US-Minderheiten United States of Latinoamerica

Die Tage der Weißen in den USA sind gezählt: Laut neuen Volkszählungsdaten werden Amerikas Minderheiten bald in der Mehrheit sein. Vor allem die Latinos sorgen derzeit für ein demografisches Erdbeben.

Von , New York


New York - Marcia muss sich zwischen Jorge und all den anderen entscheiden. Francisco zwingt Valeria, Pablo über den Vater des Babys die Wahrheit zu sagen. Pablo verführt die biestige Belinda. Valeria ist derweil völlig außer sich, dass Marcia sie für Betos Unfall haftbar macht, weshalb sich die beiden einen blutigen Ringkampf liefern. Und das alles auf Spanisch!

"Tierra de Pasiones" (Land der Leidenschaft) ist eine der populärsten, spanischen Telenovelas in den USA, zu sehen auf Telemundo, einer Tochter des Networks NBC. Jeden Montag und Mittwoch um 20 Uhr bannt diese Soap hier Millionen Latinos vor den Bildschirm, die sehen wollen, wie es weitergeht mit den üppigen Señoras und ihren Latin Lovers. Auch danach bleibt das Schnupftuch nicht trocken, bei den TV-Dramen "Corazón Partido" (Geteiltes Herz) und "Decisiónes" (Entscheidungen), gesponsort vom Schuppenshampoo Head & Shoulders.

So beliebt sind diese importierten Heulserien in den USA inzwischen, dass einige demnächst übersetzt auch im englischen Programm laufen sollen; Simultanübersetzungen mit Untertiteln gibt es auf den meisten US-Kanälen jetzt schon. Zugleich wird einer der größten TV-Hits hier, die Kultsatire "Desperate Housewives", seit Ende April vom Disney-Konzern mit spanischer Besetzung und in spanischer Kulisse komplett neu verfilmt - fürs Latino-Publikum.

"Melting Pot" Las Vegas

Los signos de la época. Zeichen der Zeit: Amerika wird zweisprachig. Das bestätigen jetzt auch die neuesten Fünfjahres-Erhebungen der Volkszählungsbehörde Census, die gestern veröffentlicht wurden. Demnach sind die inzwischen 42,7 Millionen US-Latinos zur am schnellsten wachsenden Minderheitengruppe geworden; die Schwarzen haben sie als den historisch größten Minoritätenblock sowieso schon längst abgelöst. Den Latinos ist allein die Hälfte des gesamten US- Bevölkerungswachstums zwischen 2004 und 2005 zu verdanken.

Die Zukunft wird noch dramatischer: Jedes zweite Kind unter fünf Jahren entstammt bereits jetzt einer Minderheitenfamilie. Derweil altert der Anteil der Weißen, der zwischen 2000 und 2005 von 70 auf 67 Prozent schrumpfte. Weiße Amerikaner sind heute bereits im Schnitt 13 Jahre älter als ihre Latino-Landsleute. Will heißen: Spätestens in ein paar Jahrzehnten werden die Minderheiten in der Mehrheit sein.

"Diese Zahlen sind ein weiteres Indiz für die wachsende Diversität unserer Nation", erklärte Census-Direktor Louis Kincannon. Fast 100 Millionen Menschen hier rechnen sich mittlerweile einer Minorität zu - ein Drittel aller Amerikaner, auch das ein Rekord. Frühere Statistiken zeigen, dass sich die "Melting Pots" dabei nicht mehr nur in den dafür bekannten Metropolen finden, zum Beispiel New York oder Los Angeles, sondern etwa auch in Honolulu, Fresno, Houston, Las Vegas oder Albuquerque.

Importiert statt deportiert

Der Census gibt alle fünf Jahre neue Bevölkerungsstatistiken heraus. Sie sind keine direkten Zählungen, sondern Kalkulationen aufgrund von Geburten, Todesfällen und Zuzügen. Die jüngsten Zahlen haben den 1. Juli 2005 als Stichtag. Da hatten die USA offiziell 296.410.404 Einwohner - 15 Prozent mehr als 2000 und ein geschichtlicher Rekord.

Der Zuwachs der Latinos kommt einem demografischen Erdbeben gleich, das Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der USA auf den Kopf stellen wird. Eine solche "multikulturelle Bevölkerung" sei "gegenüber anderen Rassen toleranter und zuvorkommender" als frühere Generationen, sagte der Demograf William Frey von der Brookings Institution der "Washington Post".

Erste Ansätze dessen sind bereits zu spüren. So bei der hitzigen Immigrationsdebatte, die kommende Woche im Kongress neu aufgerollt werden soll: Hunderttausende Amerikaner gingen in den vergangenen Wochen auf die Straße, um gegen das geplante Gesetz zur Verhinderung illegaler Einwanderung zu demonstrieren. Darunter waren auch viele Weiße, die aus Solidarität mitmarschierten. In einer kürzlichen Umfrage erklärten außerdem 61 Prozent der Befragten, illegale Immigranten sollten im Land bleiben dürfen statt deportiert zu werden.

Bloomberg ist "muy orgulloso"

Kein Wunder in einem Land, in dem Zeitungen heute schon zweisprachig erscheinen, Schulen zweisprachig unterrichten und die Latin Grammys, die Latino-Version des Musikpreises, in diesem Jahr erstmal nicht mehr in der exilkubanischen Diaspora Miami verliehen werden, sondern im New Yorker Madison Square Garden, der berühmtesten Arena der Welt. "Hoy me siento muy orgulloso", sprach Bürgermeister Michael Bloomberg dazu. "Heute bin ich sehr stolz".

Nur das mit der Nationalhymne geht vielen noch zu weit. Deren spanische Fassung ("Nuestro Himno"), aufgenommen von Stars wie Wyclef Jean und Carlos Ponce, hat zu heftigen Gegenreaktionen geführt. Flugs verabschiedete der US-Senat am Montag eine Resolution, wonach sich solche "Bekenntnisse nationaler Einheit" nur auf Englisch gehörten. "Die breite Mehrheit der Amerikaner sind Immigranten oder Abkömmlinge von Immigranten und stolz auf ihr Heimatland", heißt es darin. "Doch sie sind noch stolzer darauf, Amerikaner zu sein."



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