US-Marines Bush rechnet mit Toten

Der Krieg in Afghanistan tritt nach den Worten von George W. Bush in eine besonders gefährliche Phase ein. Der US-Präsident kündigte an, es werde Todesopfer auf amerikanischer Seite geben. Zuvor waren Hunderte von Marineinfanteristen bei Kandahar eingetroffen.


Kämpfer der Nordallianz bei Kundus
AP

Kämpfer der Nordallianz bei Kundus

Washington/Kundus/London - "Dies ist eine gefährliche Zeitperiode", sagte Bush wenige Stunden nach dem Eintreffen der Marines. Die USA befänden sich in einer Phase, "in der wir die Leute zur Strecke bringen, die für die Angriffe auf Amerika verantwortlich sind".

Bush wies darauf hin, dass er von Anfang an als Ziel deklariert habe, die Terroristen "auszuräuchern", sie aus ihren Verstecken zu locken und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Genau das geschehe, und wie angekündigt "mit allen nötigen Mitteln", sagte Bush am Rande eines Treffens mit zwei kürzlich aus Afghanistan befreiten amerikanischen "Shelter Now"-Mitarbeiterinnen.

Der Präsident sagte weiter, dass natürlich kein Präsident oder Oberbefehlshaber den Verlust von Menschenleben auf dem Kriegsschauplatz wünsche. "Aber das wird geschehen. Wie ich schon frühzeitig zu Beginn der Militäraktion gesagt habe: Amerika muss sich auf den Verlust von Menschenleben vorbereiten. Ich glaube, dass das amerikanische Volk versteht, dass wir es mit einem mächtigen Kampf zu tun haben und es Opfer geben wird."

Trotz des Einmarsches tausender Kämpfer der Nordallianz nach Kundus gab es auch am Montag in der nordafghanischen Stadt noch heftige Kämpfe mit verbliebenen Resten der Taliban und besonders auf deren Seite kämpfenden ausländischen Freiwilligen. In der Folge zogen nach Augenzeugenberichten Kämpfer der Nordallianz durch die Straßen, trieben gefangene Taliban mit Schlägen vor sich her und erschossen verwundete Gegner. Rahman Ali, ein Kommandeur der Nordallianz, schätzte die Zahl der getöteten Taliban auf über 100 und die eigenen Verluste auf etwa zehn.

US-Elitesoldaten vor dem Abflug: Vom Arabischen Meer zur letzten Hochburg der Taliban
REUTERS

US-Elitesoldaten vor dem Abflug: Vom Arabischen Meer zur letzten Hochburg der Taliban

Schätzungsweise 3000 Araber, Tschetschenen und Pakistaner widersetzten sich der Kapitulation. Nach Angaben eines Sprechers von Nordallianz-Kommandeur Raschid Dostum ergaben sich beim Einmarsch 5000 gegnerische Kämpfer. Die meisten seien Einheimische gewesen, die freigelassen worden seien, sagte der Sprecher Alim Rasim. 750 seien jedoch vermutlich Ausländer und deshalb inhaftiert worden.

Erster amerikanischer Brückenkopf in Südafghanistan

Die amerikanischen Marineinfanteristen landeten in der Nähe von Kandahar und besetzten eine Wüstenpiste, die sie bis Montagabend zu einem behelfsmäßigen Luftstützpunkt ausbauten. "Wir sind gelandet und halten nun ein eigenes Gebiet in Südafghanistan", teilte US-General James Mattis an Bord des US-Kriegsschiffes "Peleliu" im Arabischen Meer mit. Die Amerikaner haben damit ihren ersten Brückenkopf in Südafghanistan gebildet.

Bisher sind mehrere hundert Marineinfanteristen mit Hubschraubern ins Umland Kandahars gebracht worden, wo sie ein Flugfeld besetzten. Unter dem Codenamen "Schneller Frieden" baue die Armee Bodentruppen auf und werde über die neue Basis mehr Soldaten in das Land schicken, sagte der US-General.

Angaben von Offizieren zufolge wurden am Montag weitere Soldaten und Ausrüstung auf die neue Basis verlegt. Sie machten keine Angaben zur Zahl der Soldaten, sagten aber, es werde sich um eine "gewaltige Einheit" handeln. Innerhalb kurzer Zeit werde man mehr als 1000 Soldaten im Hinterhof der Taliban stationiert haben, sagte Oberst Peter Miller.

Gleichzeitig bombardierten US-Kampfflugzeuge unablässig Ziele bei Kandahar. Anti-Taliban-Kämpfer rückten mit Unterstützung der US-Truppen bis auf sieben Kilometer an die Stadt heran. Verhandlungen mit dem Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar zur Übergabe der Stadt scheiterten nach Angaben der Nordallianz.

Taliban-Gegner nahmen die Orte Tacht-i-Pul und Tur Kotal östlich der Stadt ein. Auch eine Straße von Kandahar nach Pakistan sollen sie besetzt haben. Paschtunenführer hätten versucht, die Taliban zur Aufgabe zu bewegen, seien aber gescheitert, sagte Nordallianz-Außenminister Abdullah. Er gehe davon aus, dass sich der mutmaßliche Terroristenführer Osama Bin Laden bei Omar aufhalte. Die USA hätten die Nordallianz wenige Stunden vor der Landung der Infanteristen informiert.

Britische Soldaten verletzt

Eine "kleine Anzahl" britischer Soldaten wurde unterdessen bei Bodeneinsätzen in Afghanistan verwundet. Das teilte Verteidigungsminister Geoff Hoon im Unterhaus mit. Es war das erste Mal seit Beginn der Militäraktionen Anfang Oktober, dass die britische Öffentlichkeit über die Verwundung von Soldaten informiert wurde. Keiner der Betroffenen sei lebensgefährlich verletzt. Sie hätten die Verwundungen bei gemeinsamen Einsätzen mit US-Truppen "in den letzten Tagen" erlitten.

Vermutlich handelt es sich bei den Verwundeten um Mitglieder von Spezialeinheiten, die gemeinsam mit den US-Marines zu Aufklärungs- und Suchaktionen eingesetzt wurden. Auf dem Flughafen Bagram bei Kabul sind außerdem etwa hundert britische Soldaten stationiert. Ihre Anzahl wurde nach Mitteilung Hoons vom Montag erhöht.

Wie Hoon weiter mitteilte, ist die sofortige Einsatzbereitschaft für die meisten der etwa 6000 britischen Soldaten aufgehoben worden, die seit Wochen im Golf-Staat Oman zum Afghanistan-Einsatz bereitstehen. Hoon begründete die Entscheidung mit den "ermutigenden Entwicklungen" in Afghanistan.



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