US-mexikanische Grenze Wüstenmonument des Scheiterns

Hier kommt keiner rein: Das war das Signal der Amerikaner an die Einwanderer aus Mexiko. Mehr als tausend Kilometer Mauer und Zaun sollten die USA abriegeln - aber der Zustrom war nicht zu stoppen. Dazu brauchte es erst eine wichtige Erkenntnis auf mexikanischer Seite. 

Von , New York


Der 11. September war schuld. Nach den Anschlägen im Jahr 2001 igelten sich die USA ein. Ob Terroristen, Drogenschmuggler oder illegale Einwanderer: Das Land sollte "sicher" werden.

Besonderes Interesse galt dabei dem Landweg, namentlich der 3141-Kilometer-Südwestgrenze der USA zu Mexiko. Diese Wüstengrenze, die die Staaten Kalifornien, Arizona, New Mexico und Texas berührt, ist berüchtigt porös. Schon in den neunziger Jahren hatten die Behörden in der Nähe von San Diego einen 23-Kilometer-Wellblechzaun errichtet, "Tortilla Wall" genannt. Dieses Schlagwort gilt seither oft für den kompletten US-mexikanischen Grenzzaun.

2006 autorisierte der Kongress den Bau von insgesamt 700 Meilen (1126 Kilometern) befestigten Zauns, um die Grenze zu Mexiko abzuschotten. Das deckte aber nur rund ein Drittel der Gesamtstrecke ab. Parallel sollte ein "virtueller Zaun" entstehen, der die Lücken mit hochgerüsteter Technologie stopfen sollte.

Arizonas Gouverneurin Janet Napolitano, eine Demokratin, bezweifelte schon damals den Sinn des Monuments: "Zeig mir eine 50-Fuß-Mauer, und ich zeige dir eine 51-Fuß-Leiter."

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US-mexikanische Grenze: Wüstenmonument des Scheiterns
In der Tat entpuppten sich die illegalen Grenzgänger als enorm einfallsreich. Sie buddelten Tunnels unter dem Zaun. Sie schleuderten ihre Drogenlieferungen mit Katapulten oben drüber. Schlepperbanden knöpften Mexikanern, die dem Elend entfliehen wollten, 200 Dollar pro Kopf ab. Viele kamen bei der Tortur ums Leben, verdurstet, verhungert, von US-Bürgerwehren erschossen.

Arizona will auf eigene Faust weiterbauen

Doch alle Präsidenten setzten den Mauerbau fort: Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama. Jedesmal, wenn sie die Kontrollen verschärften, mit Patrouillen, Befestigungen und modernster Technologie, wichen die Grenzbrecher ganz einfach anderswohin aus. Es war ein endloses Katz-und-Maus-Spiel, während in Washington jeder Versuch einer politischen Einwanderungsreform scheiterte.

Erst im Januar dieses Jahres gab Napolitano - die 2009 Heimatschutzministerin geworden und seither gar nicht mehr so zaunkritisch war - das Projekt auf. Eine Milliarde Dollar war allein in den "virtual fence" gesteckt worden, doch das Vorhaben hatte sich als wirkungslos und zu teuer erwiesen. Grenzschützer sollen nun mit handelsüblichen Methoden vorgehen: Ferngläser, Nachtsichtgeräte, Schusswaffen.

Die einstige Völkerwanderung über die US-mexikanische Grenze ist inzwischen versandet, die Zahl der Grenzgänger von 2006 bis 2010 um 60 Prozent zurückgegangen. Als Gründe nennen Einwanderungsexperten die verbesserten Lebensbedingungen in Mexiko und den miserablen US-Arbeitsmarkt. Mit dem Zaun, sagen sie, hätte das nichts zu tun.

Doch Arizona gibt nicht auf. Dort regiert jetzt die Republikanerin Jan Brewer, die 2010 die schärfsten Einwanderungsgesetze der Nation in die Wege leitete. Arizona will die Mauer auf eigene Faust fertigbauen, über eine Website ruft die Regierung zu Spenden auf.

Am ersten Tag kamen mehr als 40.000 Dollar zusammen.

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