US-Polit-Blogs Wahlkampf auf Speed

Wer nicht innerhalb von Minuten reagiert, hat schon verloren: Fast in Echtzeit berichten US-Blogger über echte und vermeintliche Ausrutscher der Präsidentschaftsbewerber. Hillary Clinton hat das System verstanden.

Washington - Auch eine mögliche US-Präsidentin bekommt mal Hunger, und deshalb war Hillary Clinton dankbar für den Stopp im "Maid Rite" in Toledo. Mitten im tiefsten Iowa mampfte sie mit ihrem Team "loose-meat sandwiches", und posierte großzügig für Fotos mit den Mitarbeitern. Nur als es ans Bezahlen ging, war die Senatorin weniger spendabel. Sie hinterließ keinen Pfennig Trinkgeld, in den USA fast ein Affront.

Das behauptete zumindest die Serviererin Anita Easterday in einem Interview. Innerhalb weniger Stunden fand sich die Geschichte in vielen etablierten US-Medien. ABC, Washington Post, Chicago Tribune berichteten - oder vielmehr deren "Blogs". So lautstark schwoll das Internet-Geraune an, dass das Clinton-Team, ebenfalls online, eine eigene Erklärung veröffentlichte. Man habe sehr wohl 100 Dollar Trinkgeld gegeben, nur sei das wohl nicht an alle Angestellten verteilt worden. Clintons Sprecher Phil Singer sagte zu der rasanten Reaktion: "Der Medienzyklus ist mittlerweile jede Minute in Bewegung. Deshalb ist es so wichtig, falsche Geschichten in Echtzeit zu korrigieren."

Die Kontroverse zeigt vor allem, wie sehr sich die Wahlkampfberichterstattung in den USA verändert hat. Noch vor vier Jahren waren die Mauern zwischen den klassischen Medienorganisationen und dem Internet relativ stabil. Jetzt vermischen sich die Lager immer mehr - und immer schneller.

Fast jedes führende US-Medium hat für den Wahlkampf einen Blog eingerichtet, auf dem Reporter rund um die Uhr Geschichten einstellen können. Es gibt den "Caucus" der "New York Times", "Fix" und "Trail" der "Washington Post", "Top of the ticket" der "Los Angeles Times", "Swampland" von TIME, die "Note" von ABC. Das zieht Leser an: Die beiden Polit-Blogs der "Washington Post" kommen allein auf je über eine Million Besucher pro Monat.

Und sie machen News: Vor zwei Tagen überraschte die Website "Politico", die auch einen Blog enthält, die Konkurrenz mit einer aufsehenerregenden Enthüllung. Rudy Guiliani soll als verheirateter Bürgermeister von New York bei Trips zu seiner Freundin die Spesen für seine Leibwächter der Staatskasse in Rechnung gestellt haben. Ob die Vorwürfe stimmen, ist noch unklar. Doch es ist in jedem Fall ein Coup für die Seite - die ein ehemaliger Starreporter der "Washington Post" pünktlich zum Wahlkampf gegründet hat.

Auch die Bewerber und ihre Teams haben die Blogs als neues Instrument entdeckt. "Im vorigen Wahlkampf nutzten die Kampagnen das Internet vor allem fürs Spendensammeln und zur Koordinierung ihrer Anhänger. Jetzt sehen sie es durch die Polit-Blogs auch als Mittel, um die Berichterstattung in Print und Fernsehen zu beeinflussen", sagte Chris Arterton, Dekan der "Graduate School of Political Management" an der George Washington University gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Hillary Clintons Sprecher Phil Singer etwa frohlockt: "Als ich vor vier Jahren für John Kerry gearbeitet habe, waren wir noch völlig auf die Gnade der etablierten Medien angewiesen. Man musste sich ganz schön anstrengen, um dort eine Geschichte unterzubringen. Seit es die Blogs gibt, ist es viel leichter, deine Botschaft auch in angesehenen Medien an den Mann zu bringen."

Daher lesen die Kampagnenmanager die Blogs höchst sorgfältig. Wie gründlich, erfuhr im Frühjahr David Yepsen. Er ist Autor des Polit-Blogs des "Des Moines Register", der bedeutendsten Zeitung im wichtigen Vorwahlstaat Iowa. Yepsen machte sich auf seinem Blog über Hillary Clintons Gedankenspiele lustig, in Iowa gar nicht anzutreten. Zwei Stunden später klingelte sein Telefon, berichtete Yepsen der "Washington Post" - am anderen Ende die ehemalige First Lady. "Warum rufen Sie mich an, Senatorin?", fragte er. "Ich habe ihren Blog gelesen", entgegnete die - und legte ihm ausführlich dar, warum sie natürlich doch in Iowa antreten werde. "Die Teams der Kandidaten passen auf die Blogs sehr genau auf, weil es für sie ein gutes Frühwarnsystem ist, was dann in die Zeitung kommt", sagt David Yepsen.

Und natürlich wollen sie das beeinflussen - nach der Faustregel: schlechte Geschichten über mich raus, schlechte über meine Rivalen rein. Dafür checken sie das gesamte Netz, und gehen gelegentlich seltsame Allianzen ein. So wie Hillary Clinton anscheinend mit Matt Drudge, dem Schöpfer der höchst erfolgreichen Internet-Seite "The Drudge Report".

Drudge, der als strammer Republikaner gilt, enthüllte einst die Monica-Lewinsky-Affäre. Seine Webseite - kein Blog, sondern eine Sammlung von Links zu Artikeln - , gilt nach wie vor als ein Trendkompass in Washington. Ex-Bush-Guru Karl Rove konsultierte sie angeblich Dutzende Male am Tag. Während des Lewinsky-Skandals nannte Clinton Drudge noch "Teil einer rechten Verschwörung". Nun spielte sie ihm im Oktober ihre spektakulären Quartalszahlen zum Spendenaufkommen exklusiv vorab zu - rein zufällig natürlich an dem Tag, für den ihr wichtigster Rivale Barack Obama eine wegweisende Rede zur Außenpolitik angekündigt hatte. Mit Hilfe von Drudge schaffte es Clinton so, Obama fast alle Schlagzeilen zu klauen.

Die meisten Polit-Blogs arbeiten mit sehr namhaften Autoren

Die Entwicklung wird dadurch beflügelt, dass sich in den meisten Polit-Blogs nicht Hobbyautoren, sondern namhafte Journalisten mit besten Verbindungen austoben. Alleine den "Caucus"-Blog der "New York Times" füttern rund 20 erfahrene Reporter. Für den TIME-Blog schreiben Starautoren wie Joe Klein, Autor des Bestellers "Primary Colors". Die genießen, sich dort schneller, umfassender und weniger kontrolliert austoben zu können - und so die in US-Medien sehr strenge Trennung zwischen reinen Nachrichtentexten und Meinungsbeiträgen zu umgehen.

Auch die Republikaner haben das Potential der Blogs entdeckt - zumindest in dem Punkt können sie vom Bush-Erbe profitieren. Die Kooperation mit regierungsfreundlichen Bloggern stand früh auf dessen Tagesordnung, erinnerte sich sein Ex-Medienberater Dan Bartlett vor kurzem bei einer Diskussion in Washington. "Nach der Amtsübernahme wollten wir uns erst am 'großen Kommunikator' Ronald Reagan orientieren, der fast jeden Tag Bilder für die TV-Nachrichten zu produzieren versuchte", sagte Bartlett. "Aber wir mussten feststellen, dass sich die Medienumgebung seither völlig verändert hat. Die Abendnachrichten der großen TV-Sender etwa werden immer unwichtiger, das Internet immer wichtiger." Bald gewährte Präsident Bush Bloggern sogar exklusive Interviews.

Auch führende Kandidaten für seine Nachfolge wie Mitt Romney verfügen längst über 24-Stunden-Beobachtungsteams der wichtigsten politischen Blogs. "Ich bekomme sehr oft Anrufe von republikanischen Kampagnen, die Kommentare zu unseren Blogs haben oder mir Hinweise für Storys geben wollen", sagte Victorino Matus vom "Weekly Standard", der Hausfibel der Neokonservativen, SPIEGEL ONLINE. Die Mitarbeiter des republikanischen Bewerbers Ron Paul - der vor allem im Internet sehr erfolgreich Spenden sammelt - haben gerade einen regelrechten E-Mail-Krieg gegen den Polit-Blog der "Baltimore Sun" gestartet, die kritisch über Paul berichtet hatte.

Fragt sich nur, ob das alles die Wahlkampfberichterstattung verbessert. Das "Shorenstein Center" an der Harvard University ist in einer Analyse über die Medien-Coverage der ersten Monate des Wahlkampfes soeben zu einem niederschmetternden Ergebnis gekommen: Die Faszination der Medien für das "horse race" - dem Schaulaufen der Kandidaten - sei nach wie vor weit größer als das Interesse an Inhalten. Dagegen hat sich der Ombudsmann der "New York Times" gerade in einem Artikel gewehrt - mit Verweis unter anderem auf die Internet-Angebote der Medien, wo eine Fülle an Information zu politischen Inhalten für interessierte Wähler angeboten werde. Ob er damit auch die Blogs meint?

Die diskutieren mit Vorliebe das "horse race". Top-Themen zurzeit: Ist Hillary Clinton nicht ehrlich genug für das Weiße Haus? Schadet Ehemann Bill mehr als er hilft? Sollte Obama mehr attackieren und ist seine Hautfarbe doch ein Problem? Und: Ist Mitt Romney eigentlich wirklich ein Fan des Baseball-Teams "Red Sox"?

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