US-Neokonservative Bushs Weltverbesserer - gescheitert am Größenwahn

Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer - ein solches Ungeheuer schlummerte in den Visionen der amerikanischen Neokonservativen. Sie propagierten als republikanische Weltbefreiungsbewegung den Demokratie-Export in die arabische Welt. Was für eine Hybris!

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Natürlich darf man träumen. Aber seit Goyas genialem Capricho wissen wir: Der "Traum der Vernunft" gebiert Ungeheuer. Ein solches Ungeheuer schlummerte in den Visionen der amerikanischen Neokonservativen. Und es ist wichtig zu erkennen, dass es dort wirklich von Anfang an verborgen lag.

Bush vor Slogan "Mission Accomplished": Eine der peinlichsten Entgleisungen dieses Präsidenten
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Bush vor Slogan "Mission Accomplished": Eine der peinlichsten Entgleisungen dieses Präsidenten

Vordenker wie Paul Wolfowitz, die unter George W. Bush an die Hebel der Macht gelangten, waren zunächst einmal keine Finsterlinge. Sie waren beseelt von dem Gedanken, der Westen könne die Demokratie exportieren, zum Beispiel in die arabische Welt. Dass andere (und sicher auch manche Neocons selbst) dabei noch weitere Interessen im Kopf hatten, Interessen wie Öl oder globale US-Dominanz, kann als sicher gelten, schmälert aber nicht den schönen, aufklärerischen Idealismus der republikanischen Weltbefreiungs-Bewegung in Washington.

Im Irak hat sich dann allerdings, neben manch anderem, die Dialektik der Aufklärung auf das Schwärzeste bestätigt. Das, was einige gut (und andere anders) gemeint hatten, mündete im Chaos. Der Schlüsselsatz über das Irak-Abenteuer hat fünf Buchstaben: "No, Sir!" So lautete die Antwort des neuen US-Verteidigungsministers Bob Gates, als er vor kurzem im Senat gefragt wurde, ob Washington im Moment dabei sei, den Krieg im Zweistromland zu gewinnen. Bushs Inszenierung vom Mai 2003, als er sich auf das Deck des Flugzeugträgers "USS Abraham Lincoln" stellte, hinter sich ein Banner mit der Aufschrift "Mission accomplished", wird wohl als eine der peinlichsten Entgleisungen dieses Präsidenten in die Geschichte eingehen.

Man kann sagen, das war vorhersehbar, aber um Rechthaberei geht es nicht. Es geht um etwas anderes. Selbst wenn man Befürworter des Feldzuges gegen Saddam Hussein war, sollte man heute die alte Weisheit beherzigen: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Und dass die Früchte der Amerikaner in Bagdad stinken, bezweifelt nicht einmal mehr das Pentagon. Wer also die These vom Demokratie-Export in die arabische Welt immer noch propagiert, muss ein ziemlich starkes, betörendes Parfüm in der Nase haben. Es ist ein altes Parfüm. In besonders konzentrierter Form wurde es erstmals im 19. Jahrhundert von der politischen Linken destilliert, und es trägt den Namen Internationalismus.

Fraglos ist der Internationalismus eine sympathische Idee, und sei es nur, weil er das Gegenteil von Nationalismus darstellt. Aber Ideen haben auch ihre Geschichte, und es ist leider so, dass der Internationalismus im 20. Jahrhundert ziemlich unter die Räder gekommen ist. Die Internationale erkämpfte eben weithin nicht das Menschenrecht, wie es in der berühmten Hymne heißt. Im Zeichen des Sowjetsterns schuf sie an vielen Orten der Welt neues Unrecht, oder sie löste eine Form der Unterdrückung durch eine andere ab. Der Fall der Mauer und der Niedergang des sowjetischen Imperiums bedeuteten auch insofern eine Zäsur, als den meisten linken Internationalisten der Glaube an die Menschheitsbeglückung durch den Export von Ideen abhanden kam.

Nation building - was für eine Hybris

Es muss also keineswegs ein "geifernder Antiamerikanismus" dahinterstecken, wenn jemand dem Internationalismus in seiner neokonservativen Spielart – Weltverbesserung durch Demokratie-Export – kritisch gegenübersteht. Es kann einfach sein, dass Erfahrung klug macht.

Erfahrungen werden auch in Afghanistan gesammelt. Da waren und sind die Deutschen mit von der Partie, angeführt 2001 von einer rot-grünen Bundesregierung. Am Anfang sah alles ziemlich einfach aus. Nach dem 11. September schlugen die USA gegen das Terrornest am Hindukusch los, die Taliban und Osama Bin Laden suchten rasch das Weite. Das ewig unruhige Bergland, in dem sich schon im 19. Jahrhundert die Briten und im 20. Jahrhundert die Sowjets verrannt hatten, war auf einmal Projektionsfläche für kühne Visionen. Eine stabile Demokratie sollte entstehen, wo doch die Verhältnisse seit jeher fragil waren und wo muslimische Nachbarn die westliche Invasion misstrauisch beäugten.

"Nation building" wurde zum Schlagwort der Stunde. Die Zutaten, eine Nation aus Ruinen aufzubauen, schienen alle beisammen: ein militärischer Sieg, ein jahrelang unterdrücktes Volk, westliche Aufbaumilliarden, die richtigen, universal gültigen Werte.

"Nation building". Was für eine Hybris! Es ist natürlich kein Zufall, dass dieser Begriff längst wieder aus der Mode gekommen ist. Die angeblich vernichtend geschlagenen Taliban rücken wieder vor, zu Dutzenden sterben westliche Soldaten. Nun gehen die Kämpfer in die Winterpause, doch im kommenden Jahr könnte es um die Macht in Kabul gehen. Afghanistan wird so zum Lehrstück dafür, dass es nicht genügt, viel zu können und Großes zu denken. Niemand weiß, wie viel Geld, wie viele Aufbauhelfer und wie viele Soldaten am Hindukusch wirklich nötig wären, um dort eine lebensfähige Demokratie zu etablieren.

Das ist kein Plädoyer für einen schnellen Rückzug, sondern für politischen Realismus. In Afghanistan wird es auf längere Zeit darum gehen, das Schlimmste zu verhindern. Krisenmanager sind gefragt, keine Visionäre.



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