US-Raketenschild Putin befürchtet Spionage gegen Russland

Kreml-Chef Wladimir Putin legt im Streit über das Raketenabwehrschild nach. Das geplante US-Projekt in Osteuropa diene dazu, sein Land auszuspionieren. Kanzlerin Merkel rief angesichts der drohen Eiszeit zwischen Nato und Russland zur Mäßigung auf.


Moskau - Russland werde angemessen darauf reagieren, dass es bis zum Ural ausspioniert werden solle, sagte Putin heute nach einem Treffen mit dem tschechischen Präsidenten Vaclav Klaus. Eine solches Ausspähen werde Moskau nicht hinnehmen, stellte der russische Staatschef klar.

Putin: Angst vor Spionage bis zum Ural
DPA

Putin: Angst vor Spionage bis zum Ural

Putin verglich die von den USA geplanten Abwehrraketen für Osteuropa auch mit der Stationierung von Atomraketen des Typs Pershing. Das Bedrohungspotenzial sei das gleiche. Die Pershing-Kurzstreckenraketen sollten in den achtziger Jahren in Deutschland aufgestellt werden. Die US-Raketenabwehr erhöhe die Gefahr der gegenseitigen Zerstörung und sogar der Vernichtung, sagte Putin.

Die USA wollen das Raketenabwehr-System in Polen und Tschechien stationieren, um Raketenangriffe aus so genannten Schurkenstaaten wie Iran abwehren zu können. Russland sieht in den Plänen eine Bedrohung seiner nationalen Sicherheit. Putin hatte mit dem Abwehrsystem seine Entscheidung begründet, den 1990 vereinbarten Vertrag über die konventionelle Rüstung in Europa (KSE) auszusetzen.

Die Nato rief Russland vergeblich zur Mäßigung in dem Streit auf. Die Allianz sei besorgt über den zwischen beiden Seiten schärfer werdenden Ton, sagte ein Sprecher des Bündnisses am Freitag in Oslo. Auch nach dem Treffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow in Oslo seien zentrale Fragen zur Aussetzung des KSE-Vertrags offen. Die Nato werde den Vertrag weiter einhalten. Trotz des schärfer gewordenen Tons werde der Dialog mit Russland aber fortgesetzt.

Auch Deutschland rief zu einem Verzicht auf Drohungen auf und regte zugleich eine neue Abrüstungsdebatte an. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) "helfen Drohungen nicht weiter", erklärte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin.

Gleichzeitig sollte aber nach Ansicht der Kanzlerin der Dialog mit Moskau in einem Klima des Vertrauens fortgesetzt werden. Merkel und Präsident Putin wollen sich Mitte Mai im russischen Samara zu EU- Russland-Konsultationen treffen.

"Wir müssen eine Eskalation verhindern", sagte auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Politiker rief die Allianz zu einer neuen Diskussion über die künftige Abrüstungspolitik auf. Die Zeit des Zählens von Truppen und Panzern wie im Kalten Krieg sei vorbei, sagte Steinmeier. Die Nato müsse sich nun Gedanken über eine neue Abrüstungsarchitektur machen.

Der russische Generalstabschef Juri Balujewski kündigte für den kommenden Mai Gespräche mit der Nato an. Er werde am 10. Mai die Nato in Brüssel besuchen und sei zu Verhandlungen bereit, in denen er die Position Putins darlegen werde.

als/Reuters/dpa

Die US-Raketenabwehr
Das System
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Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.

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