TV-Debatte der US-Republikaner Ein bisschen Weltkrieg in Las Vegas

Angst und Krieg überall: In Las Vegas lieferten die US-Republikaner eine perfekt inszenierte Endzeit-Show. Blass blieb ausgerechnet Donald Trump - außer, als er über Atomschläge gegen den IS sinnierte.

DPA

Aus Las Vegas berichtet  


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Eine Stunde dauert es, bis sie sich endlich so richtig in den Haaren haben. Angestachelt vom Moderator, fallen sich Donald Trump und Jeb Bush ins Wort, beschimpfen sich. "Rede ich oder redest du, Jeb?", bellt Trump. "Jetzt rede ich", bellt Bush zurück. "Donald, du wirst dir den Weg ins Weiße Haus nicht mit Beleidigungen bahnen."

Es ist ein alberner, kindischer Moment - und genau der, auf den alle gewartet haben: Das Duell des Spitzenreiters und des Ausgebremsten, des unverschämten New Yorker Multimilliardärs und des strauchelnden Erben der größten Polit-Dynastie Amerikas. Wer würde übrig bleiben?

Am Ende der jüngsten TV-Präsidentschaftsdebatte der US-Republikaner stehen beide noch - wenn auch gleichermaßen angeschlagen. Das dürfte die Quotenjäger, Schlagzeilendichter und politischen Junkies freuen: Das Gezanke wird also weitergehen - und der Zirkus auch.

Der fünfte Schlagabtausch der neun verbliebenen Top-Kandidaten findet diesmal im Spielerparadies Las Vegas statt. Darin steckt viel Ironie: Las Vegas, die Welthauptstadt der Zocker, der Illusion, der perfekt inszenierten falschen Tatsachen - ein besserer Schauplatz für eine Republikaner-Debatte lässt sich kaum finden.

Denn oberflächlich geht es zwar auch in dieser langen Nacht erst mal nur um Trump, Trump, Trump: seine absurden Forderungen, seine rassistischen Groupies, seinen unaufhaltsamen Aufstieg. Doch dann offenbart die Debatte noch etwas viel Düsteres - nämlich, wie schamlos die Amerikaner bei diesem Wahlkampf betrogen und belogen werden.

"Amerika befindet sich im Kriegszustand"

So was ist in der Politik natürlich üblich. Doch selten wird es so deutlich wie hier: Die gesamte Show beruht, wie der gesamte US-Wahlkampf auch, auf fiktiver Angstmache - fleißig propagiert vom Veranstalter CNN (der Quoten wegen) und den Teilnehmern (der Stimmen wegen). Die gemeinsame Marschrichtung gibt CNN-Anchor Wolf Blitzer schon gleich zu Anfang aus, mit bebender Stimme: Die USA stünden "unter der größten Terrorbedrohung seit 9/11".

Sicher: Seit der letzten TV-Debatte, die längst jeder vergessen hat (Mindestlohn? War da was?), ist einiges passiert. Die Terroranschläge von Paris und San Bernardino haben auch die USA über Nacht in eine geradezu absurde Krisen- und Kriegstimmung gestürzt. Wie absurd, das zeigt sich wenige Stunden vor Beginn der Live-Show aus Las Vegas, als Los Angeles alle Schulen dichtmacht - aufgrund einer angeblichen Bombendrohung, die sich als dummer Scherz entpuppt.

Egal: Munter erklären die Kandidaten den neuen Weltkrieg. "Amerika befindet sich im Kriegszustand", tönt Ted Cruz. "Ganz Amerika ist eine Zielscheibe", sekundiert Chris Christie. "Unsere Freiheit ist bedroht", ruft Bush. "Ich denke an Atomwaffen", sinniert Donald Trump, der die Terrormiliz "Islamischer Staat" am liebsten mit nuklearen Mitteln auslöschen will: "Die Schlagkraft und die Zerstörung sind mir sehr wichtig."

Im dritten Weltkrieg sind eben alle Mittel recht. Das Militär wollen sie wieder hochrüsten, die Grenzen abschotten, alle Flüchtlinge in Lager sperren. Carly Fiorina, als Chefin des Computerkonzerns HP gefeuert, bietet die Hilfe des Silicon Valleys bei der Totalüberwachung aller Amerikaner an. Trump will das Internet gleich ganz sperren, und der bombastische Tea-Party-Senator Cruz schlägt vor, den IS "flächendeckend zu bombardieren".

Da grölt das Saalpublikum aus handverlesenen Funktionären, Aktivisten und Geldgebern der Partei. Man möge es ihnen nachsehen: Der Sinn für Realität und Fiktion geht einem hier schnell verloren.

Zwischen Fantasy und Science Fiction

Vor allem an einem Ort wie diesem: Die Debatte findet im luxuriösen Casino-Hotel Venetian statt, das zum zweitgrößten Hotelkomplex der Welt gehört. Erbaut vom Multimilliardär Sheldon Adelson, einem Top-Finanzier konservativer Politiker, ist es eine groteske Venedig-Kopie - samt falschem Canale Grande, Campanile und trällernden Gondolieren.

Die Täuschungsmanöver setzen sich fort auf der Bühne des barocken Venetian-Theaters, das eigens fürs "Phantom der Oper" gestaltet wurde und auf dem die Kandidaten nun herumstehen wie Figuren eines vorweihnachtlichen Krippenspiels. Im Medienzentrum nebenan servieren sie Popcorn, als wohne man einer Blockbuster-Premiere bei.

Nicht ganz falsch: Am Ende landet diese Debatte irgendwo zwischen Fantasy und Science Fiction. Action gibt es genug: Nicht nur Trump und Jeb zoffen sich, auch Cruz und sein Senatskollege Marco Rubio. Und wer hat gewonnen? Glaubt man den Kandidaten, die nach fast zweieinhalb Stunden vor eine gierige Reportermeute treten: jeder.

Beseelt strömen die Zuschauer aus dem Theater - und direkt ins klimpernde Spielcasino des Venetians. Irgendwo trällert immer noch ein falscher Gondoliere: "O sole mio." Was für eine Show.


Zusammengefasst: Beim fünften TV-Duell der US-Republikaner ging es vor allem um die Bedrohung durch den Terror. Die Kandidaten forderten drastische Maßnahmen gegen Islamisten. Auch das Fernsehen macht für die Quote mit bei den Horror-Szenarien. Favorit Donald Trump, der diese Themen bisher gezielt für seinen Wahlkampf einsetzt, konnte trotzdem nicht so recht überzeugen.

Video: Donald Trump - "Einige meiner besten Freunde sind Muslime"

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Thomas Meyer 16.12.2015
1.
Da grölt das Saalpublikum aus handverlesenen Funktionären, Aktivisten und Geldgebern der Partei. Man möge es ihnen nachsehen: Der Sinn für Realität und Fiktion geht einem hier schnell verloren. Kicher, kommt mir bekannt vor.
jjcamera 16.12.2015
2. Nicht ausgeschlossen...
Obwohl man sich über die Kandidaten der Republikaner amüsieren kann, ist die Wahrscheinlichkeit, dass einige der hier angedachten Lösungsvorschläge (Einreiseverbot, Aufrüstung) nach der Wahl in die Tat umgesetzt werden. Frau Clinton hat nicht das Vertrauen der Amerikaner. Es wird wohl einer dieser Debattenteilnehmer werden. Die Amerikaner setzen auf Waffen, Abschottung, Gewaltlösungen und Kriege, die sie am liebsten im Ausland führen. Und Trump ist in dieser Hinsicht der typische Amerikaner.
pallmall78 16.12.2015
3. Huch!
Ich dachte beim Lesen die ganze Zeit, dass es hier um den CDU-Parteitag in Karlsruhe ginge. Ganz besonders an der Stelle mit den grölenden Aktivisten ohne Realitätssinn. Seltsam wie zwei Dinge, die so gleich aussehen, so verschieden beschrieben werden können...
windpillow 16.12.2015
4. Eine Nation? - Nein, ein Irrenhaus!
Es ist nicht zu glauben, was da in Amerika gerade abläuft. Und die Hoffnung, daß es ein Demokrat/eine Demokratin schafft, schwindet von Tag zu Tag.
muellerthomas 16.12.2015
5.
Zitat von windpillowEs ist nicht zu glauben, was da in Amerika gerade abläuft. Und die Hoffnung, daß es ein Demokrat/eine Demokratin schafft, schwindet von Tag zu Tag.
Wie kommen Sie darauf? Clinton liegt doch in allen Umfragen vorne und der Vorsprung ist zuletzt eher gewachsen. http://www.realclearpolitics.com/epolls/2016/president/us/general_election_trump_vs_clinton-5491.html
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