US-Republikaner Bushs junge Garde

Während sich die Kandidaten im US-Wahlkampf so bitter bekämpfen wie lange nicht, leisten namenlose Rekruten die wahre Arbeit. Die Jungrepublikaner mäkeln zwar an der einen oder anderen Entscheidung ihrer Partei herum - alles in allem sind sie auf Linie. Ein Besuch bei Amerikanern, die noch an ihren Präsidenten glauben.

New York - Eins gleich mal vorweg: "Ich liebe den Präsidenten!", verkündet Lynn Krogh aufgeregt. "Ich stehe voll hinter Bush!"

"Happy Hour" im "O'Neill's", einem irischen Pub in Manhattans Midtown, unweit der Grand Central Station. Es ist kurz nach Feierabend. Der düstere, laute Raum platzt aus allen Nähten, an der Bar drängeln sie sich drei Mann tief: Manager in Designeranzügen, Krawatten gelockert, Geschäftsfrauen in steif gestärkten Kostümen, Botenjungs, Sekretärinnen. Das Bier fließt, auf einem Fernseher läuft Baseball.

Lynn Krogh, 23, sitzt mit ihren drei Freunden Dennis Cariello, 30, Richard Brownell, 32, und Dan Butler, 27, an einem langen Holztisch unter der Treppe. Vor ihnen Guinness, Coke und Wasser, gigantische Cheeseburger und Hühnchensalat, aber auch Akten, Notizzettel und Überweisungsformulare: ein Arbeitsessen.

Hier wird Politik gemacht. Und zwar Wahlkampf für den Präsidenten. Mitten im tiefsten Demokratenland New York City, in dessen 51-köpfigem Stadtrat gerade mal drei wackere Republikaner zu finden sind. George W. Bushs Vorhut ist überall. In diesem Fall sind es vier nette, höfliche Kids mit großem Hunger.

Speerspitze einer neuen Generation

So locker sieht es also aus, ein ordentliches Vorstandstreffen des New York Young Republicans Clubs. Das kichernde Quartett bestreitet die derzeitige Führungsspitze dieses Traditionsvereins, in dem sich seit 1911 der konservative Nachwuchs der sonst so liberalen Millionenstadt organisiert ("der älteste junge Club des Staates", lautet das Motto). Cariello ist der Präsident, Brownell der Vizepräsident, Butler der Schatzmeister und Krogh die Vorstandssekretärin. Sie sehen sich als Speerspitze einer neuen Polit-Generation. Sie sind Bushs engagierteste Fans - und seine beste Hoffnung für die Wahl im November.

Besuch an der Basis: Derweil sich die Parteien in Washington so bitter bekämpfen wie seit Jahrzehnten nicht, leisten namenlose Rekruten die eigentliche Frontarbeit. Und beweisen dort täglich, was sonst schnell vergessen wird: Politik besteht aus ganz normalen Menschen.

Womit Schatzmeister Butler zunächst ein altes Vorurteil über seine Partei zerstreuen möchte, das dieser Tage, da Bushs Popularität so tief im Keller ist, wieder mal mehr gehandelt wird denn je: das vom verknöcherten, korrupten, machthungrigen Republikaner. "Wir sind nicht reich, und wir sind nicht böse", sagt er. Ergänzt Cariello stolz: "Ein paar Mitglieder unseres Clubs sind sogar arbeitslos."

Fundraising im Morgengrauen

Nein, verknöchert sind die vier im "O'Neill's" wirklich nicht. Über Arbeits- oder Geldmangel freilich können sie sich kaum beklagen. Vereinschef Cariello ist hauptberuflich ein Wirtschaftsanwalt, der Konzerne verklagt und, siehe da, auch Gewerkschaften vertritt. Brownell ist Schriftsteller, Krogh arbeitet im Pressebüro des Gouverneurs, Butler handelt Aktien an der American Stock Exchange.

Parteipolitik machen sie - unbezahlt - in ihrer Freizeit, frühmorgens, spätabends und am Wochenende: Mitglieder werben, Events organisieren, den Wahlparteitag vorbereiten. Heute haben sie sich zum Beispiel schon um 7 Uhr früh am Union Square getroffen, um Fundraising-Fragen zu klären. "Das ist ein zweiter Vollzeitjob", seufzt Krogh.

Warum solch selbstloser Einsatz? "Es macht Spaß, Republikaner zu sein", sagt Cariello mit Überzeugung. Auch und gerade jetzt, da die Nation so tief gespalten ist: Schließlich sei die Grand Old Party die Partei der Vielfalt, ein "großes Zelt", in dem Fiskalkonservative, Freidenker, Abtreibungsbefürworter und religiöse Christen Platz fänden. "Wir begrüßen jede Kritik", versichert Cariello. "Wir haben beispielsweise überhaupt nichts gegen Schwule." Fügt Brownell hinzu, in seinem Dinner-Salat stochernd: "Ich habe mich neulich sogar mit einem Demokraten angefreundet!"

Schon als Kind Wahlbriefe geleckt

Vor allem für den jungen Anwalt Cariello - der Einzige der vier, der in Anzug und Schlips am Tisch sitzt - ist Politik "die höchste Berufung", die er sich denken kann: "Was gibt's Besseres, als mitzuhelfen, die Welt zu verändern?" Das ahnte er schon als Elftklässler: Da spielte er in einer Schülerproduktion des Musicals "Annie" den Präsidenten Franklin Roosevelt. Um sich vorzubereiten, las er mehrere Roosevelt-Biografien, sah sich alte Filme an, interviewte seine Großeltern und alte Lehrer, die "FDR" noch miterlebt hatten. "Ich wollte mich in einen authentischen Roosevelt verwandeln."

Das Demokraten-Idol, auf das sich selbst George W. Bush neuerdings immer häufiger beruft, hinterließ bei Cariello einen prägenden Eindruck. So prägend, dass er schon während des Jurastudiums in die Politik schnüffelte - allerdings bei den Republikanern, denn das war die Ära der Endlosskandale Bill Clintons. Er rackerte nebenher als Wahlhelfer eines (erfolglosen) Senatskandidaten und Freiwilliger beim Wahlparteitag 2000; im Februar 2001 stieg er in die Jungrepublikaner-Spitze auf.

Für Brownell und Butler waren es die Terroranschläge des 11. September 2001, die sie zum aktiven Parteieintritt bewegten. "Politik ist mein Lieblingshobby", sagt Autor Brownell, der gerade ein Kinderbuch über den US-Bürgerkrieg und Abraham Lincoln geschrieben hat, "den großartigsten aller Republikaner". Lynn Krogh half schon als Kind ihrem Vater, einem Lokalpolitiker, beim Wahlkampf, indem sie Briefumschläge leckte: "Ich liebe es, hinter den Kulissen eine wichtige Rolle zu spielen."

Bush ist wie Hillary

Oft naiv in ihrem unverdorbenen Idealismus, sind sie aber mitnichten die Pitbulls, als die sich ihre Parteiälteren in Washington oft gerieren. Sie ziehen die gepflegte Debatte vor; jeden letzten Donnerstag im Monat etwa laden sie ihre demokratischen Gegenspieler zu einer freundlichen Tischrunde in ein Restaurant.

Das wird in diesen Wahlkampftagen aber natürlich zur brenzligen Angelegenheit. "Noch nie in meinem Leben stand so viel auf dem Spiel", sagt Krogh. "Wir werden nicht zulassen, dass Bush verliert." Bloß keine Sorge, beruhigt sie Brownell: "Bush wird Präsident bleiben."

Bush begeistert sie wie am ersten Tag: "klare Message" (Cariello), "starker Führer" (Brownell), "gibt mir Sicherheit" (Krogh). Dessen Popularitätskrise räumen sie zwar ein, verteidigen ihn jedoch mit einem unerwarteten Vergleich: Bush ähnele nicht seinem Vater oder Jimmy Carter, die die Wiederwahl verloren - sondern der Demokratin Hillary Clinton, als die sich erfolgreich ums Senatsamt bewarb. "Sie hatte eine Vision", sagt Cariello. "Die einzige Message ihres republikanischen Gegners Rick Lazio war: Egal wer, nur nicht Clinton. Das war nicht genug." Und wie Lazio werde auch der "Anti-Bush" John Kerry im November verlieren.

Schwulenfreundliche Parteisoldaten

Gegen den Demokraten Kerry haben sie eine fast physische Aversion. "Brrrrrrrrr", sagt Krogh und schüttelt sich. "Wenn der Präsident wäre, hätte ich Angst um die Zukunft meiner Kinder." Der Mann "sagt alles, um allen zu gefallen", "hat keine Entschlusskraft" und "ist ein Flipflop-Kandidat", wie Cariello die offizielle Wahlkampflinie perfekt nachbetet.

Doch nicht überall sind die vier Freunde auf Parteilinie. Es gibt Themen, da platzt ihnen der Kragen, und zwar so gewaltig, dass sie sich damit nicht individuell zitieren lassen wollen. "Völlig angeschissen" fühlen sie sich etwa von der republikanischen Kampagne gegen die Schwulenhochzeit und Bushs Vorstoß zu einem Verfassungszusatz, der gleichgeschlechtliche Ehen landesweit verbieten soll. Auch die protektionistische Handelspolitik des Weißen Hauses schmeckt ihnen nicht besonders.

Letztendlich aber sind das für sie nur Nebenkriegsschauplätze, wo sie gerne Kompromisse machen. In den "wichtigsten Sachen" sind sie treue Parteisoldaten: Wirtschaft, Innere Sicherheit, Krieg. Selbst die verfahrene Lage im Irak kann sie da nicht irritieren. "Ja klar, wir haben Rückschläge erlitten", sagt Brownell. "Aber wir können doch nicht bei jedem Rückschlag den ganzen Plan in Frage stellen." Die negative Stimmung sei ohnehin eine Verzerrung der US-Medien: "Schlechte News verkaufen sich besser."

Nachwuchsschmiede der Partei

Dass sie damit zunehmend gegen den Meinungsstrom auch in den USA schwimmen, stört sie nicht. "Wir sind es gewohnt, in der Minderheit zu sein", grinst Krogh. So waren New Yorks Jungrepublikaner noch vor drei Jahren auf ein Dutzend Mitglieder verkümmert. Heute sind es wieder über 300. "Wir sind die Nachwuchsschmiede der Partei", sagt Krogh.

Alles in allem: An Bush keine Zweifel. "Die Geschichte behandelt die Menschen freundlicher, als dies ihre Zeitgenossen tun", weiß Hobbyhistoriker Brownell. Und dann wagt er eine Prognose, die zumindest aus heutiger Sicht verwegen scheint: In 20 Jahren, sinniert Cariello voller Vorfreude, werde George W. Bush "nach seiner Weisheit gemessen werden".