US-Nuklearpläne "Einbahnstraße in den Atomkrieg"

Die Washingtoner Falken haben sich einen alten Wunsch erfüllt: Der US-Senat stimmte der Entwicklung von Atomwaffen zu, die klein genug sein sollen, um einen Einsatz denkbar zu machen. Experten aber halten die Vorstellung, eine Atombombe ohne den Verlust tausender Menschenleben einsetzen zu können, für eine gefährliche Illusion.

Washington - Mit 51 zu 43 Stimmen hatten die Senatoren in der Nacht zum Mittwoch einen Antrag von US-Präsident George W. Bush gebilligt, das Verbot zur Erforschung und Entwicklung von taktischen Atomwaffen aufzuheben.

Die vor zehn Jahren eingeführte Sperre bezog sich auf Nuklearwaffen mit einer Brisanz von bis zu fünf Kilotonnen TNT. Dies entspricht etwa einem Drittel der Sprengkraft der Hiroschima-Bombe, die 1945 mehr als 100.000 Menschen tötete. Eine ähnliche Beschlussvorlage liegt dem US-Repräsentantenhaus vor, dessen Zustimmung als sicher gilt: Wie im Senat sind auch hier die regierenden Republikaner in der Mehrheit.

Die Entscheidung des Senats bedeutete eine radikale Umkehr in der Nuklearpolitik der USA: Statt wie zu Zeiten des kalten Krieges ein strategisches Nuklearpotenzial zur Abschreckung zu unterhalten, drängt die Bush-Regierung auf die Entwicklung kleiner taktischer Nuklearwaffen, deren Einsatz leichter zu rechtfertigen wäre.

Abschreckung gegenüber "Schurkenstaaten"

Konservative Hardliner aus Bushs Umfeld hatten seit Jahren auf den Bau der so genannten Mini-Nukes gedrängt, um tief unter der Erde vergrabene Einrichtungen zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen angreifen zu können. Ihr Hauptargument: "Benutzbare" Atomwaffen mit vergleichsweise geringer Vernichtungskraft besitzen ein Abschreckungspotenzial gegenüber "Schurkenstaaten" und Terror-Organisationen. Die derzeitigen Sprengköpfe im US-Arsenal verfügten über eine derart apokalyptische Wirkung, dass die Drohung mit ihrem Einsatz nicht ernst zu nehmen sei.

Die Befürworter zeichnen dabei gern das Bild einer "sanften" Atomwaffe, die sich tief in die Erde bohre und deren Sprengsatz klein genug sei, um massive Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden.

Experten halten ein solches Szenario dagegen für gefährliche Augenwischerei. In einer Studie, veröffentlicht von der angesehenen Federation of American Scientists (FAS) , warnte der Physiker Robert Nelson eindringlich vor dem Einsatz noch so kleiner Atomwaffen. "Kein Geschoss könnte tief genug in die Erde eindringen, um die Explosion einer Atombombe einzudämmen." Das gelte sogar für Waffen, die lediglich über ein Hundertstel der Sprengkraft der Hiroschima-Bombe verfügten. "Die Explosion würde einen gewaltigen Krater von radioaktivem Dreck in die Luft jagen, der mit extrem intensivem und tödlichem Fallout auf die umgebende Region niederginge", schrieb der Professor der Princeton University. Die Folge wäre eine "enorme Zahl an zivilen Opfern".

200 Meter nötig, 20 Meter möglich

Auch bedeutende Fortschritte an bisherigen "Bunkerknacker"-Bomben könnten die Gefahr nicht mildern, glaubt Nelson. Atomtests in der Wüste von Nevada während der sechziger Jahren hätten bewiesen, dass eine Fünf-Kilotonnen-Atombombe rund 200 Meter tief in die Erde eindringen müsste, um vollkommen gebändigt zu werden. Selbst dann aber könne radioaktive Strahlung durch feine Risse in die Außenwelt gelangen.

Von einer solchen Waffe aber ist das US-Militär weit entfernt. Die Planer des Pentagon denken vor allem an eine Weiterentwicklung der Gravitationsbombe vom Typ B61-11. In einem vor über einem Jahr veröffentlichten Regierungspapier, dem "Nuclear Posture Review", war davon die Rede, die Waffe mit einem Mantel aus gehärtetem Stahl und einer atomaren Sprengladung zu versehen, die tief in der Erde explodieren soll.

Angst vor großem Atomkrieg

Allerdings gibt selbst das Pentagon in dem Papier zu, dass die B61-11 den Einschlag in die meisten gehärteten Böden nicht überstehen würde. Laut Nelson kann die Bombe lediglich sechs Meter tief in die Erde eindringen, selbst wenn sie aus einer Höhe von mehr als zwölf Kilometern abgeworfen wird.

Die besten konventionellen "Bunkerknacker" des Pentagon erreichten eine maximale Tiefe von 18 Metern. Größeren Leistungen, argumentiert Nelson, stehen schlichtweg die Gesetze der Physik im Wege: "Die Tiefe des Eindringens ist von der Stärke der Geschosshülle abhängig. Selbst die stärksten Materialien würden sich verformen oder sogar schmelzen bei Aufschlaggeschwindigkeiten von mehr als einigen Kilometern pro Sekunde." Michael Levi, Vizedirektor des Strategischen Sicherheitsprojekts der FAS, warnte auf Grund dieser Erkenntnisse gar vor einem nuklearen Holocaust: "Der Einsatz einer Atomwaffe, egal wie klein, könnte leicht einen größeren Atomkrieg auslösen."

"Nur Forschung? Blödsinn!"

Levi gehört einer Organisation an, die weiß, wovon sie spricht: Die FAS wurde 1945 als Federation of Atomic Scientists von ehemaligen Mitgliedern des "Manhattan Project" der US-Regierung gegründet, in dessen Rahmen die erste Atombombe entwickelt worden war. Die Organisation wird von 60 Nobelpreisträgern verschiedener Disziplinen unterstützt und gilt als Schnittstelle zwischen Militärexperten, Medien sowie Menschenrechts- und Waffenkontrollgruppen.

Oppositionspolitiker in Washington teilen die Ängste der Experten. Auf die Beteuerung von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, lediglich an Mini-Nukes zu forschen, reagierten sie mit blankem Spott: "Nur Forschung? Blödsinn!", sagte die demokratische Senatorin Dianne Feinstein. "Glaubt das wirklich jemand?"

Ihr Parteifreund Senator Edward M. Kennedy reagierte mit noch dunkleren Visionen auf die Entscheidung des Senats. "Wenn wir sie bauen, werden wir sie auch einsetzen", sagte Kennedy gegenüber der "Washington Post" zu der Entwicklung der Mini-Atomwaffen. "Das ist eine Einbahnstraße, die nur zu einem Atomkrieg führen kann."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.