US-Präsidentschaftsbewerber Belästigungsvorwürfe setzen Cain unter Druck

Hat Herman Cain zwei Frauen sexuell belästigt? Vorwürfe aus den neunziger Jahren bringen den Präsidentschaftsbewerber in Erklärungsnot. Er selbst dementiert, spricht von einer "Hexenjagd". Fraglich ist nun, ob er trotzdem die Position des Spitzenreiters bei den Republikanern halten kann.

Präsidentschaftsbewerber Cain: "Niemals irgend jemanden sexuell belästigt"
AFP

Präsidentschaftsbewerber Cain: "Niemals irgend jemanden sexuell belästigt"

Von und , Washington


Einerseits läuft es gerade richtig gut für Herman Cain. Im Kampf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur liegt der frühere Chef einer Pizza-Kette in nationalen Umfragen vorn. Auch im besonders wichtigen Vorwahl-Staat Iowa führt er. Und in Texas liegt der 65-jährige Afroamerikaner ebenfalls knapp vorn - ausgerechnet vor Konkurrent Rick Perry, dem texanischen Gouverneur.

Andererseits stehen Herman Cain jetzt die wohl härtesten Tage seiner Kampagne bevor. Wenn es richtig schlecht läuft für den Mann aus den Südstaaten, dann wird er am Ende keine Chance mehr haben, als Kandidat der Republikaner gegen US-Präsident Barack Obama anzutreten. Denn plötzlich muss sich Cain, der eigentlich "Humor ins Weiße Haus" bringen wollte, gegen Vorwürfe wegen sexueller Belästigung wehren.

"Fälschlich beschuldigt"

Einem Bericht des einflussreichen Online-Magazins Politico zufolge haben sich zwei Frauen in den neunziger Jahren über anzügliche Bemerkungen und Gesten Cains beschwert. Es soll sich dabei um frühere Angestellte des US-Gaststättenverbands handeln, dessen Vorsitzender Cain in jener Zeit war. Die beiden Frauen hätten sich bei Kollegen und führenden Verbandsvertretern beklagt, berichtet das Blog. Zuletzt sollen sie eine Abfindung erhalten und sich zum Verlassen des Verbandes und zum Stillschweigen über die Angelegenheit verpflichtet haben.

Als Herman Cain am Montag vor Journalisten im National Press Club von Washington auftritt, hat er seine goldene Krawatte angelegt ("Gold ist meine Kraftfarbe"). Cain geht in die Gegenoffensive, weist alle Vorwürfe zurück. "Ich weiß jetzt wirklich, wie es sich anfühlt, wenn man die Nummer eins in den Umfragen ist", bemerkt er spöttisch. Zuvor hatte schon sein Sprecher erklärt, es passe "Branchenmedien" nicht, dass Cain die politische Landschaft in Washington aufmische.

Später, auf Nachfrage, geht es im National Press Club weiter, sehr ernsthaft: Erstens - sagt Cain und sein rechter Zeigefinger schießt in die Höhe - habe er "niemals irgend jemanden sexuell belästigt". Zweitens - jetzt gesellt sich der nächste Finger dazu - sei er in den neunziger Jahren "fälschlich beschuldigt" worden. Die Vorwürfe seien "komplett falsch". Die Untersuchungen damals hätten ergeben, dass jegliche Anschuldigungen "gegenstandslos" gewesen seien. Er wisse nichts von einer Abfindung des Verbandes an die beiden Frauen: "Hoffentlich war es nicht viel, weil ich nichts getan habe." Er wisse nicht, woher diese Vorwürfe plötzlich stammten, es handele sich um eine "Hexenjagd".

Anklänge an die Causa Clarence Thomas

Es sind harte Vorwürfe, gegen die sich Cain da wehren muss. Und sie haben noch eine andere Qualität dadurch, dass er nun einmal ein afroamerikanischer Präsidentschaftsbewerber ist. Die Angst vor dem sexuell aggressiven "black man" ist ein beliebter Topos der rassistischen US-Vergangenheit gewesen. Erinnerungen daran bestimmen unterschwellig Debatten über das Sexleben schwarzer US-Politiker mit - spektakulär zuletzt 1991 im Bestellungsverfahren von Clarence Thomas, den der damalige Präsident George H.W. Bush zum Richter am Obersten Gerichtshof ernennen wollte.

Der Senat musste der Personalie zustimmen, und in den Anhörungen kamen brisante Belästigungsvorwürfe gegen Thomas auf, erhoben von einer ehemaligen Kollegin. Das Verfahren schleppte sich durch quälend peinliche Details, die Politiker diskutierten öffentlich Thomas' angeblichen sexuellen Vorlieben oder seine Porno-Präferenzen. Thomas wurde schließlich als Richter bestätigt, obwohl er die Belästigungsvorwürfe nicht völlig ausräumen konnte. Noch heute spricht Thomas von "Lynchjustiz".

Mit Thomas gemein hat Cain, dass er einer der wenigen prominenten konservativen Afroamerikaner ist, "Newsweek" erkor ihn schon zum "Anti-Obama". Dem Präsidenten selbst kommt zugute, dass er einen betont zurückhaltenden Stil pflegt. Stets betont er sein glückliches Familienleben mit Gattin Michelle. Als zu seinem 50. Geburtstag die Sängerin Jennifer Hudson ein Ständchen anstimmte, das an Marilyn Monroes legendär-sinnliches "Happy Birthday, Mr. President" für John F. Kennedy erinnerte, da beließ es Obama bei einer knappen Umarmung.

Cain: "Herman Cain kann die Präsidentschaftswahl gewinnen"

Noch ist nicht absehbar, welche Wirkung die Berichte über Cains angebliche sexuelle Belästigung an der republikanischen Basis entfalten werden. Klar ist nur: Der Präsidentschaftsbewerber Cain steht jetzt nicht mehr allein wegen seiner aufsteigenden Beliebtheitswerte im Licht der Kamerascheinwerfer. Seitdem er vom absoluten Außenseiter zum nationalen Spitzenreiter aufgestiegen ist, werden seine anfangs belächelten Ideen und Konzepte mehr und mehr zum zentralen Gegenstand der republikanischen Auseinandersetzung.

In den letzten TV-Debatten attackierten ihn seine Kontrahenten wegen seines simpel gestrickten "9-9-9"-Steuerplans. Cain will das System radikal umkrempeln, Einkommens-, Unternehmens- und Umsatzsteuer sollen jeweils auf neun Prozent festgesetzt werden. Amüsante Petitesse am Rande: Die Idee hat Cain von einem Vermögensverwalter aus einer Bankfiliale in Cleveland, Ohio. Bei Experten ist der Plan durchgefallen.

Cain, der sich als Anti-Politiker inszeniert und sprachmächtig wie keiner seiner Mitbewerber ist, genießt großen Zuspruch aus der radikalen Tea-Party-Bewegung, mit deren Hymne "I am America" er sich in die Säle spielen lässt. Dennoch wird ihm die Präsidentschaftskandidatur nicht zugetraut: Seine Organisation sei zu schwach, er generiere zu wenig Spenden, heißt es. Aber vor allem: Cain habe keinerlei politische Erfahrung. Von sich in der dritten Person oder einfach als "Hermanator" sprechend, kontert der Kritisierte stets: "Sie sagen, Hermann Cain kann die Präsidentschaftswahl nicht gewinnen, weil er keinen großen Namen hat, nicht genug Geld und nie ein politisches Amt hatte. Aber dem amerikanischen Volk geht es nicht um Billionen von Dollar. Amerika will Cain."

An Selbstbewusstsein mangelt es diesem Mann jedenfalls nicht. Mag sein, dass er damit auch die gegenwärtigen Vorwürfe übersteht. Dass er im Bewerberfeld weiterhin eine führende Rolle spielt.

Wahlwerbespot mit Zigarette: Was soll das?

Oder meint er seine Bewerbung gar nicht ernst? Zieht er nur auf dem Wahlkampfticket durchs Land, um sein neuestes Buch zu bewerben - eine Autobiografie mit dem Untertitel "Mein Weg ins Weiße Haus"? Die Kritik gewann in den letzten Tagen an Fahrt, nachdem Cain ein Video ins Internet hat stellen lassen, in dem sein Wahlkampfmanager Mark Block die Hauptrolle spielt: Der unscheinbare Mann mit Oberlippenbart aus längst vergangenen Zeiten sagt da, dass Amerika einen Kandidaten wie Cain noch nie gesehen habe. Schließlich zieht Block genüsslich an einer Zigarette. Schnitt, Cain wird eingeblendet, langsam zeichnet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ab.

Seither fragt sich das politische Amerika: Was soll das? Rauchen in der Öffentlichkeit gilt als unfein. In der sonntäglichen CBS-Sendung "Face the Nation" versuchte sich Cain zu rechtfertigen: "Lasst Herman Herman sein", sei das Motto seiner Kampagne. Und das gelte eben auch für seinen Wahlkampfmanager: "Mark Block ist ein Raucher. Lasst Mark Mark sein." Nein, wehrte Cain auf Nachfragen des doch recht empörten Interviewers Bob Schieffer ab, er wolle mit dem Spot nicht sagen, dass Rauchen cool sei. Cain musste das dann nochmal in die Kamera sagen, auch als Mahnung für die jungen Leute, dann war er freigesprochen.

Zuvor hatte Cain mit Witzeleien über die Namen von US-Alliierten für Aufsehen gesorgt. In einem Interview wurde er indirekt nach dem Namen des Präsidenten von Usbekistan gefragt. Darauf spöttelte er über "Ubeki-beki-beki-beki-stan-stan" und meinte: "Keine Ahnung." Schaffe denn das einen einzigen Job in Amerika, wenn er es wüsste? Die "Washington Post" ärgerte sich am Wochenende über den "Witz-Kandidaten" Cain. Als er noch hinten gelegen habe in den Umfragen, da sei das ja sehr nett gewesen. "Er war der leichtsinnige Typ am Katzentisch." Aber jetzt, als Spitzenreiter?

Es ist allerdings fraglich, wie lange Herman Cain diesen Titel noch tragen wird.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
texas_star 31.10.2011
1. willkommen....
Zitat von sysopNaive Äußerungen zur Außenpolitik, ein umstrittener Raucher-Spot im Internet - und jetzt wird er auch noch der sexuellen Belästigung beschuldigt: Präsidentschaftsbewerber Herman Cain gerät unter Druck, weist alle Vorwürfe zurück. Wird er die Position des Spitzenreiters halten können? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,795062,00.html
.... in der schlamm-schlacht (amerikanischer wahlkampf). da muss eine beschwerde (keine klage!!) wegen anzueglicher bemerkungen (die 20+ jahre zurueckliegt...) noch herhalten. der umstrittene raucherspor war uebrigens wirklich krass. ein man spricht in die kamera und zieht am ende kurz an einer zigarette. also wirklich!!! unerhoert.
Denseman 31.10.2011
2. republikaner interna
haha klar, drogen und vergewaltigung gehen immer wenn negerunheil dräut.
wind_stopper 31.10.2011
3. US-Wahlkampf
jetzt wird es schmutzig. Habe mich schon gewundert, dass es so lange sauber blieb. Es geht hier um eines der wichtigen Ämter der Welt, aber leider stehen im US Wahlkampf dumpfe Parolen, Religiöse Predigen und dreckige Schlamm-schlachten immer im Vordergrund. Über Politik wird nur wenig bis gar nicht geredet.
whocaresbutyou 31.10.2011
4. dabei sein ist alles...
---Zitat--- Seither fragt sich das politische Amerika: Was soll das? Rauchen in der Öffentlichkeit gilt als unfein. ---Zitatende--- jopp... aber außenpolitische Legasthenie, innenpolitische Arroganz und kurzsichtige Pfadfinderpolemik sind gesellschaftsfähig... Erst mal irgendwie auf den Thron schummeln, den Rest machen wir dann schon irgendwie. Wenn alle Stricke reißen, gehen wir eben wieder ins Stadion, ein paar Stunden beten. Und wenn der große Manitou nicht hilft, dann müssen wir das eben gemeinsam und mit Demut tragen... verklagen geht ja leider nicht. mist, mist, mist...
kkonline 31.10.2011
5. US-Präsidentschaftsbewerber: Republikaner Cain kämpft gegen bösen Verdacht
immerhin muss er nicht gegen den Verdacht kämpfen, schwul oder Latino zu sein.
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