US-Präsidentschaft Amazonenkampf ums Weiße Haus

Es klingt nicht sonderlich überzeugend, aber Condoleezza Rice sagt stets nein, wenn es um ihre Ambitionen auf die US-Präsidentschaft geht. Ihre Fans halten die amerikanische Außenministerin für die Einzige, die Hillary Clinton im Rennen ums Weiße Haus besiegen könnte.

Von , New York


New York - Wer's noch nicht wusste, dem ist seit gestern endgültig klar: Condoleezza Rice strebt nach höheren Weihen. Die US-Außenministerin will sich auf Dauer nicht mit dem Top-Job im State Department begnügen. Sie will als nächstes Präsidentin werden.

Nicht Präsidentin der USA, sagt sie, sondern Präsidentin der amerikanischen Football-Liga NFL.

US-Außenministerin Rice: "Ich weiß nicht, auf wie viele Arten ich noch nein sagen kann"
DPA

US-Außenministerin Rice: "Ich weiß nicht, auf wie viele Arten ich noch nein sagen kann"

"Und wenn ich nicht zur NFL gehe", sagte Rice, schon immer ein glühender Football-Fan, dem Moderator Chris Wallace vom TV-Kabelsender Fox News, "gehe ich zurück nach Stanford, um zu unterrichten." Aus, basta, "thank you very much, Chris".

Doch natürlich gehen die Spekulationen jetzt erst so richtig los. Viel interessanter als Rices Antwort war nämlich die Frage: Ob Rice Interesse an einer US-Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2008 habe?

Nicht nur Wallace fragte sie das gestern, sondern auch NBC-Talker Tim Russert in seinem Fernsehfrühschoppen "Meet The Press". Der Wortwechsel Russerts mit der aus London dazu geschalteten Ministerin hatte 'kabarettistische Züge - wegen dem, was gesagt wurde, und vor allem wegen dem, was nicht gesagt wurde.

Russert: "Sie werden also keinesfalls die Nominierung für die Republikaner 2008 akzeptieren?"

Rice: "Tim, ich sehe das nicht. Ich weiß nicht, auf wie viele Arten ich noch nein sagen kann."

Russert: "Also nein?"

Rice: (Lange Pause) "Tim, ich weiß nicht, wie ich den Leuten noch sagen kann, dass... ich habe kein Interesse, Kandidatin für irgendetwas zu sein."

Russert: "Na ja, aber kein Interesse ist etwas anderes als nein, absolut nein."

Rice: "Nein."

"¡Viva Rice!"

Ein handfestes Dementi hört sich anders an. Seit Wochen schon brodelt in Washington die Gerüchteküche: Condi Rice könnte 2008 im Rennen ums Weiße Haus an den Start gehen - als aussichtsreiche Konkurrentin zur vormaligen First Lady Hillary Rodham Clinton, von der die meisten annehmen, dass sie für die Demokraten kandidieren wird.

Der Einpeitscher für ein solches Amazonenrennen ist ausgerechnet ein alter West-Wing-Insider: Dick Morris, einst streitbarer Chefstratege der Clintons. "Es gibt nur eine in Amerika, die Hillary Clinton stoppen kann", behauptet Morris in seinem neuen Buch "Condi vs. Hillary: The Next Great Presidential Race", das am 1. November auch in Europa in den Handel kommt. "Außenministerin Condoleezza 'Condi' Rice."

Morris ist nicht der Einzige, der das so sieht. Eine hartnäckige Fan-Gemeinde hat sich mittlerweile in den USA organisiert, um Rice zur Kandidatur gegen Clinton zu drängen. Sie nennen sich "Condistas" und propagieren ihre Sache auf privaten Websites wie AmericansForRice.com und Rice2008.com. "¡Viva Rice!", jubeln sie da, dokumentieren jeden Halbsatz ihrer Heldin und verkaufen T-Shirts mit dem Schlachtruf "Condi" (13,95 Dollar plus Versandkosten).

Kampf der Damen

Eine dieser Gruppen hat ausgerechnet jetzt eine TV-Kampagne gestartet, mit einem unbeholfenen Werbespot im Vorwahlstaate Iowa, in dem ein "Ehepaar" die Vorzüge einer Rice-Kandidatur beim Freiluftfrühstück ventiliert. "Sie sagt offen ihre Meinung", weiß die Frau und erinnert daran, dass auch Dwight Eisenhower 1952 gegen seinen anfänglichen Willen von der Partei zur Kandidatur "eingezogen" worden sei.

Rice durch öffentlichen Druck in die Pflicht zu nehmen, schlägt auch Morris vor. Sie stelle "eine tödliche Gefahr für Hillarys Erfolg" dar, sagt er, und man kann seine alten Animositäten mit der First Lady spüren. "Mit ihren Sympathiewerten bei Wählern außerhalb der traditionellen Republikaner-Basis hat Condi das Potential, bei der demokratischen Partei genug Fahnenflucht zu verursachen, dass das zu einer ernsthafte Erosion von Hillarys Kernwählern führt."

Ein atemberaubendes Szenario: Zwei Damen im Kampf ums höchste Amt der USA - und obendrein zwei der charismatischsten Politik-Persönlichkeiten, die Washington zu bieten hat. "Es wäre eine unglaubliche Wende für die amerikanischen Frauen", kommentierte der "Guardian". Schließlich ist es lange her, dass eine Frau für das Weiße Haus nominiert wurde: Geraldine Ferraro, die 1984 erfolglos als Vizepräsidentin kandidierte. Elizabeth Dole, die Gattin des Bill-Clinton-Herausforderers Bob Dole, kam dagegen 1999 nicht über den republikanischen Vorwahlkampf hinaus.

"Desperate Housewives" im Oval Office

Clintons Dementis kommen noch halbherziger daher als Rices. Aber sie muss ja sowieso erst mal die Senatswahl im nächsten Jahr abwarten, bei der sie sich um eine zweite Amtszeit bewirbt. Trotzdem werden schon jetzt in Washington und ihrer Wahlheimat New York die Rufe "Hillary for President" immer lauter.

Demokratin Hillary Clinton: Halbherzige Dementis
REUTERS

Demokratin Hillary Clinton: Halbherzige Dementis

Das "New York Times Magazine" widmete Clintons "Wählbarkeit" jetzt eine sechsseitige Analyse. Sensationsautor Edward Klein eröffnete schon mal präventiv die Wahlkampf-Schlammschlacht mit einer "unautorisierten Biografie", in der er Clinton lesbische Anwandlungen anlastet und behauptet, sie habe zwecks Wählerfangs schnell einen jüdischen Opa "aufgetrieben". Eine Google-Suche nach "Hillary for President" ergibt inzwischen eine ganze Hand voll Websites, die Clintons Beförderung ins Oval Office betreiben.

Und dann ist da noch Geena Davis. Die Oscar-Preisträgerin ("Thelma und Louise") macht gerade im Fernsehen Furore - als erste (fiktive) US-Präsidentin. "Commander in Chief" ist in den USA die erfolgreichste neue TV-Serie der Saison. Was fürs Network ABC voriges Jahr die "Desperate Housewives" waren, das ist jetzt Madam President Mackenzie Allen (Davis).

"Richtige Show zur richtigen Zeit"

Damit trifft ABC offenbar einen Nerv: Gut 17 Millionen Zuschauer verfolgten vorige Woche, wie diese Eisheilige durch den West Wing fegte, Männer zusammenstauchte, Widernisse mit Aplomb bewältigte und nur abends, als keiner mehr hinguckte, in die Arme des Gatten sank, der dankbar die zweite Geige spielt.

Die tollen Einschaltquoten für "Commander", so die gängige Theorie, seien nichts Geringeres als ein Referendum über die Chancen Hillary Clintons, selbst demnächst die letzte Männerbastion der USA zu stürmen. Zumal einer der "Commander"-Autoren früher einmal Clintons stellvertretender Pressesprecher war.

"Commander" läute nicht nur "Clintons Love-Fest mit Hollywood" und den dortigen liberalen Parteispendern ein, stichelt J.B. Williams auf dem Popkultur-Blog "National Ledger". Sondern bereite vor allem "die Psyche der Nation auf den ersten weiblichen Präsidenten vor". Selbst die Feministin Naomi Wolf sieht das so: "Commander" sei "die richtige Show zur richtigen Zeit", um Hillary Clinton den "Aufstieg ins Oval 2008" bahnen.

Football mit dem Amstkollegen

Eins steht fest: Die USA sind heute offener denn je für eine Frau im ersten Staatsamt. Acht von zehn Amerikanern, so eine kürzlich veröffentlichte Umfrage des White House Projects, könnten sich eine Präsidentin vorstellen. Als die Gallup-Demoskopen 1937 erstmals die Frauenfrage stellte, damals zu Spekulationen um Eleanor Roosevelt, waren noch zwei Drittel dagegen.

Wahlexpertin Amy Walter vom "Cook Political Report" sieht aber trotzdem weiter eine "grundsätzliche Nervosität bei einem Teil der Wähler, Frauen in die Position des ultimativen Entscheidungsträgers zu setzen". Das glaubt auch Pat Schroeder, Ex-Kongressabgeordnete und Beinahe-Präsidentschaftskandidatin 1988: Das Weiße Haus bleibe "das letzte Baumhaus mit dem Schild 'Keine Mädchen erlaubt'".

Condi Rice jedenfalls beharrt darauf, auf keinen Fall in dieses Baumhaus klettern zu wollen. Ihre wahre Liebe gelte dem Football. Deshalb hat sie jetzt auch ihren britischen Amtskollegen Jack Straw für Ende der Woche in ihren Heimstaat Alabama eingeladen, zu einem "wichtigen diplomatischen Weekend". Höhepunkt des Besuchs: ein Football-Spiel zwischen der University of Alabama und der University of Tennessee - Rice und Straw werden dabei zum Anstoß die Münze werfen.



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