Syrische Botschaften an US-Politiker Twittern für Krieg und Frieden

Die Gegner von Syriens Diktator Assad setzen alles daran, die USA zu einem Militärschlag zu bewegen. Doch auch die Anhänger des Regimes in Damaskus kämpfen um die Aufmerksamkeit der Entscheider in Washington. Beide Seiten trommeln via Facebook, Twitter und YouTube für ihre Sache.

Syrische Rebellen (in Aleppo): "Wenn die Guten schweigen"
REUTERS

Syrische Rebellen (in Aleppo): "Wenn die Guten schweigen"


Die Menschen Syriens sind wohl am meisten von dem betroffen, was die Senatoren und Abgeordneten im US-Kongress diese Woche diskutieren. Doch es ist nicht leicht für sie, sich in die Debatte einzuschalten. Über die sozialen Medien versuchen sie nun, sich trotzdem Gehör zu verschaffen.

Sowohl die Anhänger Baschar al-Assads als auch seine erbitterten Gegner kämpfen um die Aufmerksamkeit der Welt. Aktivisten aus Kafranbel etwa, einem Dorf im Norden Syriens, fordern in einer Video-Botschaft, die sie an US-Abgeordnete mailen, ein Votum des Kongresses für einen Militärschlag gegen das Assad-Regime. Etwas unbeholfen melden sich die Syrer auf Englisch zu Wort. Offenbar versprechen sie davon mehr als von einer arabischen Botschaft mit Untertiteln. Auch Bilder von getöteten Kindern werden eingeblendet.

"Die ultimative Tragödie ist nicht die Unterdrückung und Grausamkeit durch schlechte Menschen, sondern wenn die Guten dazu schweigen", zitiert eine junge Syrerin am Ende des Videos den amerikanischen Bürgerrechtshelden Martin Luther King.

"Nur weil ich gegen Assad bin, bin ich nicht al-Qaida!"

In Kafranbel filmen sie, wie in vielen anderen Dörfern und Städten seit Beginn des Aufstands, ihre Parolen und Banner gegen Baschar al-Assad und stellen sie auf YouTube. Um von der Welt verstanden zu werden, schrieb der Ort ab Mai 2011 seine Protestslogans auch auf Englisch, und ab August 2011 führte man leicht verständliche politische Cartoons auf Postern ein. Inzwischen ist für die Aktivisten nicht nur Assad ein Gegner. Zunehmend müssen sie sich auch mit islamistischen Rebellen auseinandersetzen, die den Aufstand für ihre Zwecke nutzen wollen, berichtet das journalistische Syrien-Portal "Syria Deeply".

Unter dem Hashtag #Act2EndAssadsWar twittern Syrer, die sich für amerikanische Militärangriffe auf Assads Militär aussprechen. Sie scheinen davon auszugehen, dass die Kongressabgeordneten, die über ihr Schicksal mitentscheiden, nicht sonderlich viel wissen über Syrien. Stattdessen fürchten sie, dass die Amerikaner aus Sorge vor Islamisten reflexhaft votieren könnten. "Nur weil ich gegen Assad bin, bin ich nicht al-Qaida", twittern einige. Ihr Hashtag soll signalisieren, dass US-Militärschläge den Krieg in Syrien beenden könnten - eine überaus fragliche Annahme.

"Wir wollen nicht, dass al-Qaida die Macht übernimmt"

Genauso irreführend sind teils die Hashtags der Gegenseite. Die Gegner eines US-Militärschlags twittern unter #NoToSyrianWar - als ob es nicht bereits seit zweieinhalb Jahren grausame Kämpfe in Syrien gäbe, ausgelöst und angefacht durch die brutale Reaktion des syrischen Regimes auf die Proteste. Nicht einmal der russische Außenminister Sergej Lawrow, Assads Verbündeter, leugnet das. Nun wird auch unter #NoWarWithSyria und #HandsOffSyria getwittert.

Auf einer Facebook-Seite finden Syrer, die auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen, Textbausteine, die sie ihren Abgeordneten schicken können. Vorgeschlagen wird etwa: "Präsident Obama sollte sein Versprechen gegenüber dem amerikanischen Volk halten und sich darauf konzentrieren, dessen Leben zu verbessern, anstatt Kriege im Ausland zu beginnen, gegen Länder, die keine direkte Bedrohung für die USA darstellen."

Das Nein-Lager kann ebenfalls mit einem beeindruckenden Video aufwarten. Eine Syrerin, die in Arizona lebt, stellte dort vergangene Woche US-Senator John McCain in einer emotionalen Ansprache zur Rede, die ihren Weg auf YouTube fand.

"Niemand leugnet, dass viele Grausamkeiten in Syrien begangen werden, von beiden Seiten", fing sie an. Ein Militärschlag sei jedoch keine Lösung. "Zwingt Iran und Saudi-Arabien aufzuhören, die beiden Seiten zu unterstützen", schlug sie vor. Wie, ließ sie offen. "Ich bin auch kein Fan von Baschar al-Assad", fuhr die Frau fort. Doch: "Wir wollen nicht, dass al-Qaida übernimmt", sagte sie. Sie gab sich als Christin zu erkennen, eine Minderheit in Syrien, die zunehmend zwischen die Fronten zu geraten droht.

Hack-Attacken für ein Nein

In den vergangenen zwei Jahren ist der Einfluss der Islamisten in Syrien stetig gewachsen. Manche Experten führen dies auch darauf zurück, dass die säkulare Opposition gegen Baschar al-Assad kaum internationale Unterstützung bekommt.

Das Nein-Lager hat den Vorteil, dass es sich nicht nur auf soziale Medien stützen kann. Ihm stehen auch die etablierten Kanäle offen: Das syrische Regime macht sich mit Fernsehauftritten zur Primetime und mit Briefen an die amerikanischen Abgeordneten gegen einen US-Militärschlag stark.

Zudem setzt es auf Hackerangriffe. Die "Syrische Elektronische Armee", eine Gruppe junger Syrer, die fest zu Baschar al-Assad hält, kaperte vergangene Woche die Webseite der US-Marines und zeigte Männer in Uniform mit unerkennbaren Gesichtern, angeblich US-Soldaten, mit Schildern wie "Ich will nicht für al-Qaida in Syrien kämpfen". Dazu schrieben die Assad-Anhänger auf die Marines-Webseite: "Die syrische Armee sollte euer Verbündeter sein, nicht euer Feind."

Die Aussagen entbehren nicht einer gewissen Ironie, da das syrische Regime, das mit Iran und der libanesischen Hisbollah verbündet ist, sich immer als Gegner Washingtons inszeniert. Auch Kooperationen mit al-Qaida sind Damaskus nicht fremd. Im Irak etwa half Damaskus den Extremisten im Kampf gegen die amerikanischen Soldaten.

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Rainer_H 09.09.2013
1. Wer will Krieg und wer den Frieden?
Zitat von sysopREUTERSDie Gegner von Syriens Diktator Assad setzen alles daran, die USA zu einem Militärschlag zu bewegen. Doch auch die Anhänger des Regimes in Damaskus kämpfen um die Aufmerksamkeit der Entscheider in Washington. Beide Seiten trommeln via Facebook, Twitter und YouTube für ihre Sache. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-militaerschlag-wie-syrer-um-amerikanische-stimmen-werben-a-921191.html
Im Artikel wird der Eindruck erweckt, dass mindestens die Hälfte der Syrer für den Militärschlag der USA sind. Das wird aber so nicht stimmen. Wenn in den USA etwa 30%, in Deutschland und im SPON-Forum vielleicht 20% immer noch für den Militärschlag gegen Assad votieren, werden es in Syrien bei 20 Mio. Einwohnern weit unter 5% sein. Frau Raniah Salloum kann ja gern mal nachzählen und uns das Ergebnis mitteilen. Bei der Gelegenheit kann sie gleich noch fragen, wer für die bewaffneten Aktivitäten der Rebellen seit den ersten "friedlichen" Demonstrationen immer noch Verständnis hat und Sympathien hegt. Ich tippe, dass es auch weit unter 5% sein werden. Die nächste Frage wäre dann, wielange wir hier noch tendenziöse Artikel von Frau Raniah Salloum lesen müssen.
Bordeaux09 10.09.2013
2. Bitte keine Kriegstreiberei
Zitat von sysopREUTERSDie Gegner von Syriens Diktator Assad setzen alles daran, die USA zu einem Militärschlag zu bewegen. Doch auch die Anhänger des Regimes in Damaskus kämpfen um die Aufmerksamkeit der Entscheider in Washington. Beide Seiten trommeln via Facebook, Twitter und YouTube für ihre Sache. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-militaerschlag-wie-syrer-um-amerikanische-stimmen-werben-a-921191.html
Wenn wirklich beide Seiten für ihre Sache "trommeln" würden, warum hören wir dann eigentlich nichts von dem Schicksal der christlichen Minderheit in Syrien, die mittlerweile zwischen alle Fronten des Konflikts gekommen ist und denen wir als Europäer - historisch kulturell betrachtet - eigentlich am nächsten stehen. Man kann sich doch ausrechnen, dass den Christen das gleiche Schicksal im Falle eines Sieges der von den Saudis finanzierten Assad-Gegner droht, wie den Alawiten... Aus diesem Grund finde ich jeden Artikel, der wie dieser die öffentliche Meinung in Richtung eines "Eingreifens" des Westens beeinflussen möchte, einfach abstoßend.
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