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02. Mai 2011, 21:21 Uhr

US-Operation gegen Bin Laden

Obamas fragiler Triumph

Von , Washington

Der Terrorfürst Bin Laden ist tot, ein grandioser Coup für Barack Obama. Doch wie lange hält der Freudentaumel das eigentlich tief gespaltene Land zusammen? Die Probleme des Alltags könnten die Amerikaner schnell einholen - auch den Präsidenten.

Es ist der Moment, von dem er immer gesprochen hatte, schon 2004, als ihn noch kaum jemand kannte, als er noch ein Senator im Kongress von Illinois war und Gastredner auf dem Parteitag der Demokraten. "Es gibt kein weißes Amerika und kein schwarzes Amerika", rief Barack Obama in Boston, "es gibt kein linkes Amerika und kein rechtes Amerika, es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika." Es sollte sein großes Versprechen an Amerika werden.

Und nun feiern sie auf den Straßen von Washington und New York, fast sieben Jahre danach, Republikaner, Demokraten, Schwarze und Rednecks, linke Studenten und rechte Tea-Party-Fans. Die Nachricht vom Tod Osama Bin Ladens hat sie auf die Straßen getrieben, zum Ground Zero in New York und zum Weißen Haus in Washington. Eine Nacht lang feiern sie ihr Land, ihr Militär, ihren Präsidenten. "USA, USA", rufen sie, und ein Versprechen wird wahr. Obamas Versprechen. "Gerechtigkeit ist geschehen", triumphiert Obamas Außenministerin Hillary Clinton, die im Vorwahlkampf 2008 seine härteste parteiinterne Widersacherin war.

In ungewohnter Freimütigkeit gratulieren ihm auch seine politischen Gegner. Ex-Präsident George W. Bush, der seit dem Amtswechsel jeglichen Kommentar zur aktuellen Politik vermied, beglückwünscht Obama noch in der Nacht zum Montag, am Morgen erklärt er den Tod Osama Bin Ladens zu einem "Erfolg von großer Tragweite". Vier Minuten lang sprechen Obama und Bush in der vergangenen Nacht am Telefon, ironischerweise exakt sieben Jahre nachdem Bush, etwas voreilig, auf der "USS Abraham Lincoln" vor dem "Mission Accomplished"-Banner den Krieg im Irak für gewonnen erklärt hatte.

Bushs ehemaliger Chefstratege Karl Rove findet ebenfalls freundliche Worte: "Alle Amerikaner sind stolz auf unser Militär, die Geheimdienste und die Präsidenten Bush, Obama. USA! USA!", twittert er. New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani bewundert Obamas "Mut", und Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld übermittelt Obama seine Glückwünsche.

Große und kleine Heldengeschichten

Doch wie lange hält dieser Moment? Wie lange wird dieser Freudentaumel das Land zusammenhalten, das sich seit Obamas Amtsantritt immer tiefer gespalten hat, ökonomisch, aber auch politisch? Knapp zwei Jahre ist Obama nun im Amt, aber der Ton ist in dieser Zeit nicht etwa freundlicher, gesitteter geworden. Im Gegenteil: Der Umgang ist unverschämter geworden, die Tea Party ist zu einer dritten Kraft in Washington aufgestiegen, und Witzkandidaturen wie die des Immobilienmoguls Donald Trump finden erschreckend großen Anklang in der Bevölkerung.

Die möglichen Herausforderer Obamas bei den Präsidentschaftswahlen 2012, die an diesem Donnerstag ihre erste offizielle Debatte abhalten wollten, äußern sich zunächst ebenfalls freundlich. Wenige ringen sich allerdings dazu durch, Obama zu gratulieren, wie Tim Pawlenty, der ehemalige Gouverneur von Minnesota, und Mitt Romney, ehemaliger Gouverneur von Massachusetts. Sarah Palin allerdings, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin, erwähnt Obama mit keinem Wort, ebenso wenig wie die republikanische Abgeordnete Michele Bachmann, die als Favoritin der Tea Party in den Wahlkampf ziehen könnte.

Die nächsten Tage, vielleicht Wochen, wird Amerika über den Triumph reden, Osama Bin Laden gefasst zu haben, oder darüber, dass der Terroristenführer "in der Hölle schmort", wie der mögliche Präsidentschaftsbewerber und Prediger Mike Huckabee sagt. Es ist das gefühlte Comeback einer Nation, die zuletzt gedemütigt wurde von schlechten Nachrichten über die Wirtschaft, von den verzweifelten Versuchen, in Libyen Erfolge zu erzielen. Die "Washington Post" druckte in der Nacht zum Montag 35.000 Exemplare mehr als sonst, und wenn es Obama geschickt anstellt, kann er sein Land in Atem halten, mit immer neuen Details von der Jagd nach Osama Bin Laden, mit den großen und kleinen Heldengeschichten, die auch ihn immer ein wenig größer, erfolgreicher erscheinen lassen. Obama, den Präsidenten aller Amerikaner.

Aber das eigentliche Problem bleibt: die Schwäche der Wirtschaft. Osama Bin Ladens Tod ändert nichts an dem exorbitanten Haushaltsdefizit, es ändert nichts an den schmerzhaften Einsparungen, die Amerika bevorstehen, nichts an der ungewohnt hohen Arbeitslosigkeit, nichts daran, dass Amerika an Boden gegenüber China verliert und vielleicht schon 2016 den Status als größte Volkswirtschaft der Welt verlieren könnte. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das Land wieder zu seinen Alltagsproblemen zurückfindet.

In den USA herrscht nicht die Vernunft, sondern Trotz

Es ist noch nicht einmal vier Monate her, da kam die Nation schon einmal zusammen, geschockt von dem Anschlag eines Wahnsinnigen in Arizona, der auf einer Veranstaltung der demokratischen Abgeordneten Gabrielle Giffords ein Blutbad anrichtete. Es gab auch damals Appelle an die Vernunft, Obama hielt eine große Rede, es sah so aus, als könnte er nun ein Land regieren, das wieder bereit zur Zusammenarbeit war. Aber je leiser Palin wurde, desto lauter wurde Trump, der zuletzt die besten Umfragewerte unter allen möglichen Herausforderern Obamas bekam. Wie schnell war der Moment doch vergessen, und der politische Alltag kehrte wieder zurück.

Donald Trump ist mit Sicherheit einer der großen Verlierer des 1. Mai , seine Kandidatur ist jetzt noch ein größerer Witz als je zuvor. Aber der nächste Trump, die nächste Palin kommt bestimmt, und so wie Trump nach dem Attentat in Arizona Sarah Palin ablöste, so könnte schon bald wieder jemand Trump ablösen. Michele Bachmann oder vielleicht wieder Sarah Palin. In Amerika herrscht derzeit nicht die Vernunft, sondern der Trotz. Daran hat der 1. Mai 2011 nichts geändert. Obama muss sich beeilen, wenn er den Moment, seinen Moment, nutzen will.

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