US-Militär im Sündenbabel Schwule Soldaten feiern Coming-out in Las Vegas

Die Politik des beschämenden Schweigens ist beendet: Homosexuelle Soldaten dürfen seit September in der US-Armee offen leben. Ergraute Veteranen, patriotische Elitekrieger und junge Kadetten haben nun gemeinsam ihr Coming-out gefeiert - im Sündenbabel Las Vegas.

SPIEGEL ONLINE

Aus Las Vegas berichtet


Für Jonathan Mills kam der Moment der Wahrheit an einem unwirklichen Ort: im afghanischen Kandahar. Dort war der Air-Force-Soldat 2007 gelandet, als Kommunikationstechniker im US-Feldzug gegen die Taliban. Fünf Monate lang war er getrennt von seiner Frau und seiner Tochter. "Fünf Monate", sagt er, "in denen ich Zeit hatte, darüber nachzudenken, wer ich bin."

Was Mills immer ahnte, war jetzt gewiss: Er ist schwul. Nach seiner Heimkehr ließ er sich scheiden. Trotzdem musste er weiter ein Doppelleben führen, wegen des indirekten Schwulenverbots im US-Militär. Erst als das im September aufgehoben wurde, war er wirklich frei.

Und so findet sich Mills, 27, jetzt im Hotel-Casino "New York-New York" in Las Vegas, im Kreis von Dutzenden weiteren schwulen und lesbischen US-Soldaten. "Das ist phantastisch", begeistert sich der junge Kriegsveteran. "Zuerst fühlte sich das alles gar nicht anders an. Doch nun zeigt sich, wie bedeutsam es ist."

Unten im Casino klingeln Abertausende Spielautomaten in grellen New-York-Kulissen, und halbnackte Damen werben aggressiv für den Nachtclub Rok. Oben, in einer schmucklosen Suite aus Konferenzsälen, vollzieht sich eine etwas andere Art von Enthüllung: Hier feiern fast 300 Soldaten ihre Coming-out-Party. Manche grüßen sich verhalten, schließlich ist das alles neu. Andere fallen sich laut lachend in die Arme.

Es ist das erste Mal seit dem Ende von "Don't Ask Don't Tell" (DADT), der berüchtigten Schwulenvorschrift im US-Militär, dass sie sich so offen treffen. "Führungsgipfel der Streitkräfte" heißt die Konferenz am Wochenende ganz unverfänglich, organisiert von OutServe, einer Interessengruppe. Und als Schauplatz haben sie Las Vegas gewählt - "Sin City", Amerikas Sündenbabel.

"Endlich habe ich keine Angst mehr"

Zweieinhalb Tage lang tummelt sich dort also zwischen all den Zockern, Zechern und Huren eine bisher strikt im Verborgenen lebende Gruppe: homosexuelle US-Militärs aller Ränge und Waffengattungen. "Endlich brauche ich keine Angst mehr zu haben", sagt Mills. "Endlich kann ich nachts ruhig schlafen."

Sie sind Armeesoldaten, Luftwaffenpiloten, Matrosen und Marineinfanteristen. Ein Trupp blutjunger Kadetten von der Militärakademie West Point macht die Runde, mit typisch überpräziser Haltung und einander nicht von der Seite weichend. Ergraute Veteranen beobachten das Treiben mit feuchten Augen.

"Dies ist ein historischer Moment", murmelt Chris Di Maio, 71, aus dem kalifornischen Rio del Mar bewegt. Di Maio kam 1968 nach Vietnam, wo neun von zehn seiner Kameraden verwundet wurden oder fielen. "Mein erstes homosexuelles Erlebnis war beim Militär", sagt er. "Damals galt das noch als moralische Verworfenheit. Wir sind weit gekommen."

Abgesehen von einer ersten, wilden Nacht in der Schwulendisco Krave, einem Tanztempel mit Go-go-Boys, verläuft das kollektive Coming-out aber überaus korrekt und ohne weitere Klischees, ohne Regenbogen oder Glitzerkugeln. Verkatert, aber vollzählig treten sie in einem düsteren Ballsaal zum Frühstück an.

Elitesoldaten mit Tränen in den Augen

Die ruhige und freudige Stimmung entspricht der Erfahrung der meisten hier mit ihrer neuen, langwierig erstrittenen Freiheit. "Alles war wie immer", erinnert sich der Marineinfanterist Matthew an den Tag nach der Aufhebung von DADT im September. "Und doch war es, als erschien ich zum ersten Mal zum Dienst." Er stockt, Tränen treten ihm in die Augen.

Matthew, 34, ist ein Vorzeige-Elitesoldat: drahtiger Körper, kantiger Kiefer, messerscharfer Haarschnitt. Er redet frei über seine Homosexualität, bittet aber, seinen Nachnamen nicht zu nennen: "Ein Coming-out bleibt eine persönliche Entscheidung." Hauptsache, er muss nicht mehr um seinen Job fürchten.

DADT war 1993 unter Bill Clinton erlassen worden. Nach dem Gesetz blieben Schwule und Lesben im US-Militär unbehelligt, so lange sie sich über ihre sexuelle Orientierung bedeckt hielten. Wer allerdings geoutet wurde, wurde gefeuert - ein Schicksal, das mehr als 14.500 Soldaten traf. "Homosexuell" bekamen sie ins Führungszeugnis geschrieben, was wiederum an ihre künftigen Arbeitgeber ging.

Matthew lebte bereits offen schwul, als er sich nach dem 11. September 2001 mit 25 Jahren zu den Marineinfanteristen meldete: "Ich sah es als meine Patriotenpflicht." Plötzlich musste er sein früheres Coming-out quasi wieder rückgängig machen und "ein Doppelleben führen".

So überstand er Parris Island, das berüchtigte Trainingslager der Marineinfanteristen, wurde zum Scharfschützen und zum Meister im Kampfsport und diente zuletzt im Irak. "Ich liebe es", sagt er. "Ich liebe die Werte der Marineinfanteristen: Ehre, Mut und Hingabe."

Eine Welt erzwungener Lügen

Trotz dieser Werte lebte Matthew in einer erzwungenen Lügenwelt - die auch eine mehrjährige Beziehung zerstörte. Heute kann er ohne Furcht sagen: "Ich bin ein schwuler Marineinfanterist."

Im Gegensatz zu Matthew geht Eddy Sweeney völlig offen mit seiner Homosexualität um. Der 26-jährige Geheimdienstoffizier der Air Force offenbarte sich in Deutschland, wo er in Ramstein stationiert ist - und feierte anschließend auf dem Oktoberfest. Seine Kameraden reagierten nonchalant: "Alle machen auf einmal Schwulenwitze."

Gemeinsam mit Jonathan Mills, der ebenfalls in Deutschland diente, gründete Sweeney OutServe, das Magazin der gleichnamigen Lobbygruppe, die damals noch geheim agierte. Beide schrieben unter Pseudonym. Als DADT fiel, erschien OutServe mit Klarnamen sowie den Porträts von 101 US-Soldaten, die sich outeten - die "Faces of Courage", die Gesichter der Mutigen.

Manche dieser Gesichter sind jetzt auch im "New York New York" zu sehen. Andere sind neu, etwa Unteroffizier John Shope, 37, von der Küstenwache. Shope beklagt jahrelange Diskriminierung wegen seiner Homosexualität und sieht darin auch den Grund, dass er jetzt wegen "psychologischer Probleme" vorzeitig entlassen wird. Seinen Lebenslauf im Gepäck, ist er nach Las Vegas gekommen, in der Hoffnung auf Hilfe für die Jobsuche: "Ich nehme alles."

"In der CIA kann ich so schwul sein, wie ich will"

Das zivile Leben nach dem Militär ist nur eines von vielen Themen, denen die Konferenz Workshops widmet. Die CIA - die die Tagung sponsert - hat gleich zwei Verbindungsoffiziere geschickt, um Veteranen anzulocken: "In der CIA", sagt Russland-Analyst Mike Powell freudig, "kann ich so schwul sein, wie ich will."

Andere Gruppen befassen sich mit Fragen wie der Homo-Ehe ("Kann ich mich von einem Militärkaplan trauen lassen?") oder potentiellen Beziehungsproblemen schwuler Soldaten ("Was tun, wenn der Partner zur Front muss?"). Und überall feiern sie die Veteranen des Kampfes gegen DADT.

"Wir sind noch nicht am Ziel", warnt die prominente Aktivistin Sue Hyde die Soldaten. "Es gibt noch viel zu tun." In der Tat: Die Republikaner wollen DADT wieder einführen. Parallel läuft der landesweite Streit um die Homo-Ehe.

Für Männer wie Marineinfanterist Matthew jedoch ist die jahrelange Zeit des stillen Leidens endlich zu Ende. "Ich bin stolz darauf, schwul zu sein", sagt er. "Und ich bin genau so stolz darauf, ein Marineinfanterist zu sein."

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