New Jersey nach "Sandy" Obamas Trip ins Chaos

Trösten, Umarmen, Versprechen: Drei Stunden tourte Barack Obama durch die vom Hurrikan "Sandy" verwüsteten Landstriche an der US-Ostküste. Republikaner-Liebling Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey, war stets an seiner Seite. Eine ganz besondere Allianz - zum Nutzen Obamas.

Von , Washington


Bis eben noch galt Bill Clinton als der Edelhelfer des Präsidenten. Da, wo Barack Obama zu distanziert, zu kühl wirkte, kam der Alte zum Einsatz. Der kam ran an die Leute. Doch jetzt hat Obama einen neuen: Chris Christie, den republikanischen Gouverneur von New Jersey, den Top-Wahlkämpfer von Mitt Romney.

Oder besser: den Ex-Top-Wahlkämpfer des Rivalen. Denn seitdem Sturm "Sandy" den Christie-Staat so tragisch getroffen hat, hört der Mann gar nicht mehr auf, Obama zu loben für dessen Krisenmanagement.

Am Mittwoch organisierte Christie dem Präsidenten sogar einen Trip ins Katastrophengebiet - und die passenden Bilder zu Obamas neu entdeckter Rolle als Commander-in-Chief. Mehr als drei Stunden verbrachten die beiden miteinander, flogen im Hubschrauber die verwüstete Küste New Jerseys entlang - an einer Stelle hatten Obama-Gegner weit sichtbar "ROMNEY" in den Sand geschrieben - und besuchten ein Gemeindezentrum, in dem Flutopfer Unterschlupf gefunden haben.

Der Auftritt der beiden, das ist großes Kino. Das US-Magazin "Politico" schreibt: "A Sandy Love Story."

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Obama im Katastrophengebiet: Kümmerer-in-Chief

Da stehen sie am Nachmittag in der Ortschaft Brigantine an der Atlantikküste zum Zwecke einer improvisierten Pressekonferenz beisammen, Obama lässt Christie den Vortritt. Und der liefert, schon wieder.

"Unglaublich eng" sei ihre Zusammenarbeit, ja, der Präsident habe ihn schon angerufen, bevor der Sturm das Land überhaupt erreicht hatte. Eine "großartige Arbeitsbeziehung" sei das mit Obama, und er könne ihm "nicht genug danken". Dann übernimmt Obama, lobt die "außerordentliche Führungskraft" Christies.

Die Körpersprache dieses ungleichen Paares ist deutlich. Man klopft sich auf die Schultern; redet der eine, nickt der andere; und macht dieser einen Witz, lacht jener mit. Parteigrenzen zählen nicht. Es ist genau das Bild, wonach sich ziemlich viele Amerikaner angesichts ihrer zerstrittenen Polit-Eliten sehnen. Bitter für Kandidat Mitt Romney, der zurzeit bei all seinen Wahlkampfauftritten betont, wie hervorragend er mit Demokraten zusammenarbeiten könnte. Könnte. Chris Christie aber attestiert Obama gleich in aller Öffentlichkeit, dass der das faktisch macht.

Kümmerer-in-Chief

Und noch eines ermöglicht Christie dem mächtigsten Mann der Welt: Dass er den Menschen nah wirkt statt fern und abgeschirmt. Obama hat vom Hubschrauber aus gesehen, wie der Sturm Häuser weggeschwemmt hat, wie er die hölzerne Promenade von Atlantic City zerstört hat, wie eine Achterbahn mitten im Wasser steht. Er trifft auf Donna Vanzant, die betrübte Besitzerin des örtlichen Yachthafens. Obama nimmt sie in den Arm - und zeigt auf den nebenstehenden Craig Fugate, den Chef der Zivilschutzbehörde Fema: "Das ist Mister Notfall-Management, der kommt aus Florida, der weiß, was zu tun ist."

Und er sagt jetzt wieder Sätze wie den von der Dunkelheit des Sturms, in der Amerikas Glanz erst scheine.

Der intellektuell eitle, sehr ungeduldige Politiker Obama hat in all seinen Funktionen - als Senator im Staat Illinois, als US-Senator und sogar als Präsident - stets darunter gelitten, dass er aus seiner Sicht nicht direkt eingreifen kann, dass seine Arbeit keine sofortigen Konsequenzen hat. Jetzt aber kann er etwas tun. Und die Menschen, für die er etwas tut, die stehen vor ihm. Er kann sie in den Arm nehmen.

"Ihr bekommt alles, was ihr braucht"

Der Präsident Obama wirkt nicht selten ungemein kühl, distanziert. Der Helfer Obama an der Ostküste aber, in seiner blauen All-Wetter-Jacke, seinen Kaki-Hosen und Wanderschuhen, erzählt nun von einer Frau, die er gerade eben kennengelernt habe. Der seien die Windeln fürs Baby ausgegangen. "Wenn ihr 800-621-Fema anruft", sagt also der Kümmerer-in-Chief, "könnt ihr euch registrieren und bekommt alles, was ihr braucht."

Der mächtigste Mann der Welt kümmert sich jetzt persönlich um Windeln.

Er hat dabei ein negatives Vorbild: Vorgänger George W. Bush, der 2005 nach dem Hurrikan "Katrina" versagte. Obama dagegen verspricht: "Wir werden keinen Papierkrieg und keine Bürokratie dulden." Und er habe seinem Team die 15-Minuten-Regel verordnet: Jeder bekomme seinen Rückruf spätestens eine Viertelstunde nach Anruf, egal ob Gouverneur oder Bürgermeister. Christie sagt noch, der Präsident habe ihm noch im Auto unmittelbar jene Hilfsleistungen per Telefon besorgt, um die er gerade gebeten habe.

Obamas Leute sagen, dass das alles natürlich nichts mit Wahlkampf zu tun habe: Nicht die Commander-in-Chief-Attitüde; nicht das Polit-Geflirte mit Christie. "Das ist nicht die Zeit für Politik", sagt Obama-Sprecher Jay Carney an Bord der Air Force One auf dem Weg ins Katastrophengebiet. Es glaubt ihm nur kaum einer.

Denn einen besseren Wahlkampfauftritt als den Nachmittag mit Christie direkt vor der Wahl hatte der Präsident seit langem nicht. Sollte Obama am 6. November gewinnen, dann wird die Szene, in der der übergewichtige Chris Christie an diesem Donnerstag unten auf dem Rollfeld vor der Regierungsmaschine steht und den politischen Gegner mit offenen Armen empfängt, im Rückblick einer jener Momente gewesen sein, die zu Obamas Sieg ein gutes Stück beigetragen haben dürften.

Durch "Sandy" hat dieser Wahlkampf eine unerwartete Wendung genommen. Romney, der am Mittwoch wieder in Florida auftrat, sucht zu kontern, indem er Obama jetzt auch in Staaten angreift, die eigentlich schon als demokratisch abgehakt waren: Pennsylvania, Michigan, Minnesota. Obamas Leute sagen, der Rivale tue das nur, weil er seine Chancen in den eigentlichen Swing States wie Ohio und Virginia schwinden sehe. Das seien "Verzweiflungstaten", sagt Obamas Top-Stratege David Axelrod. Romneys Leute sagen, sie wollten einfach einen noch größeren Wahlsieg herausholen als bisher kalkuliert.

So oder so - alle gemeinsam aber rätseln über die Motive des vermeintlich konvertierten Obama-Edelhelfers Chris Christie, der ohne "Sandy" in diesen Tagen neben Romney auf den Bühnen der Swing States stehen würde. "Den Republikanern sei vergeben, dass sie vor Wut schäumen", äußert der "New Yorker" Verständnis. Will sich Christie für 2013 in Stellung bringen, wo er um seine Wiederwahl im strukturell demokratischen New Jersey kämpfen muss? Setzt er in seiner nach rechtsaußen gedrifteten Partei ein moderates Zeichen, um sich für künftige Richtungskämpfe zu positionieren, falls Romney verliert? Oder interessiert ihn tatsächlich nur sein Staat und sonst nichts?

Bleibt alles abzuwarten. Christie übrigens lässt ausrichten, er habe nichts gegen Romney, gar nichts. Na dann.

insgesamt 44 Beiträge
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sukowsky, 01.11.2012
1. Obama schafft es
Weg vom Wahlkampf, richtig so, das bringt stimmen.
eldoloroso 01.11.2012
2. Sehr simpel
Tach, Christie: - kümmert sich um seinen Staat - poliert in der Tat sein Image für die Gouverneurswahl 2013 - und plant insbesondere auch schon für den Präsidentenwahlkampf 2017 Wäre Christie - wie eine Zeitlang vermutet - schon dieses mal angetreten hätte Romney echte Konkurrenz in der GOP-Vorwahl und kein Durchmarsch gegen eine Clowntruppe erlebt.
morning__star 01.11.2012
3. -
Zitat von sysopREUTERSTrösten, Umarmen, Versprechen: Drei Stunden tourte Barack Obama durch die vom Hurrikan "Sandy" verwüsteten Landstriche an der US-Ostküste. Republikaner-Liebling Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey, war stets an seiner Seite. Eine ganz besondere Allianz - zum Nutzen Obamas. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-praesident-obama-besucht-sandy-sturm-opfer-in-new-jersey-a-864602.html
Kennt man die Reden von Chris Christie, dann überrascht das ganze wenig. Er fordert schon sehr lange die ganze republikanische Partei dazu auf, sich mit Obama zu arrangieren und eine vernünftige Politik für die USA auf den Weg zu bringen. Obama selber war in seinem 1st term, aber auch nicht sonderlich kompromissbereit und dafür gab es von Christie ordentlich Schelte wie auch für einige andere Fehler. Eines wird in den Reden Christie's aber immer klar, dem Mann geht es in erster Linie um sein Land und seine Leute, deshalb will er seinen Staat jetzt bestmöglichst versorgt sehen und Obama liefert sofort - warum sollte er sich also beschweren oder Obama's gute Arbeit verleugnen? Er hat selber gesagt, wenn viele Amerikaner leiden, dann interessiert ihn die Wahl einen Dreck.
kasselklaus 01.11.2012
4. Realpolitiker
Ich halte weder von Obama noch von Romney viel, denn ihre realpoltischen Positionen liegen dichter beeinande,r als es angesichts des hohlen Wortgeklingels scheint. Und ich konnte schon damals bei der Wahl von Mr. O. die Begeisterung mancher Deutscher nicht teilen, aber gleichwohl muss ich Mr. O. bescheinigen, dass er mit seinen Krisenbesuchen geschickt und raffiniert agiert. Das würde jeder Macht-/Realpolitiker genauso machen, hat mit Mitgefühl und innigem Helfen-wollen natürlich recht wenig zu tun... Aber er weiß natürlich, was gut ankommt und die menschelnden Fernsehbilder sind wirkungsvoller als dutzende von Wahlkampfauftritten.
stoiker1.9 01.11.2012
5. Die Flut
Sandy hin - Wahlen her. Information ist richtig und wichtig. Aber jetzt läuft in allen Medien der absolute "Overkill ". Aus dem Rest der Welt gibt es mit Sicherheit wichtigeres zu berichten. Zumal nach den Wahlen das Ergebnis noch mindestens 14 Tage in epischer Breite wieder in allen Medien diskutiert wird.
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