US-Offensive Leichengeruch über Falludscha

US-Soldaten sind heute mit Luftunterstützung weiter in den Süden von Falludscha vorgestoßen. In der Rebellenhochburg toben die Kämpfe mit unverminderter Härte. In den Straßen liegen Tote. Hunderte Männer, die unbewaffnet fliehen wollten, wurden von den Amerikanern zurückgetrieben.


US-Soldaten in Falludscha: Häuserkampf im Süden der Stadt
REUTERS

US-Soldaten in Falludscha: Häuserkampf im Süden der Stadt

Falludscha - Heftige Gefechte wurden auch aus der im Kurdengebiet liegenden nordirakischen Stadt Mossul gemeldet, wo Aufständische gestern offenbar einen Entlastungsangriff für die Kämpfer in Falludscha gestartet hatten. Neun Polizeiwachen wurden angegriffen und zum Teil überrannt. Auf den Brücken über den Tigris kam es zu Gefechten mit irakischen und amerikanischen Soldaten. Ein US-Soldat wurde dabei getötet, wie die Streitkräfte mitteilten. In Falludscha wurde ein US-Soldat von einem eigenen Panzer überrollt.

Nach Angaben von Augenzeugen kontrollieren die amerikanischen Truppen zusammen mit den irakischen Sicherheitskräften fünf Bezirke im Norden Falludschas, von wo aus die Soldaten immer wieder ins Zentrum und in die Nachbarviertel vorstoßen. Gestern Abend schlugen die US-Militärs einen Ausbruchsversuch von zwei bis drei Dutzend Rebellen zurück, die den Belagerungsring durchbrechen wollten. In die Kämpfe griffen auch US-Kampfflugzeuge ein. Auf dem Euphrat fuhren US-Patrouillenboote.

Rauchwolken bedeckten den Himmel, Leichengestank liege in der Luft, berichteten Augenzeugen. Auf Grund der anhaltenden Kämpfe könnten die Toten nicht geborgen werden. Die Lage der Zivilbevölkerung sei katastrophal, hieß es. Es gebe kein Wasser, keinen Strom und keine medizinische Versorgung mehr.

Ein irakischer Journalist berichtete aus Falludscha, er habe brennende US-Fahrzeuge und Leichen in den Straßen gesehen. Zwei Männer, die eine Leiche hätten bergen wollen, seien von Scharfschützen erschossen worden. Zwei der drei kleinen Kliniken in der Stadt seien bombardiert worden, in einem Fall seien dabei auch medizinisches Personal und Patienten getötet worden. Vor der dritten Klinik stehe ein US-Panzer, weshalb die Anwohner nicht wagten, dort hinzugehen. "Die Menschen trauen sich nicht einmal, aus dem Fenster zu sehen", berichtete der Mann. "Die Amerikaner schießen auf alles, was sich bewegt."

Die US-Truppen haben Hunderte Männer, die unbewaffnet aus Falludscha fliehen wollten, zurückgetrieben und nur Frauen, Kindern und älteren Menschen die Flucht erlaubt. Es habe zuvor Warnungen gegeben, dass Aufständische versuchen würden, sich unter die Flüchtlinge zu mischen, erklärte gestern ein Offizier. Alle männlichen Flüchtlinge im Alter zwischen 15 und 55 Jahren seien deshalb zurückgeschickt worden. Die USA gingen davon aus, dass die meisten Männer auf Seiten der Rebellen stünden. "Wenn sie keine Waffen tragen, kann man sie nicht unterscheiden", sagte der Offizier.

US-Soldaten in Falludscha
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US-Soldaten in Falludscha

Der irakische Ministerpräsident Ijad Alawi verteidigte die Offensive in Falludscha. Die Stadt müsse von "ausländischen Terroristen, Extremisten und ehemaligen Mitgliedern des Saddam-Regimes" befreit werden, schrieb Alawi in einem Beitrag für das britische Boulevardblatt "The Sun". Es sei ein Kampf, den fast alle Iraker unterstützten.

In Falludscha wurde auch ein Mann entdeckt, bei dem es sich um den Fahrer der beiden im August entführten französischen Journalisten handeln soll. Nach Angaben der US-Armee vom Freitag wurde der Syrer am Donnerstagabend in Handschellen an einem nicht näher bezeichneten Ort in der Stadt gefunden. Er habe erklärt, er sei vor etwa einem Monat von den Journalisten getrennt worden. Über ihr weiteres Schicksal wisse er nichts. Während seiner Gefangenschaft habe er auch andere Geiseln gesehen, darunter zwei Tschechen.

Die beiden Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot wurden am 20. August gemeinsam mit ihrem syrischen Fahrer Mohammed al-Dschundi auf der Fahrt in die Stadt Nadschaf verschleppt. Eine militante Gruppierung namens Islamische Armee im Irak hat sich zu ihrer Entführung bekannt. Die Gruppierung fordert die Aufhebung des Kopftuchverbots an französischen Schulen.



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