US-Präsident in Nöten "Obama hat ein großes Ego"

Barack Obama droht nach vielen Krisen ein Wahldebakel im November, doch der Präsident gibt sich weiter cool. Alles Fassade, glaubt sein Biograf David Remnick, Chefredakteur des "New Yorker". Hinter den kühlen Gesten verberge sich eine empfindsame Seele - und ein kalkulierender Politiker.

AP

SPIEGEL ONLINE: Ihre Obama-Biografie, die gerade auf Deutsch erschienen ist, heißt im englischen Original "The Bridge". Sie beschreiben den ersten schwarzen Präsidenten als Brückenbauer zwischen den zerstrittenen politischen Lagern der USA. Aber jetzt polarisiert er stärker als die meisten seiner Vorgänger. Wie konnte das passieren?

Remnick: Dieses Drama, endlich einen schwarzen Präsidenten zu haben, war für Amerika eine ungeheuer verbindende Erfahrung. Aber das ist vorbei. Jetzt geht es ums schnöde Regieren. Denken Sie nur mal daran, mit wie vielen Krisen dieser Präsident zu Amtsantritt fertig werden musste - soll ich sie kurz aufzählen?

SPIEGEL ONLINE: Das dauert wohl zu lange.

Remnick: Es würde Stunden dauern. Hatte Obama Zeit, sich auf die nationale Aussöhnung zu konzentrieren? Natürlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber viele Amerikaner wollten nicht einfach einen Krisenmanager. Sie sahen Barack Obama als Kopf einer Bewegung, die das Land verändert. Eine Art Polit-Messias.

Remnick: Genau das machte sein politisches Genie aus. Er war zwar normaler Kandidat, doch klang auch wie ein Prophet, wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi. Er schaffte es, Leute zu erreichen, die mit Politik wenig am Hut haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Trick klappt nur einmal?

Remnick: Es wird dauern, bis er wieder funktioniert. Doch Obama kann ein Comeback schaffen. Ihm kommt zugute, dass er seine Rhetorik perfekt anpasst. Spricht er in Alabama vor Afroamerikanern oder in Ohio bei Gewerkschaftsvertretern, klingt er ganz anders, als wenn er im Oval Office zur ganzen Nation redet.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch sagt ein Mitarbeiter von Ex-Rivalin Hillary Clinton, Obama habe im Wahlkampf laufend seine Persönlichkeit ausgetauscht - je nach Zielgruppe. Steht er für nichts?

Remnick: Den habe ich zitiert, um zu zeigen, wie hilflos sich die Clinton-Leute im Wahlkampf gegen Obama fühlten. Denke ich, dass er seine Lebensgeschichte auf raffinierte Weise manipuliert hat? Nein. Glaube ich, dass er sie poetisch aufgehübscht hat? Ja.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Remnick: Politiker versuchen seit Jahrhunderten, ihre Lebensgeschichte als symbolisch für die Geschichte ihres Landes darzustellen. Abraham Lincoln hat das getan, als es im Bürgerkrieg um den Erhalt der amerikanischen Union ging. Obama präsentiert seine Entwicklungsgeschichte als Teil der Rassengeschichte der USA. In seiner Autobiografie beschreibt er sich als unsicheren Afroamerikaner aus einfachen Verhältnissen, obwohl er unter ziemlich komfortablen Umständen aufwuchs.

SPIEGEL ONLINE: Der Präsident gilt als kühl und beherrscht. Doch fast jedes Kapitel seiner Autobiografie beschreibt eigene Tränen. Zehrt die aktuelle Krise wohl auch an seinen Nerven?

Remnick: Natürlich hat Obama Gefühle, selbst wenn er sie selten offen zeigt. Ich habe keine Belege, dass er die Tränenszenen erfunden hat. Also kann man davon ausgehen, dass ihn jetzt auch die Krise belastet.

SPIEGEL ONLINE : Sie schreiben aber auch, dass Obama leicht gelangweilt ist. An der Uni, als Rechtsprofessor, sogar im US-Senat. Als dort sein jetziger Vize Joe Biden eine besonders fade Rede hält, schiebt Obama einem Helfer eine Notiz zu. Darauf steht: Erschieß mich jetzt!

Remnick: Ich finde das nicht sehr sympathisch. Es ist schon seltsam, nach kurzer Zeit als US-Senator so gelangweilt zu sein. Das zeigt, dass Obama ein ganz schön großes Ego hat.

SPIEGEL ONLINE: Also ist er auch nur ein Mensch. Wenigstens das steht nach fast zwei Jahren im Amt fest.

Remnick: Mehr noch: Er ist ein Politiker. Das sollte aber niemanden überraschen. Schauen Sie sich seine ersten politischen Gehübungen in Chicago an. Da boxte er einen Konkurrenten mit juristischen Tricks vom Wahlzettel. Hätte Gandhi so gehandelt?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen Brief von Obama aus seiner Zeit als Sozialhelfer in Chicago ausgegraben. Darin schreibt er, die Arbeit sei meist entmutigend und sinnlos - aber in fünf Prozent der Fälle gelinge etwas, das sei die ganze Mühe wert. Hat er dieses Aha-Erlebnis schon in Washington gehabt?

Remnick: Wohl nicht. Die USA und Washington sind heillos zerstritten. Wer am lautesten schreit, gibt den Ton vor, denken Sie nur an Sarah Palin. Doch Obama glaubt, er kann das alles überwinden, weil er wie ein guter Sozialarbeiter Leuten das Gefühl vermittelt, ihnen zuzuhören.

SPIEGEL ONLINE: Aber er kann die Zerstrittenheit nicht heilen?

Remnick: Nein, und das ist sein Problem. Sogar ein US-Präsident kann nicht mit einem Schlag die Gesellschafts- und Medienkultur umkrempeln, die er vorfindet.

SPIEGEL ONLINE: Diese Kultur scheint für Obamas Nachdenklichkeit, die einst gefeiert wurde, nichts mehr übrig zu haben. Die Tea-Party-Bewegung punktet bereits schon wieder mit offenem Anti-Intellektualismus.

Remnick: Viele Amerikaner waren erst mal froh, dass Obama nicht so intellektuell borniert war wie sein Vorgänger. Bushs Haltung war peinlich. Aber klar, jetzt sind seine Entscheidungen zu Afghanistan im Zweifel wichtiger, als die Frage, ob er den neuen Roman von Jonathan Franzen gelesen hat. Die Tea-Party-Anhänger und Leute wie Glenn Beck sind aber ein ganz anderes Thema. Sie agieren wie moderne Zirkusclowns, sie verbreiten wilde Verschwörungstheorien. Leider können sie mittlerweile mit einem Knopfdruck Millionen Menschen beeinflussen. Das ist der ungewollte Fluch moderner Technik.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
vantast64 07.10.2010
1. Ein Nachteil, daß Obama intelligent und vernünftig ist
Sowas mögen die Amerikaner gar nicht. Sie wollen lieber Einfaltspinsel und Haudraufs wie Bush. Sie wissen einfach nicht, welche Chance dieser Mann für uns alle ist, nicht perfekt, aber das Beste, was Amerika zu bieten hat.Schade.
TommIT, 07.10.2010
2. Moment bin ich eine Frau??
Empfindsame Seele... Ohhhhaaahhh wie süüüüüessss. Wie kann man sich nichts für kaufen? *Nerv*
unterländer 07.10.2010
3. Titeldum, titeldei
Zitat von vantast64Sowas mögen die Amerikaner gar nicht. Sie wollen lieber Einfaltspinsel und Haudraufs wie Bush. Sie wissen einfach nicht, welche Chance dieser Mann für uns alle ist, nicht perfekt, aber das Beste, was Amerika zu bieten hat.Schade.
Möglicherweise tangiert es "die" Amerikaner nur peripher, wen Sie als Chancenbringer für "uns alle" sehen. Die könnten sich u.U. mehr dafür interessieren, was er zuhause in seinem Land auf die Reihe kriegt. Und wenn dort mittlerweile eine Mehrheit sagt, "wo bleibt der vielbeschworene Wechsel?" dann müsste das auch der wohlmeinende Mitteleuropäer akzeptieren können. Sind Sie übrigens ein Anhänger sarrazinscher Thesen? Intelligenz verorten Sie ja anscheinend nicht unbedingt bei "den" US-Amerikanern. Wie kömmt's?
carstelino 07.10.2010
4. Obama hat ein großes Ego
... und hat so viele Versprechen und Illusionen, die er selbst zu seinem Nutzen aufgebaut hatte, wieder eingesammelt, da ist es erstaunlich, daß er in weiten Teilen Deutschlands noch einen beachtlich guten Ruf besitzt. Nur zur Erinnerung: in Guantamano hat sich so gut wie nichts geändert; die Aufrüstung des Weltraums geht ungezügelt weiter; Kinderaarbeit in der dritten Welt, Landminen, Abrüstung der Atomwaffen, Beendigung der Kriege auf islamischem Boden: keine sichtbaren Aktivitäten. Besonders mies ist die mit Russland vereinbarte Verschrottung (überzähliger, veralteter) Atombomben. Dafür wurde dann, von vielen Medien übersehen, die Perfektionierung und Modernisierung der Atombewaffnung gegenseitig vereinbart. Und das von einem Präsidenten, der die totale Abschaffung atomarer Waffen welgtweitg proklamiert.
frank_lloyd_right 07.10.2010
5. Mayday, Mayday !
Was ist denn so schlimm an einem großen Ego ? Solang man nicht damit um sich schlägt, und das tut er ja nicht. Bei George W. hatte man oft den Eindruck, er besäße keins, Ronny Reagan und Bill Clinton hatten sicher eins, (the way I defines it) - ebenso hat es, völlig groteskerweise, die rabiate Putzfrau Sandra Palin. Mayday !
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