Republikaner Christie unter Druck Riesenärger nach dem Superstau

Das Weiße Haus hat Chris Christie eigentlich fest im Blick - doch nun schlingert der Republikaner durch die "Bridgegate"-Affäre. Im Skandal um einen provozierten Megastau bezichtigt ihn ein Ex-Gefolgsmann der Unwahrheit, Christie dementiert. Der Druck auf den Polterer wächst.

REUTERS

Von , Washington


Was hatte dieser Mann für einen Lauf! Im eher linksliberalen New Jersey bestätigten sie Chris Christie, den Republikaner, neulich im Amt des Regierungschefs: 60,3 Prozent der Stimmen - ein fulminantes Ergebnis. Schon schien der 51-Jährige als Hoffnungsträger für die Präsidentschaftswahl 2016. Im letzten Jahr brachte das "Time"-Magazin Christies Konterfei auf den Titel. Darunter die zwei Worte, die sonst für Musiklegende Bruce Springsteen reserviert sind, in Versalien: "THE BOSS".

Und dann kocht plötzlich diese Sache mit der Brücke hoch. Eine Lokalposse, irgendwie. Aber für Christie, den potentiellen Präsidentschaftskandidaten: viel mehr. Der bisherige Höhepunkt schließlich an diesem Freitagabend. Ein Ex-Gefolgsmann und Schulfreund namens David Wildstein bezichtigt Christie der Unwahrheit.

Aber der Reihe nach. Die Geschichte von der Brücke beginnt im September, als ohne Vorankündigung tagelang zwei Zufahrtspuren der 14-spurigen George Washington Bridge gesperrt werden. Die Folge: ein Megastau. Fünf Monate später, im Januar, kommt raus, dass wohl eine politische Racheaktion aus Christies Umfeld dahintersteckt. Der Bürgermeister eines Vororts hatte Christie die Unterstützung versagt - dafür wurde sein Städtchen lahmgelegt. Seitdem hat der Skandal einen Namen: "Bridgegate".

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US-Gouverneur Chris Christie: Stauskandal vor Gericht
Der "Boss" versicherte prompt, er habe damit nichts zu tun - und griff kräftig durch: Seine in die Affäre verwickelte Vizestabschefin Bridget Anne Kelly feuerte er nicht nur, sondern beschimpfte sie in Funk und Fernsehen auch noch als "hinterlistig" und "dumm". Den bei der Hafenbehörde für die Brückensperrung zuständigen David Wildstein - exakt, eben jenen Schulfreund von eben - putzte Christie öffentlich herunter:

"Lasst mich mal bitte was klarstellen, ja? In Sachen meines sogenannten Schulfreunds David Wildstein. Wahr ist, dass ich David 1977 in der Highschool kennengelernt habe. Wir waren keine Freunde, wir waren nicht mal Bekannte. Wir waren nicht in denselben Kreisen unterwegs. Ich war Jahrgangstufensprecher und Athlet. Keine Ahnung, was David damals gemacht hat."

Im Klartext: David, du Wicht. Vielleicht hätte Christie, der das Angebot von YouTube schon durch eine ganze Reihe ähnlich kraftmeierischer Auftritte bereichert hat, das nicht sagen sollen. Denn nun schlägt David Wildstein zurück. Am Freitag hat die "New York Times" einen Brief veröffentlicht, den der Anwalt Wildsteins an die Hafenbehörde geschrieben hat. Darin fordert er die Übernahme der Gerichtskosten seines Mandanten, macht ein paar Andeutungen über Korruption in New Jersey und knöpft sich dann am Ende den Gouverneur selbst vor:

"Es ist ans Licht gekommen, dass eine Person aus der Christie-Regierung (Bridget Anne Kelly - d. Red.) die Anweisung der Christie-Regierung zur Schließung bestimmter Spuren auf der George Washington Bridge weitergegeben hat; und genauso existieren Beweise, dass Mr. Christie von den Spursperrungen wusste während der Zeit, als sie geschlossen waren - im Gegensatz zu dem, was er öffentlich gesagt hat."

Im Klartext: Chris, du Lügner. Christie weiß jetzt, dass es nicht mehr nur um eine Brücke und einen Imageschaden geht. Jetzt kratzt jemand an seiner politischen Karriere. Auf CNN redet der zu gepflegter Hysterie neigende Chefmoderator Wolf Blitzer von einer "potentiellen politischen Bombe". Christie reagiert, lässt ein Statement veröffentlichen:

"Mr. Wildsteins Anwalt bestätigt das, was der Gouverneur die ganze Zeit gesagt hat: Dass er von den gesperrten Spuren vorher nichts wusste."

Obacht, da muss man genau hinschauen: Christie unterstellt etwas, das Wildstein nicht behauptet. Denn im Brief des Anwalts geht es ja nicht um die Zeit vor, sondern während der Sperrungen.

Christie selbst hatte auf Pressekonferenzen bisher versichert, er habe aus den Medien von der Brücke erfahren; und erst, "nachdem es vorbei war". Da habe man ihm gesagt, Ursache sei eine "Verkehrsstudie". Im Januar habe er dann in der Presse gelesen, dass seine eigenen Leute dahintersteckten (Lesen Sie hier ein SPIEGEL-Porträt über Christie).

Nächste Frage: Was eigentlich meint Wildstein genau? Dass Christie von der Tatsache der Sperrungen wusste? Oder dass er schon während der Maßnahme von der echten Motivation für diese Sperrung wusste?

Komplizierte Erbsenpickerei. Genau die aber wollte Wildstein möglicherweise provozieren. Denn kurz vor Christies großem Wochenende - am Sonntag steigt der Super Bowl erstmals in "seinem" New Jersey - hat er seinen Ex-Schulkameraden gehörig in die Bredouille gebracht. Und zwar ohne einen einzigen Beweis vorzulegen. Wildstein hat einen Verdacht gestreut, der in den nächsten Tagen blühen soll. In dem Brief findet sich noch ein weiterer Vorwurf, der ebenfalls vage ist:

"Mr. Wildstein bestreitet die Richtigkeit verschiedener Statements, die der Gouverneur über ihn gemacht hat, und er kann die Ungenauigkeit in einigen Fällen beweisen."

Das mag alles oder nichts heißen. Christies Reaktion: Auch die "anderen Behauptungen" Wildsteins weise er zurück. Der US-Rechtsexperte Jeffrey Toobin vermutet, dass Wildstein mit seinen Andeutungen einen Köder ausgelegt habe: Von den im Brücken-Fall ermittelnden Behörden wolle er wohl Immunität erlangen, im Gegenzug für seine Aussage und die angeblichen Beweise.

Sollte es so weit kommen und Wildstein wirklich liefern, dann könnte es richtig eng werden für Christie.



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regentrude 01.02.2014
1. Kann gut sein...
...dass der Typ trotzdem irgendwann Präsident wird. Eins ist jedenfalls sicher: Ein integrer Mensch wird's nie. Integre Menschen haben gar nicht das Geld, die Kaltschnäuzigkeit und den Killerinstinkt dazu, sich in der Politik hochzuboxen. Eher noch wird ein integrer Mensch Papst (ist vielleicht schon passiert :-)). Die Politik züchtet selbst den Abschaum, den sie dann bei Skandalen ab und zu wegpustet -- nur damit neuer Abschaum nachrücken kann.
cmann 01.02.2014
2. Christie verkörpert leider
Zitat von sysopREUTERSDas Weiße Haus hat Chris Christie eigentlich fest im Blick - doch nun schlingert der Republikaner durch die "Bridgegate"-Affäre. Im Skandal um einen provozierten Megastau bezichtigt ihn ein Ex-Gefolgsmann der Unwahrheit, Christie dementiert. Der Druck auf den Polterer wächst. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-republikaner-chris-christie-wegen-brueckenskandal-unter-druck-a-950509.html
den Typus "hässlicher Amerikaner", hemdsärmelig, populistisch, brutal und rachsüchtig und anscheinend auch "nicht ganz ehrlich". Dazu sehr "eindimensional" wenn es um die Darstellung oder Beurteilung von vielschichtigen Problemen geht. Christie im weißen Haus wäre ein George W. Bush hoch zwei, also lieber hoffen, dass "der" uns erspart bleibt!
vwl_marlene 01.02.2014
3.
Zitat von cmannden Typus "hässlicher Amerikaner", hemdsärmelig, populistisch, brutal und rachsüchtig und anscheinend auch "nicht ganz ehrlich". Dazu sehr "eindimensional" wenn es um die Darstellung oder Beurteilung von vielschichtigen Problemen geht. Christie im weißen Haus wäre ein George W. Bush hoch zwei, also lieber hoffen, dass "der" uns erspart bleibt!
Wie kommen Sie zu dieser Einschaetzung? Mir scheinen es vor allem die Tea-Prty-Anhaenger innerhalb der Repblikanischen Partei zu sein, die Christie als Praesidentschaftskandidaten verhindern wollen.
gorkamorka 01.02.2014
4.
Zitat von vwl_marleneWie kommen Sie zu dieser Einschaetzung? Mir scheinen es vor allem die Tea-Prty-Anhaenger innerhalb der Repblikanischen Partei zu sein, die Christie als Praesidentschaftskandidaten verhindern wollen.
Christie ist bei den christlichen Fundamentalisten im bible belt absolut unwählbar. Der wird nie auch nur in die Nähe der Präsidentschaft kommen. Nach den Republikaner-Vorwahlen im Bauernstaat Iowa ist Schluss mit seinen Ambitionen.
gandhiforever 01.02.2014
5. Christie is Toast
Zitat von sysopREUTERSDas Weiße Haus hat Chris Christie eigentlich fest im Blick - doch nun schlingert der Republikaner durch die "Bridgegate"-Affäre. Im Skandal um einen provozierten Megastau bezichtigt ihn ein Ex-Gefolgsmann der Unwahrheit, Christie dementiert. Der Druck auf den Polterer wächst. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-republikaner-chris-christie-wegen-brueckenskandal-unter-druck-a-950509.html
Nicht nur, weil seine Statements zu Bridgegate nicht mehr die gleichen sind. Es macht einen grossen Unterschied, ob er erst aus den Medien nachtraeglich von dem Skandal erfahren hat oder bereits als dieser ueber die Buehne ging (und er nichts unternahm) oder gar schon vorher. Er hat ja auch gelogen, als er sagte, dass er und Wildstein sich kaum kennen, keine Bekannten sind. Gestern hat er sich vergnuegt, auf der Geburtstagsfeier von Howard Stern. Da wollte er wohl zeigen, wie "liberal" er ist, doch duerfte das nichts bringen. Bringen duerfte schon eher etwas die groesste Tageszeitung von NJ, der Star-Ledger aus Newark, die ihn noch im Herbst letzten Jahres zur Wiederwahl empfahl. Nun raet das Blatt dem Bully, er solle zuruecktreten (einem Impeachment aus dem Weg gehen), sollte sich seine Mitwisserschaft bewahrheiten. Und diese Mitwisserschaft hat Christie ja nun zugegeben in dem Statement, dass er vor der Sperrung von Fahrspuren nichts ueber diesen Plan gwusst habe. Ein Rechtsprofessor empfiehlt dem Bully schon, sich einen Strafverteidiger zu suchen.
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