US-Richterin Shirley Kram "Notorisch eigenwillig"

Mit ihrer Entscheidung, die Sammelklagen ehemaliger Zwangsarbeiter gegen deutsche Banken nicht abzuweisen, hat die New Yorker Bundesrichterin Shirley Kram die Auszahlung der Entschädigungsgelder verzögert. In Juristenkreisen gilt die 78-Jährige schon lange als "notorisch eigenwillig".


US-Richterin Kram: Blonder Wuschelkopf und Kommandoton
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US-Richterin Kram: Blonder Wuschelkopf und Kommandoton

New York - Die amerikanische Bundesrichterin Shirley Wohl Kram ist hinlänglich für ihre "unabhängigen Entscheidungen" bekannt, sagen Anwälte in New York. Mit ihrem Beschluss, die Sammelklagen gegen deutsche Banken nicht abzuweisen, stieß die 78-Jährige in den USA wie in Deutschland überwiegend auf Befremden.

Shirley Kram ist eine kleine, zarte Person mit blondem Wuschelkopf und lebhafter Gestik. Mit ihrem Kommando-Ton herrscht sie angesehene Rechtsanwälte an, kritisiert hier und da und hält den Gerichtssaal in Atem, wie kürzlich bei der Anhörung zur Sammelklage gegen deutsche Banken vor gut sechs Wochen zu beobachten war.

Eingeweihte spekulieren, dass die Richterin mit ihrer jüngsten Entscheidung zu den Sammelklagen gegen deutschen Banken eine Fehlentscheidung gegenüber österreichischen Banken vom Anfang des Jahres auszugleichen versuche. Damals hatte Kram einem Vergleich über die Entschädigungssumme von 40 Millionen Dollar zugestimmt. Diese Summe habe sich anschließend als nicht ausreichend erwiesen, hieß es aus Kreisen in New York, die nicht genannt werden wollten.

Aus dem Almanach der amerikanischen Bundesrichter geht hervor, dass Shirley Wohl Kram 1983 von dem ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan in das Amt gehoben wurde. Sie studierte in New York und arbeitete von 1971 bis 1983 an einem Gericht für Familienprozesse.

In dem Almanach heißt es weiter, Anwälte hätten "sehr unterschiedliche Ansichten über ihre Fähigkeiten". Im einzelnen wird ihr vorgehalten, sie habe ein "zu akademisches" Vorgehen und treffe bessere Entscheidungen in weniger komplizierten Fällen. Auf der anderen Seite wird Kram zugute gehalten, dass sie fair und professionell sei, den Gerichtssaal unter Kontrolle habe und "daran interessiert (sei), eine Lösung für ihre Fälle zu finden".



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