimpfungen, Sex-Lügen, Rassismus und Rufmord: Der US-Wahlkampf verkommt zur schlimmsten Schlammschlacht seit Jahrzehnten. Vor allem die Republikaner scheuen vor fiesen Tricks nicht zurück. Die Demokraten schießen sich lieber selbst ins Bein - wie jetzt John Kerry.

New York - Die jüngste Barrage von Beschimpfungen haben nun die Demokraten losgetreten. Genauer gesagt: ihr linkischer Wahlverlierer Kerry. Der Senator vermurkste einen ohnehin schlechten Witz über Bushs Intelligenz, so dass es sich am Ende so anhörte, als halte Kerry US-Soldaten im Irak für dumm, faul und ungebildet. Der demokratische Senator hatte US-Studenten in Los Angeles ermahnt, fleißig zu lernen, und hinzugefügt: "Wenn ihr das nicht macht, sitzt ihr irgendwann im Irak fest."

Das Weiße Haus ließ die Steilvorlage nicht ungenutzt. Präsident Bush verlangte Satisfaktion: "Die Männer und Frauen in unserer rein freiwilligen Armee sind reichlich schlau!" Bushs Sprecher Tony Snow bezeichnete die Äußerung von Kerry als "absolute Beleidigung" der Soldaten. Kerry müsse sich entschuldigen: bei den dienenden Truppen und bei den Familien derer, die ihr Leben im Kriegseinsatz verloren haben.

Der Senator, kein Mann der Abbitte, stellte klar, mitnichten habe er die Soldaten beschimpft - er habe aufs Weiße Haus gezielt. Dann forderte er seinerseits eine Entschuldigung: "Ich bin diese jämmerlichen Republikaner-Attacken leid, die immer nur von denen zu kommen scheinen, die man nie im Kriegsdienst finden kann."

Die Keilerei dominierte die Abendnachrichten und verdrängte dort sogar die eigentliche Top-Nachricht: Die Zahl der toten US-Soldaten im Irak stieg im Oktober auf 102, den höchsten Monatsstand seit Januar 2005. Doch der Wahlkampf hat sich in seinem fortgeschrittenen Stadium längst von solchen harten Fakten entfernt - er droht zur schlimmsten Schlammschlacht seit Jahrzehnten zu verkommen.

Verhöhnung des Parkinson-Kranken Fox

Dass der Schauspieler Michael J. Fox ("Zurück in die Zukunft") am Parkinson-Syndrom in fortgeschrittenem Stadium leidet, ist unübersehbar. Er zittert und zuckt und steht unter schweren Medikamenten, um überhaupt noch sprechen zu können. Trotzdem engagiert er sich im Kampf um Heilung unermüdlich für die Stammzellenforschung. So auch jetzt im US-Kongresswahlkampf, mit Fernseh-Wahlspots für Kandidaten beider Parteien, so sie diese Forschung unterstützen.

Im jüngsten wirbt er für die Demokratin Claire McCaskill aus Missouri, die als Senatorin die Stammzellenforschung legalisieren will, während ihr republikanischer Gegner Jim Talent diese als "ethisch verwerflich" verteufelt. "Was Sie in Missouri tun", fleht Fox, von Krämpfen geschüttelt, "ist für Millionen Amerikaner wichtig - Amerikaner wie mich."

Da konnte sich der konservative Talkmaster Rush Limbaugh, das populärste Sprachrohr der Republikaner, eine Replik nicht verkneifen. "Alles nur Show", verhöhnte Limbaugh Fox in seiner Radio-Show. "Entweder hat der seine Pillen nicht genommen oder er schauspielert." Wobei Limbaugh zu erwähnen vergaß, dass er sich selbst wegen Medikamentenmissbrauchs erst im Frühjahr in Therapie begeben musste.

In US-Wahlkämpfen geht's seit jeher rüde zu. Schon in der Präsidentschaftswahl von 1884 setzte sich Grover Cleveland nur knapp gegen Anschuldigungen durch, er habe ein uneheliches Kind im Waisenhaus versteckt und dessen Mutter in den Wahnsinn getrieben. Später perfektionierten Richard Nixon (Republikaner) und Lyndon Johnson (Demokrat) die Kunst des Karateschlags unter des Gegners Gürtellinie.

Geile Blondine, viriler Schwarzer

Doch was sich jetzt abspielt, ist selbst für amerikanische Verhältnisse abstoßend. Beschimpfungen, Lügen, Verzerrungen, Aufstachelung, Rassismus, Sexismus, Rufschändung und, immer wieder beliebt, das hinterhältige Schüren von Terrorangst: So schmutzig ging es selbst 2004 nicht zu, bei der berüchtigten "Swift-Boat"-Schlacht zwischen Vietnamveteran John Kerry und Vietnamvermeider George W. Bush.

Kein Wunder: Die Republikaner fürchten um ihre Allmacht, die Demokraten wittern Morgenluft. Folglich sind es denn auch meist die panischen Republikaner, die Bannerträger von Sitte, Moral und angeblich christlichen Werten, die mit Essigsäure spritzen. Dabei sind Scheinheiligkeit, Doppelzüngigkeit und Heuchelei offenbar völlig legitime, "christliche" Charaktereigenschaften in dieser "Freak Show", wie Mark Halperin, der politische Direktor von ABC News, die Zustände nennt.

"Ich habe Harold bei der 'Playboy'-Party kennengelernt", zwitschert eine halbnackte Blondine in einem republikanischen TV-Spot gegen den schwarzen Tennessee-Demokraten Harold Ford, dem darin nachgesagt wird, "Geld von Porno-Produzenten angenommen" zu haben. "Harold, ruf mich an", haucht sie.

Stripperin-Spagat über der Banane

Derlei schamlose Anspielung auf rassistisch-sexistische Stereotypen (geile Blondine, viriler Schwarzer) sollte selbst in Tennessee, dem Schauplatz des "Lynch-Karnevals" von 1917, eigentlich längst der Südstaatenvergangenheit angehören. Doch, so findet Scott Howell, der Urheber des eindeutig zweideutigen Filmchens und ein alter Schüler von Lee Atwater, dem obersten Giftsprüher von Ronald Reagan und George Bush Sr.: "Im Krieg geht alles."

Weshalb auch die Demokraten gleich daran erinnerten, dass die Republikaner ihrerseits die Porno-Queen Mary Carey ("Tit Happens") hofiert hätten. Carey - die auf ihrer MySpace-Page als Hobbys "Basketball", "sich Betrinken" und "Sex" nennt - spendete 5000 Dollar ans Wahlkomitee der Kongress-Republikaner, dem Tom Reynolds vorsitzt, ein Protagonist im Sex-Skandal um den Ex-Abgeordneten Mark Foley. Zum Dank für die Spende lud Reynolds den Busenstar zum Dinner mit Bush und zum Lunch mit Karl Rove. Heuchelei? Ach was!

Sex zieht immer. Vor allem, um die christlich-konservative Basis zu mobilisieren. In Virginia verschickte der Republikaner George Allen voller gespielter Empörung "schockierende Sexszenen mit Minderjährigen" aus Romanen seines demokratischen Senatskonkurrenten James Webb, eines Hobbyautors: "Fogarty sah zu, wie eine nackte, junge Stripperin über einer Banane den Spagat machte." Allen selbst war diesen Sommer berühmt geworden, als er einen indischen Wahlhelfer der Demokraten als "Macaca" grüßte, als Affe.

Osama und der Atompilz

Auch diesmal zögerten die Demokraten nicht. Prompt kramte Webb "Sisters" hervor, den uralten Schmachtroman von Second Lady Lynne Cheney. Wobei sich Cheneys Sexszenen vergleichsweise enttäuschend lesen: "Er küsste sie, zwang ihre Lippen mit seinem Mund auf. Eine Welle des Ekels überkam sie." Als CNN-Moderator Wolf Blitzer sie darauf ansprach, fauchte Cheney: "Wollen Sie etwa nicht, dass wir gewinnen?"

Von Schmuddelsex zur Schwulenehe, einem bewährten Schlammschlacht-Schlager, ist es offenbar nicht weit. Das Urteil des Obersten Gerichts von New Jersey, das Homo-Paaren gleiche Rechte zubilligte wie heterosexuellen, kam da gerade wie gerufen.

Eine Stunde nach dem Urteil holte Bush - der sich bisher darauf beschränkt hatte, die Demokraten mit Terroristen gleichzusetzen - bei einer Rede einen alten Vorschlaghammer aus der Angstkammer: den schwulen "Angriff" auf "die geheiligte Institution der Ehe". "Sie muss verteidigt werden", bebte er.

Mit der "Schwulen-Agenda" brandmarken die Republikaner ihre Rivalen seither täglich. Gern auch mit anderen Schreckgespenstern kombiniert - die "Pille für Schulmädchen", schwarze Vergewaltiger, illegale Latinos, der dräuende Atompilz, die Ruinen des World Trade Center, Osama Bin Laden. Dass die CIA-Abteilung zu dessen Erfassung im Juli von Bush geschlossen wurde, erfährt der Wähler allerdings nur aus demokratischen TV-Spots.

Wohnort "Flacharsch, Nebraska"

Die US-Medien, das Internet und vor allem die Video-Website YouTube geben jedem Rülpser Donnerhall: Etwa Ausfällen wie denen der Republikanerin Barbara Cubin, die Gegner Tom Rankin ankeifte, der mit multipler Sklerose im Rollstuhl sitzt: "Wenn du nicht in diesem Stuhl säßest, würde ich dir eine scheuern." Oder dem der Republikanerin Marilyn Musgrave, die einen Kameramann auf der Straße anpöbelte. Oder dem des Republikaners John Spencer, der lästerte, Konkurrentin Hillary Clinton sei nur dank Facelifting "für Millionen Dollar" heute vorzeigbar. Spencer bekundete das in einem Flugzeug zu seinem Sitznachbarn, der leider ein Reporter der New Yorker "Daily News" war.

Neuester Trick der Verleumder und Verfehmer: Manipulation des Internet-Lexikons "Wikipedia" zu Ungunsten des Gegners. Sehr beliebt ist diese "Wikitrickery" ("New Yorker") im Senatsrennen von New Jersey. Da erweiterte jemand die Biografie des Demokraten Bob Menendez um den falschen Satz "Er favorisiert Steuererhöhungen für alle Amerikaner" und die Kauderwelsch-Passage "Er komisch aussieht".

Einige dieser "Korrekturen" gingen auf die elektronische IP-Computerkennung der Wahlkampfzentrale von Menendez' Gegner zurück, des Republikaners Tom Kean. Doch auch der selbst las plötzlich in seinem "Wikipedia"-Lebenslauf, er wohne "in Flacharsch, Nebraska, mit Ehemann Joe".

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