Kongress US-Abgeordnete wurden in der Krise noch reicher

Der amerikanische Durchschnittshaushalt verlor in der Finanzkrise viel Geld - anders stellt sich das bei den Abgeordneten im US-Kongress dar. Viele Repräsentanten und Senatoren verdienten laut "Washington Post" in der Krise kräftig dazu. Besonders erfolgreich waren die ohnehin reichsten Politiker.
US-Kongress (bei "State of the Union"-Rede Barack Obamas): Krise gut überstanden

US-Kongress (bei "State of the Union"-Rede Barack Obamas): Krise gut überstanden

Foto: MLADEN ANTONOV/ AFP

Washington - Die Abgeordneten in den beiden Häusern des US-Kongresses haben die Immobilien- und Finanzkrise überraschend gut überstanden, was ihre privaten Finanzen angeht. Das ist ein Ergebnis eines aufwendigen Rechercheprojektes, dessen Ergebnisse die "Washington Post" am Sonntag auf ihrer Website  präsentiert. Der Vermögens-Median  amerikanischer Haushalte fiel der US-Notenbank zufolge von 2007 bis 2010 um 39 Prozent. Der Median ist der Wert, der die untere Hälfte einer betrachteten Verteilung von der oberen Hälfte trennt. Dieselbe Kennzahl stieg der "Washington Post" zufolge dagegen um fünf Prozent, wenn man nur die Vermögen der Abgeordneten und Senatoren im US-Kongress betrachtet.

Kurz: Während die Bevölkerung der USA durch die Krise gewaltige Teile ihres Vermögens einbüßte, wuchs der Reichtum der meisten ihrer Volksvertreter stetig weiter. Das reichste Drittel der Abgeordneten wurde demnach in den drei Jahren von 2007 bis 2010 sogar um 14 Prozent reicher. 72 Abgeordnete haben den Schätzungen zufolge ihr Vermögen seit 2004 verdoppelt.

"Washington Post": Industriebeteiligungen von Republikanern (rot) und Demokraten (blau)

"Washington Post": Industriebeteiligungen von Republikanern (rot) und Demokraten (blau)

Allerdings haben sich auch etwa 20 Prozent der Parlamentarier finanziell verschlechtert, 24 verschuldeten sich zwischen 2004 und 2010 sogar. Viele der Abgeordneten aber (gemeint sind sowohl Mitglieder des Repräsentantenhauses als auch des Senats) sind zu den Reichen und Superreichen der USA zu zählen. Senatoren (2,6 Millionen Dollar Vermögen im Schnitt) sind dabei typischerweise deutlich wohlhabender als Abgeordnete des Repräsentantenhauses (746.000 Dollar im Schnitt).

Gewaltige Unschärfen bei den Vermögensangaben

Das Vermögen des republikanischen Abgeordneten Michael McCaul aus Texas und von dessen Frau etwa schätzt die "Washington Post" auf 380 Millionen Dollar. Darell Issa aus Kalifornien, ebenfalls Republikaner, besitzt demnach sogar fast 450 Millionen - er legte den Grundstein für seinen immensen Reichtum schon um die Jahrtausendwende mit einer Firma für Auto-Alarmanlagen. Zu Beginn der Immobilienkrise in den USA sank sein geschätztes Vermögen um 90 Millionen Dollar, berichtet die "Washington Post", doch bis 2010 hatte es erneut um 197 Millionen zugelegt. Das viele Geld verdiente Issa nicht zuletzt mit Immobilien.

Aber auch einige Demokraten besitzen demzufolge gewaltige Vermögen. Darunter bekanntermaßen reiche Parlamentarier wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat John Kerry und dessen Frau (geschätzte 230 Millionen Dollar im Jahr 2010). Aber auch die Minderheitenführerin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, und ihr Mann besitzen geschätzte 100 Millionen Dollar.

Viele Werte müssen gar nicht erst angegeben werden

Geschätzt sind all diese Werte deshalb, weil auch in den USA gewählten Volksvertretern längst keine absolute Transparenz in finanziellen Dingen abverlangt wird. Sie müssen ihre Besitztümer nur in sehr groben Zügen angeben, etwa erklären, dass ihre Beteiligung an einer bestimmten Gesellschaft "zwischen 5 und 25 Millionen Dollar" wert ist. Michael McCauls Offenlegungsformular aus dem Jahr 2011 weist allein auf der ersten von 35 Seiten mit aufgezählten Investitionen drei Kreuzchen in der Spalte "5 bis 25 Millionen" auf, dazu noch eins in der Spalte "über 50 Millionen". Oberhalb dieser Grenze wird gar nicht mehr differenziert.

Ob die drei Kreuzchen aber eher für 15 oder eher für 75 Millionen stehen, ist für den Bürger nicht nachzuvollziehen. Die Redaktion der "Washington Post" entschied sich, für jede der Angaben die Mitte des jeweiligen Intervalls zu wählen, aus 5 bis 25 Millionen wurden also jedes Mal geschätzte 15 Millionen gemacht. Die gesamte Datenbank der "Washington Post" basiert auf der Auswertung dieser jährlichen Vermögensoffenlegungen, zu denen die Abgeordneten in beiden Häusern verpflichtet sind.

Die Ergebnisse der aufwendigen Recherchearbeit präsentiert die Zeitung in einer interaktiven Grafik . Republikanische und demokratische Abgeordnete sind entlang der Achsen "Vermögen" und "Aggressivität" in einer Matrix eingeordnet - mit "Aggressivität" ist die Anlagestrategie gemeint, die der oder die jeweilige Abgeordnete verfolgt. Riskantere, aber damit oft auch gewinnträchtigere Investitionsformen wurden als aggressiver eingestuft.

Tendenziell dürften die Werte, die die Zeitung angibt, eher unter- als überschätzt sein. Denn viele Vermögensarten müssen die US-Volksvertreter erst gar nicht angeben, etwa die genauen Einkünfte ihrer Ehegatten, den Wert der Häuser, die sie selbst bewohnen, Geld, das auf Konten ohne Verzinsung untergebracht ist, und die Altersvorsorge des Kongresses selbst.

Die Krise - ein Vermögensgleichmacher über die Parteigrenzen hinweg

Aufgeführt sind für jedes der 535 Kongressmitglieder auch Investitionsentscheidungen und mögliche Interessenkonflikte im Zusammenhang etwa mit Konjunkturpaketen oder anderen politischen Vorgängen. Diese Darstellungen sind jedoch sehr kurz gehalten - die "Washington Post" verspricht für die kommenden Tage weitere Berichte über einzelne Interessenkonflikte.

Insgesamt, heißt es im Auftaktartikel, habe man bei 73 Parlamentariern mögliche Verbindungen zwischen konkreten Gesetzesvorhaben, die sie unterstützten, und eigenen Geschäftsinteressen oder den Interessen ihrer Familien festgestellt.

Glaubt man den Schätzungen der "Washington Post" hatte die Krise innerhalb des Kongresses zumindest einen ausgleichenden Effekt: Im Jahr 2004 habe das geschätzte Durchschnittsvermögen der Republikaner noch 44 Prozent über dem der Demokraten in Senat und Abgeordnetenhaus gelegen. Nach der Krise jedoch sei dieser Unterschied "so gut wie verschwunden".

cis