US-Plan für Syrien Rebellen misstrauen Obamas Waffen-Versprechen

Amerika will den Rebellen "militärische Hilfe" leisten. Doch die Aufständischen reagieren mit Skepsis auf die Ankündigung von Präsident Obama: Zu oft schon ist den Gegnern Assads Hilfe versprochen worden, ohne dass den Worten Taten folgten.

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Von , Beirut


Auf den Facebook-Seiten und Twitter-Accounts der syrischen Oppositionellen machte am Freitag ein Foto die Runde: Es zeigt ein Plakat, auf dem eine gezeichnete Figur Uncle Sam, also die USA, verkörpern soll. "Ich werde die Freie Syrische Armee bewaffnen", verspricht Uncle Sam in einer Sprechblase. Doch da der Amerikaner dem Betrachter den Rücken zukehrt, sieht man, dass er lügt: Hinter dem Rücken hat die Figur seine Finger überkreuzt.

Der stellvertretende Sicherheitsberater des Weißen Hauses, Ben Rhodes, hatte am Donnerstag die militärische Unterstützung für die Aufständischen gegen Machthaber Baschar al-Assad angekündigt.

Die USA wollen offenbar kleinere Waffen an ausgesuchte Einheiten der syrischen Rebellen liefern. Nicht nur diejenigen Syrer, die das Plakat nach eigener Aussage in dem Ort Kafranbel in der Provinz Idlib in die Kamera halten, begegnen dem jüngsten Versprechen Washingtons mit großem Misstrauen. Keiner der von SPIEGEL ONLINE kontaktierten Oppositionellen mochte daran glauben, dass demnächst tatsächlich amerikanische Waffentransporte in Syrien eintreffen. "Ich bin gerne optimistisch", schrieb Alexia Jade aus Damaskus in einem Skype-Interview. "Aber wenn es um den Westen geht, ist es besser, nichts zu erwarten, um nicht enttäuscht zu werden."

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Syrien-Konflikt: Alltag der Aufständischen
Die 30-jährige Managerin vermutet, Obama wolle nach dem Spitzelskandal von innenpolitischen Problemen in den USA ablenken. "Er kann nicht länger zögerlich wirken. Er muss zumindest so tun, als ob er Wort hält", schrieb Jade. Obama hatte schon mehrmals angekündigt, die USA würden sich in den Krieg einschalten, wenn sich der Verdacht des Giftgaseinsatzes durch Assads Regime erhärten sollte. Am Donnerstag hatte die US-Regierung erstmals erklärt, dass die syrischen Streitkräfte wiederholt Chemiewaffen einsetzten.

"Wir brauchen Flugabwehrgeschütze"

Karim Obeid aus Aleppo sagte via Skype, die angekündigte Lieferung von Kleinwaffen sei nutzlos. "Wir brauchen panzerbrechende Waffen und vor allem Flugabwehrgeschütze", sagte der Aktivist, der in dem heftig umkämpften Stadtteil Tarik Albab lebt. In der Nacht zuvor hätten Kampfjets des Regimes erneut Angriffe auf sein Viertel geflogen. Die Angaben der Informanten sind nicht zu überprüfen, da Syrien kaum ausländische Reporter ins Land lässt. Doch im Laufe des inzwischen zweieinhalb Jahre dauernden Kriegs haben sich gewisse Kontakte als verlässlich erwiesen. Auf diese stützen sich westliche Medien - auch SPIEGEL ONLINE - bei ihrer Berichterstattung.

Die Skepsis der Oppositionellen resultiert aus früheren Enttäuschungen: Bislang ist nur ein Bruchteil der angekündigten Hilfen bei den syrischen Rebellen angekommen. Besonders die USA versprechen viel und halten wenig. Von den 250 Millionen Dollar teuren sogenannten nicht-tödlichen Materials, das Amerika den Rebellen liefern wollte, sind bislang nur Waren im Wert von etwa 54 Millionen Dollar ausgeliefert worden. Das enthüllte die amerikanische Zeitungsgruppe McClatchy vor zwei Wochen unter Berufung auf US-Regierungsbeamte. Unterstützung in Höhe von 63 Millionen Dollar, die Washington Ende Februar zugesagt habe, werde bewusst zurückgehalten, weil die US-Administration der zerstrittenen Rebellenführung nicht traue.

Dabei bräuchten die Aufständischen die zugesagten Lieferungen dringend: Das Regime werde immer besser darin, die Kommunikation der Opposition mitzuverfolgen und Gegner über die Daten ihrer Rechner und Telefone aufzuspüren, berichtet Jade aus Damaskus. "Die von den Amerikanern versprochene Sicherheitstechnik wäre hochwillkommen, aber sie ist nie hier angekommen", schreibt sie.

Stattdessen gibt es in Beirut, in das sich viele Aktivisten geflüchtet haben, eine neue Art Revolutionäre: Ausgestattet mit einem von den USA spendierten MacBook und neuen Kameras sitzen junge Syrer in den Cafés der libanesischen Hauptstadt und halten dort Hof. Der Volksmund hat sie "nicht sehr aktive Aktivisten" getauft. "Die Hilfe, die geflossen ist, ist nicht in die richtigen Hände gelangt", schreibt Jade.

Die Frage, welcher Rebellenfraktion die amerikanischen Waffen zugutekommen sollen, ließ auch Rhodes unbeantwortet. Die Aufständischen macht das misstrauisch: "Ich fürchte, dass diese Waffen an Einheiten gehen, die die Interessen der USA, aber nicht des syrischen Volks vertreten", schreibt Obeid aus Aleppo. Die Gefahr sei groß, dass verschiedene Rebellengruppen über das Kriegsgerät in Streit geraten und sich gegenseitig bekämpfen könnten. "Dann würden diese Hilfen die Rebellen schwächen statt sie zu stärken."

Im Mai hatte ein Bericht der in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinende Zeitung "The National" für Aufsehen gesorgt: Die USA drängten moderate Rebellen dazu, radikalere Einheiten unter den Aufständischen zu bekämpfen. "The National" zitierte einen Rebellenkommandeur damit, Ende 2012 hätten US-Offizielle ihn und andere Anführer der Aufständischen aufgefordert, zunächst die sogenannte al-Nusra-Front zu bekämpfen und sich erst dann dem Kampf gegen Diktator Assad zuzuwenden.

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beschwingt 14.06.2013
1. Obamas Versprechen
wie kann bloß jemand einem amerikanischem Versprechen von Obama mißtrauen? Hatte der nicht 2009 versprochen, Guantanamo binnen einem Jahr zu schließen? Und dabei hat Obama doch jetzt so viele AR15 zu verschenken, nachdem er sie in seinem eigenen Land verbieten lassen will.
Beobachter123 14.06.2013
2. Lüge!
Leider kennen wir die sogenannten "Starken Beweise" des amerikanischen Geheimdienstes nur alzu gut. Im Spartphone Zeitalter hätten wir glaube ich schon längst die passenden Bilder gesehen, wenn Giftgas eingesetzt worden wäre. Ich hoffe Amerika macht hier keinen Alleingang ohne die UN.
Klaus100 14.06.2013
3. Hoffentlich haben die Rebellen recht
Obama, der Friedensnobelpreisträger. Diesem Anspruch ist er zu keinem Zeitpunkt gerecht geworden. Wenn er jetzt keine Waffen an die Rebellen liefern würde, hätte er allerdings meinen Respekt. Ich hoffe nur, dass in der kommenden Woche die peinlichen Jubler am Brandenburger Tor in der Minderzahl sind. Vor 5 Jahren, bei seiner Berliner Wahlkampfrede konnte man sich für diese Leute nur schämen.
cato. 14.06.2013
4. ...
Zitat von sysopREUTERSAmerika will den Rebellen "militärische Hilfe" leisten. Doch die Aufständischen reagieren mit Skepsis auf die Ankündigung von Präsident Obama: Zu oft schon ist den Gegnern Assads Hilfe versprochen worden, ohne dass den Worten Taten folgten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-plan-fuer-syrien-rebellen-glauben-nicht-an-waffen-lieferungen-a-905793.html
Das Bild mit dem freundlichen Islamisten sagt doch schon alles, diese "Rebellen" darf man nicht bewaffnen, sonst werden sie sich diese Waffen früher oder später gegen den Westen richten. Wenn man dafür Menschen wie Assad an der Macht lassen muss, dann ist das Traurig aber für Europa das kleinere Übel. Und da es in Syrien ohnehin nicht um Menschenrechte geht, weil egal wer gewinnt Gräueltaten verüben wird und die Menschenrechte mit Füßen tritt, sollten wir hier Pragmatisch entscheiden. Deutschland hat anders als die USA nunmal kein Interesse Syrien auszuschalten.
sysiphus-neu 14.06.2013
5. vage Zukunft
Karim Obeid glaubt also tatsächlich, mit der Terrorherrschaft der Nusra-Milizen und ihrem Scharia-Emirat in Halb-Aleppo wären irgendwie die Interessen des syrischen Volkes vertreten? Wenn Herr Obeid sich und seinem Volk einen Gefallen tun will, dann sollte er die Waffen niederlegen und sich um Reintegration in die syrische Gesellschaft bemühen -und zwar so schnell es geht. Sonst sorgt die SAA dafür, dass er die Waffen ablegt. Und zwar für immer. Hoffentlich ist Aleppo bald befreit von diesem salafistischen Bodensatz der islamischen Umma - bevor Barack Hussein Obama der Religion seines Vaters noch mehr Schaden zufügt. Vermutlich haben die regulären syrischen Truppen noch ein Zeitfenster von etwa 6 Wochen. Bis dahin müssen die schlimmsten Mörderbanden eliminiert sein. Danach wird ihr großer Beschützer und Pate selbst aktiv werden. Es sei denn, Russland engagiert sich noch stärker, möglichst mit eigenen Kontingenten, und die Chinesen steigen endlich mal auf die Bremse und zeigen dem wild gewordenen Westen, wer hier inzwischen tatsächlich das Sagen hat und die Rechnungen bezahlt.
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