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31. August 2012, 12:47 Uhr

Kommentar

Romney verhebt sich an Reagans Erbe

Aus Tampa, Florida, berichtet

Geht es euch wirklich besser als vor vier Jahren? Mit dieser simplen Frage schaffte es Ronald Reagan einst ins Weiße Haus. Mitt Romney stellte in der wichtigsten Rede seines Lebens dieselbe Frage - doch lieferte er keine eigene Vision.

Als Ronald Reagan 1980 Amtsinhaber Jimmy Carter herausforderte, waren viele Amerikaner mäßig beeindruckt: Reagan galt als ein zweitklassiger Schauspieler, nicht gerade eine intellektuelle Leuchte, geschieden war er noch dazu. Und nun sollte er Carter gefährlich werden, dem studierten Atomphysiker, der Friedensabkommen im Nahen Osten vermittelt hatte und ernsthafte Debatten über Amerikas Energiewende anstieß?

Doch Reagan gewann, weil er den Amerikanern eine simple Frage stellte. Sie lautete: "Sind Sie heute besser dran als vor vier Jahren? Gibt es mehr oder weniger Arbeitslosigkeit?" Die Amerikaner blickten nicht in den Nahen Osten, sie schauten auf ihre Jobstatistik daheim, auf die steigende Inflationsrate, die Verzagtheit einer Nation, die in der Geiselnahme von US-Diplomaten in Teheran ihren Höhepunkt fand. Sie antworteten "Nein" auf Reagans Frage und wählten den Ex-Schauspieler in die Rolle seines Lebens.

Mitt Romney hat am Donnerstagabend beim Republikaner-Parteitag in Tampa versucht, das Erbe von Ronald Reagan anzutreten, immer noch die größte Ikone der US-Konservativen. Auch der aktuelle Präsidentschaftskandidat stellte in seiner rund 45 Minuten langen Rede eigentlich nur eine Frage: Hat Obama seine Versprechen aus dem Jahr 2008 eingehalten, seine grandiosen Visionen von "Hope" und "Change"? Hat er sichergestellt, dass es den Amerikanern besser geht?

Hat er nicht, lautete natürlich Romneys Fazit - gipfelnd in dem höhnischen Satz: "Obama versprach, dem Ansteigen der Ozeane Einhalt zu gebieten, er hat versprochen, den Planeten zu heilen. Mein Versprechen lautet nur: Ich werde versuchen, Ihnen und Ihrer Familie zu helfen."

Ausschließlich Obamas Versagen angeprangert

Wie grandios Obama mit seinen Projekten gescheitert sei, ratterte Romney pflichtbewusst herunter. Der Benzinpreis liege höher als vor vier Jahren, die Arbeitslosenquote und Amerikas Schulden sowieso. Die einst stolzeste Nation der Welt ist nach Romneys Befund mittlerweile Milchstraßen entfernt von jenem uramerikanischen Aufbruchsgeist, den der jüngst verstorbene Weltraum-Columbus Neil Armstrong verkörperte.

Aber kann jemand einen Amtsinhaber stürzen, indem er ausschließlich dessen Versagen anprangert?

Das ist in Romneys Fall nicht nur schwierig, weil vielen Amerikanern noch in Erinnerung ist, dass die aktuelle Krise ihres Landes unter Obamas Vorgänger George W. Bush begann, selbst Romneys Vize Paul Ryan musste dies am Mittwoch einräumen.

Vor allem aber vergaß Romney den zweiten Teil von Reagans Appell, den wohl wichtigeren. Denn Reagan stellte nicht nur eine Frage, er bot mit seinem sonnigen Wesen auch gleich eine Antwort. Sie lautete: Während meiner Präsidentschaft wird die Sonne in Amerika wieder aufgehen - wie Reagan 1984 in seinem legendären Wiederwahl-Werbespot "It's Morning Again in America" selbstgefällig resümierte. Der Spot zeigte lauter glückliche Hochzeitspaare, zufriedene Hausbesitzer und stolze Patrioten.

Auch Romney sprach in Tampa über Stolz auf und Liebe für Amerika, seine Entschlossenheit, dem Land wieder auf die Sprünge zu helfen. Doch er klang dabei meist so wenig überzeugend wie vor kurzem bei einem Wahlkampfauftritt, als er beteuerte, Michigan zu lieben, weil die Bäume dort die richtige Höhe hätten.

Amerikaner wollen aber, wenn sie über einen Präsidenten abstimmen, nicht bloß hören, was der Amtsinhaber falsch gemacht hat. Sie wollen auch wissen, was der mögliche Nachfolger besser machen will. Und wie er dies wirklich zu tun gedenkt. Was ihn antreibt.

Romney zählte zwar pflichtbewusst einen "Fünf-Punkte-Plan" für seine Präsidentschaft auf, gekrönt von einem Versprechen, zwölf Millionen Arbeitsplätze zu schaffen (wie genau?). Er versprach den Amerikanern "success stories", Erfolgsgeschichten - als trage er eine Powerpoint-Präsentation vor wie einst als Unternehmensberater. So klang er eher wie der Bewerber für einen CEO-Job als wie ein amerikanischer Visionär.

Reagans Vision war kitschig - aber sie kam an

Reagan versprach 1980 hingegen nicht weniger, als die Sonne wieder heller scheinen zu lassen. Solche Visionen mögen uns Europäern kitschig erscheinen, albern gar. Aber das Amt des US-Präsidenten ist nicht einfach ein Job. Der mächtigste Mann der Welt ist für viele Amerikaner eine Art Familienmitglied - jemand, der nicht einfach einen "guten Job" macht. Sondern der im Idealfall ihr Land in ein besseres verwandelt.

Reagan gelang es, diesen Aufbruchsgeist zumindest zu vermitteln, allen seinen Schwächen zum Trotz. Bill Clinton schaffte Ähnliches, als er 1992 dem außenpolitischen Helden George H. W. Bush seinen innenpolitischen Slogan "It's the economy, stupid" entgegenhielt - und vor allem keinen Zweifel an seiner positiven Vision für Amerika ließ. Clintons Parteitag stand unter dem Motto: "Der Mann aus Hope". So hieß seine Heimatstadt in Arkansas, aber so lautete auch das Motto seiner Kandidatur.

Clinton war ein Reagan-Erbe auf der Linken. Er war bislang auch der letzte Kandidat, der einen amtierenden US-Präsidenten abgelöst hat. Romney hat es versäumt, sich als würdiger Reagan-Erbe auf der Rechten zu erweisen, zumindest an diesem Donnerstagabend in Tampa.

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