US-Regierungskreise Pentagon schickt weitere 120.000 Mann an die Front

Der Vormarsch der Alliierten auf Bagdad rollt - wenn auch deutlich langsamer als in den ersten Kriegstagen. Der irakische Verteidigungsminister glaubt, dass die Stadt binnen einer Woche eingekesselt wird. Bis in die Nacht hinein fielen immer wieder Bomben auf die Hauptstadt. Aus Washington verlautete, dass binnen einen Monats die Zahl der US-Soldaten verdoppelt werden soll.


Das Telekommunikationsgebäude in Bagdad wurde in der Nacht zum Donnerstag bombardiert
AFP

Das Telekommunikationsgebäude in Bagdad wurde in der Nacht zum Donnerstag bombardiert

Wasgington/Bagdad - Gegenwärtig kämpften 25.000 britische und 100.000 US-Soldaten im Irak. Regierungsvertreter, die nicht genannt werden wollten, erklärten, die Pentagon-Pläne sähen vor, binnen eines Monats weitere 120.000 GIs und Marines ins Land zu bringen, berichtet CNN. Reuters meldete, dass 100.000 Mann Verstärkung eingeplant sei. Die Offiziellen betonten, dass dies keine Strategieänderung, sondern von langer Hand geplant sei.

Neben der 4. Infantrie-Division aus Texas, die wie bereits bekannt, statt über die Türkei nun über Kuweit ins Kampfgeschehen eingreifen soll, werden Tausende Soldaten aus den Camps in Kuweit an die Front geschickt. Zudem würden die in Deutschland stationierte 1. Panzer-Division und das 2. Panzer-Kavallerie Regiment aus Colorado in die Region verlegt.

Im Süden der irakischen Hauptstadt soll Augenzeugen zufolge ein Wohnblock von Angestellten der Behörde für Rüstungsindustrie getroffen worden sein - angeblich kamen dabei auch mehrere Menschen ums Leben. Auch im Stadtzentrum war am Nachmittag eine laute Explosion zu hören. Offenbar schlug eine Rakete rund 700 Meter vom Informationsministerium entfernt ein. Ein Flugabwehrgeschütz auf dem Dach des Ministeriums versuchte nach Berichten von Augenzeugen, die Rakete abzuschießen. Zahlreiche Journalisten rannten aus dem Gebäude, um sich in Sicherheit zu bringen. Am Abend wurde abermals Luftalarm ausgelöst, laut TV-Berichten waren zahlreiche laute Explosionen zu hören.

Verteidigungsminister Sultan Haschim Ahmed hatte kurz zuvor gesagt, er rechne damit, dass die US-Truppen in fünf bis zehn Tagen Bagdad einkreisen. Dann müssten sie aber mit einem erbitterten Straßenkampf rechnen. "Wir errichten unsere Hauptverteidigung in Bagdad", sagte er auf einer Pressekonferenz.

Die irakischen Streitkräfte haben unterdessen nach Berichten von Augenzeugen am Stadtrand wieder Gräben mit Öl angezündet. Die aufsteigenden schwarzen Rauchwolken sollen feindlichen Flugzeuge ablenken. Nach den schweren Sandstürmen von den Vortagen herrschte in Bagdad am Donnerstag wieder weitgehend klare Sicht.

Die irakische Regierung warf den Alliierten vor, wahllos zivile Ziele anzugreifen. Bei den Luftangriffen vom Mittwoch in Bagdad seien 36 Einwohner getötet und 215 verletzt worden, sagte Gesundheitsminister Omid Medhat Mubarak am Donnerstag in Bagdad. Allein bei einem Angriff im Stadtteil Schaab kamen nach irakischen Angaben mindestens 14 Menschen ums Leben.

Das US-Oberkommando Mitte hat erklärt, dass es keinen Beweis dafür gebe, dass US-Raketen für den Tod der Menschen auf dem Marktplatz verantwortlich seien. Zwar seien irakische Raketenstellungen in einer Wohngegend mit "Präzisionswaffen" angegriffen worden. Es sei aber auch möglich, dass die irakische Armee absichtlich eine Rakete in ein belebtes Wohngebiet abgefeuert hat, erklärte Brigadegeneral Vincent Brooks vom US-Zentralkommando in Doha. Brooks warf den Irakern außerdem Einschüchterungstaktiken vor, um den Widerstand gegen die Alliierten zu festigen. Familien würden mit Erschießung bedroht, wenn ihre Männer nicht kämpften.

Der arabische Fernsehsender al-Dschasira zeigte am Donnerstag Bilder eines US-Helikopters und einer unbemannten Drohne, die über irakischem Gebiet abgeschossen worden sein sollen. Der Sender filmte einen Hubschrauber mit US-Militärzeichen, der von Gewehre schwenkenden irakischen Männern umstellt war. Al-Dschasira zufolge wurde der "Apache"-Helikopter in der mittleren Euphrat-Region abgeschossen. Über das Schicksal der Besatzung ist bislang nichts bekannt. Von amerikanischer Seite gibt es noch keinen Kommentar dazu.

"Das ist Selbstmord"

Die vordersten Einheiten der US-Truppen lieferten sich am Donnerstag Gefechte mit irakischen Kräften außerhalb der Stadt Kerbela, 80 Kilometer südwestlich von Bagdad. Kleinere Gruppen irakischer Schützenpanzer näherten sich nach amerikanischen Angaben den US-Stellungen und wurden aus der Luft angegriffen. "Ich kann nicht glauben, dass sie so etwas machen", sagte US-Leutnant Eric Hooper. "Das ist Selbstmord, sich uns so zu nähern."

US-Truppen nahmen den bei Nasirija gelegenen Flughafen Tallil wieder in Betrieb, der zum wichtigen Stützpunkt für den Nachschub werden soll.

US-Fallschirmjäger vor dem Absprung über dem Nordirak (Aufnahme mit Nachtsichtkamera)
AP

US-Fallschirmjäger vor dem Absprung über dem Nordirak (Aufnahme mit Nachtsichtkamera)

Rund um Nadschaf sei es nach den Gefechten vom Vortag am Donnerstag ruhig geblieben, sagte Oberstleutnant B.P. McCoy von der 3. Batterie des 4. Regiments der Marine-Infanteristen. Seine Truppen seien auf dem Vormarsch nach Norden und erwarteten, bald auf reguläre irakische Einheiten zu treffen. Der Vormarsch kommt aber weit langsamer voran als in den ersten Kriegstagen. Der Konvoi erreicht nur eine Geschwindigkeit von zehn Kilometern in der Stunde, weil immer wieder am Rand der Straße nach versteckten irakischen Kämpfern gesucht wird. "Unsere Aufgabe ist es jetzt zu töten", sagt McCoy.

Amerikaner eröffnen Nordfront

In der Nacht zum Donnerstag hatten 1.000 amerikanische Fallschirmjäger einen Flugplatz nahe Baschur, 50 Kilometer nordöstlich der Stadt Arbil im autonomen Nordirak, eingenommen. Ihre Zahl wurde im lauf des Tages um weitere 200 Fallschirmjäger aufgestockt. Wie das Pentagons bestätigte, haben die Soldaten den Auftrag, im Kurdengebiet den Aufbau einer nördlichen Front gegen die Einheiten des irakischen Präsidenten Saddam Hussein vorzubereiten. Der Flughafen soll nach Informationen aus dem Pentagon dazu dienen, Nachschub an Truppen und Material in den Norden zu bringen. Die 2040 Meter lange Landebahn ist groß genug für US-Transportflugzeuge wie die C-17.

Auch am Donnerstag fielen wieder Bomben auf die irakische Hauptstadt
AP

Auch am Donnerstag fielen wieder Bomben auf die irakische Hauptstadt

Es handelte sich um die erste bedeutende Landung von alliierten Truppen nördlich von Bagdad. Bisher operierten nur kleine Spezialeinheiten der Alliierten zusammen mit kurdischen Truppen im Nordirak. Ursprünglich hatten die USA geplant, von der Türkei rund 62.000 Soldaten in den Norden des Irak einmarschieren zu lassen, um eine zweite Front zu errichten. Das türkische Parlament hatte dies aber abgelehnt.

Im Lauf des Donnerstags unterstützen amerikanische Militärs laut BBC-Angaben kurdische Einheiten bei der Bekämpfung von Angehörigen der islamistischen Gruppierung Anwar-al-Islam im kurdischen Grenzgebiet zum Iran. Den etwa 700 bis 900 militanten Kämpfern, die für zahlreiche Attentate im autonomen Nordirak verantwortlich gemacht werden, werden enge Kontake zur Terrororganisation al-Kaida nachgesagt.

Weitere Ereignisse des Golfkriegs:

  • Das irakische Militär teilte mit, man habe am Donnerstag neun Soldaten der US-geführten Streitkräfte getötet und zehn Panzer sowie 13 gepanzerte Mannschaftstransporter zerstört. Eine Stellungsnahme der USA lag zunächst nicht vor.
  • US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat einen Waffenstillstand entschieden abgelehnt. Die Militäraktionen würden erst dann gestoppt, wenn Saddam Hussein entmachtet sei, so Rumsfeld vor einem Senatsausschuss. Dort wurde er auf Berichte angesprochen, wonach Frankreich oder ein anderes Land die Uno dazu drängen könnten, eine Waffenruhe zu unterstützen. Rumsfelds Antwort: "Ich habe keine Ahnung, was irgendein Land vorschlagen könnte, aber es wird keinen Waffenstillstand geben."
  • Nahe der südirakischen Stadt Nasarija wurden nach britischen und französischen Presseberichten 30 Marine-Infanteristen verletzt - zwei amerikanische Trupps sollen sich irrtümlich beschossen haben. Beide Gruppen sollen den Auftrag gehabt haben, eine irakische Einheit zurückzuschlagen.
  • Eine "Patriot"-Rakete hat eine aus dem Süden Iraks auf Kuweit abgefeuerte Rakete abgefangen. Dies bestätigten Sprecher der kuweitischen Zivilverteidigung. Zuvor hatte der US-Nachrichtensender CNN berichtet, kurz nach einem Luftalarm seien in Kuweit-Stadt zwei Explosionen zu hören gewesen. Der Zivilverteidigung zufolge sind keine Raketenteile auf Wohngebiete in Kuweit niedergegangen.
  • In den kommenden 48 bis 72 Stunden wird die von den USA geführte Kriegskoalition ihre militärischen Operationen steigern, da sich die Wetterlage bessert. Dies berichtete CNN unter Berufung auf Kreise des US-Hauptquartieres in Doha. Sandstürme hatten in den vergangenen Tagen den Einsatz der Boden- und Luftstreitkräfte behindert.

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