US-Reservisten Auf der Flucht vor Uncle Sam

Die US-Armee bereitet sich auf lange Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan vor. Dazu mobilisiert sie so viele Reservisten wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Doch immer mehr Soldaten wehren sich. Fast 2000 Reservisten verweigern inzwischen den Dienst.


Berlin - "Ich bin durch. Ich bin verheiratet und Vater eines neu geborenen Babys. Ich habe seit sieben Jahren nicht mehr das Steuer eines Helikopters angefasst. Ich bin jetzt 47 Jahre alt. Wie kommen die auf mich? Wieso sollten die ausgerechnet mich brauchen?" Rick Howell, Major Rick Howell, hat Post bekommen. Er soll seine Frau Tina und seinen zwei Monaten alten Sohn Clayton verlassen und in den Krieg ziehen. "Dabei bin ich doch Zivilist. Ich habe nicht einmal mehr eine Uniform", sagt er.

US-Reservisten: Verpflichtung im Kleingedruckten
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US-Reservisten: Verpflichtung im Kleingedruckten

Howell, dessen Fall die "New York Times" schildert, musste die Armee vor sieben Jahren verlassen, weil seine Einheit verkleinert wurde. Der Mann aus Tuscaloosa, Alabama, war damals lädiert vom Hubschrauber-Fliegen: kaputter Rücken, kaputte Knie, kaputte Ellenbogen. Im Kleingedruckten seiner Entlassungspapiere stand etwas von einer weiteren Verpflichtung. Das sei unbedeutend, habe man ihm damals gesagt: "Es geht nur darum, dass Sie für unsere Verwaltung weiter in den Büchern auftauchen."

Doch die werden nun wieder aufgeschlagen. Die US-Armee kämpft weltweit im Krieg gegen den Terror, nicht nur im Irak und in Afghanistan. Dazu braucht sie Soldaten, immer mehr, weil es immer mehr Einsätze werden. Und weil Hunderte von ihnen in den Kämpfen sterben. Deswegen mobilisiert die Armee derzeit so viele Reservisten wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Es sind vor allem Tausende Teilzeit-Soldaten der Reserve und der Nationalgarde, die seit drei Jahren eingezogen werden. Aber die reichen offenbar nicht mehr aus.

US-Truppen im Irak: Große Herausforderungen für die Soldaten
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US-Truppen im Irak: Große Herausforderungen für die Soldaten

Jetzt geht es an die Notreserve, die "Individual Ready Reserve". 110.000 Mann gehören diesem Korps ehemaliger Soldaten an. Die US-Armee will 4.400 von ihnen bis März in den Krieg schicken - bis Ende nächsten Jahres wahrscheinlich noch einmal so viele. Sie sollen im Irak und in Afghanistan für Nachschub sorgen, Lastwagen fahren und Panzer betanken. Das sind gefährliche Jobs. Gerade die leicht bewaffneten Versorgungstruppen werden oft angegriffen.

Die ehemaligen Soldaten sind völlig unvorbereitet, deren aktive Zeit liegt meist lange zurück: Die US-Armee kann sie bis zu acht Jahre nach Dienstende wieder einziehen, was aber bislang sehr selten geschah. Sie bezahlt die Reservisten nicht weiter und schult sie auch nicht mehr militärisch. So werden die Männer und Frauen zu Zivilisten: Manager, Fensterputzer und Krankenschwestern - und vergessen ihr militärisches Leben.

Die Reservisten erscheinen einfach nicht

Wie bei Todd Parrish, dessen Fall ebenfalls in der New York Times geschildert wird. Er dachte zuerst, der Brief vom Militär sei ein Fehler der Verwaltung. In vier Jahren Studium bei der Armee hatte es der 31-Jährige aus Cary/North Carolina zum Offizier der Feldartillerie gebracht, danach ging er, wurde Ingenieur. Jetzt soll er sich in seiner Kaserne melden, um in den Krieg zu ziehen. Deswegen klagt er gegen die Armee, argumentiert, seine Verpflichtung sei im Dezember letzten Jahres ausgelaufen. Solange das Verfahren läuft, wird sein Einberufungstermin Monat um Monat verschoben. Solange wird er sich dort nicht blicken lassen.

Wie viele ehemalige Soldaten in seiner Situation. Von den rund 2.500 Männern und Frauen, die sich am 7. November in den Kasernen melden sollten, erschienen 733 einfach nicht. Und von den 4.000 ehemaligen Soldaten, deren Einberufungstermin noch aussteht, haben bereits 1.800 Ausnahmeregelungen beantragt. Viele haben Anwälte eingeschaltet. Sie wollen nicht in den Krieg.

Brennender US-Truck im Irak: Besonders oft angegriffen
REUTERS

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Das bringt die Armee in Versorgungsschwierigkeiten, weil tausende der einfachen Jobs mit Einsatztruppen besetzt werden müssen, die dann anderswo fehlen. Doch eine Sprecherin wiegelt gegenüber der "New York Times" ab: Das Problem betreffe nur eine kleine Zahl von Soldaten und die Verweigerung sei nichts Neues. Im ersten Golfkrieg 1991 sollten 20.000 ehemalige Soldaten mobilisiert werden, eingesetzt wurden nur 14.400. Damals dauerten die Einsätze im Schnitt aber nur vier Monate. Nun sollen die ehemaligen Soldaten ein volles Jahr eingesetzt werden.

"Ich will Dich für die U.S. Armee": Klassisches Rekrutierungs-Poster der US-Armee aus dem Zweiten Weltkrieg
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Deswegen ist die Armee hinter jedem einzelnen der ehemaligen Soldaten hinterher, der nicht zu seinem Termin erscheint. Vor wenigen Wochen hieß es noch, sie sollten bestraft werden, mittlerweile schlägt die Armee verständnisvollere Töne an. "Die Einsätze sind große Herausforderungen für die Soldaten", sagt eine Sprecherin.

Immerhin: Ein Versorgungsproblem hat die Armee bereits ohne die Reservisten gelöst. Vor einigen Wochen hieß es noch, man brauche Hornisten, Klarinettisten, Saxophonisten und Bassisten für die Militärbands in den Einsatzgebieten - am besten aus den Reihen der Ehemaligen. Kongressabgeordnete intervenierten, dafür müsse man doch niemanden aus seinem zivilen Leben reißen. Die Armee hat für die musikalischen Einsätze genügend Freiwillige gefunden.

David Costanzo



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