US-Schlammschlacht Obama unterschätzt die Gefahren des Krawallwahlkampfs

McCain war zu lang in Vietnam, und Palin ist zu jung, um zu wissen, wie aggressive Rhetorik das Klima vergiften kann. Obama war fünf, als schon einmal Hass den US-Wahlkampf regierte - und deshalb erkennt er die aktuelle Gefahr nicht, warnt SPIEGEL-ONLINE-Blogger Peter Ross Range.

Washington - Absolut irre: Ein wahrer Hurrikan an Nachrichten, Attacken und Gegenattacken hat in den vergangenen Tagen den US-Wahlkampf durcheinander gewirbelt. Da kommen selbst Politjunkies wie ich an die Grenze dessen, was sie noch verkraften können.

Es ging los mit Sarah Palin und ihren völlig haltlosen Vorwürfen gegen Barack Obama - was in den Medien ein Bombardement negativer Reaktionen provozierte, die Palins Hetze mit den schlimmsten Attacken auf die Bürgerrechtsbewegung der sechziger und siebziger Jahre verglichen.

Dann der vorläufige Höhepunkt, als sich John Lewis zu Wort meldete, einer der großen Helden eben dieser Bürgerrechtsbewegung. Er nannte McCains Wahlkampf eine "Saat von Hass und Spaltung". Lewis fühlte sich bei der aktuellen Kampagne der Republikaner an den ehemaligen Gouverneur von Alabama erinnert, George C. Wallace, der dafür verantwortlich gewesen sei, dass es in den Sechzigern ein Klima gegeben habe, das hässliche Attacken gegen unschuldige Bürger begünstigt habe.

Natürlich hat das Lager McCains diese Anschuldigungen mit selbstgerechter Empörung von sich gewiesen. Und selbst Obamas Leute fanden es notwendig, darauf hinzuweisen, dass "Senator Obama nicht der Ansicht ist, dass John McCain und sein Credo in irgendeiner Weise mit George C. Wallace und seiner Politik der Rassentrennung zu vergleichen ist". Wobei sie dann allerdings noch hinzufügten: "John Lewis hatte natürlich recht, als er die hasserfüllte Rhetorik anprangerte, von der sich ja jetzt John McCain persönlich distanziert hat."

Wir haben es hier jedenfalls mit einer doppelten Wahrnehmungslücke zu tun - zwischen den Generationen und auch geografisch. Weder McCain noch Obama können sich die Atmosphäre des Hasses und der Gewalt vorstellen, die vor allem in den Südstaaten der sechziger und siebziger Jahre die Rassenfrage bestimmte. Nicht nur, dass McCain Fragen von solch enormen sozialen Umwälzungen wie den civil rights gedanklich fern stand, als Navy-Pilot war er auch geografisch so weit weg, wie es nur ging: Er war in Südostasien stationiert, wo er in Kriegsgefangenschaft geriet.

Den Mob in Rage versetzen - und ihn dann gewähren lassen

Obama trennt - wie Palin - eine ganze Generation von dieser Ära. Auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung war er noch keine zehn Jahre alt. Als er zwölf wurde, war dieser Prozess schon so weit fortgeschritten, dass er den Sprung in die Institutionen der Politik schaffte: Die ersten Schwarzen wurden in die Rathäuser gewählt oder in das Amt des Sheriffs oder in den Kongress. Obama schreibt in seinen Büchern mit viel Mitgefühl über diese Zeit, aber er hat persönlich nichts davon selbst erlebt - und deshalb, das ist meine Überzeugung, unterschätzt er auch das düstere Erbe dieser Zeit und die Lektionen, die daraus für unsere Tage zu ziehen sind.

John Lewis gehört - wie ich - zu dieser früheren Generation. Ich kenne und schätze Lewis seit 35 Jahren. Er wird für mich immer der Mann sein, der den tragischen Protestmarsch in Selma, Alabama, anführte und dafür die meisten Schläge von der Bereitschaftspolizei einsteckte. Lewis ist für mich eine Brücke in diese Vergangenheit. Und deshalb war es auch so wichtig, dass er sich jetzt am vergangenen Wochenende zu Wort meldete und die politischen Schreihälse daran erinnerte, wie eine "giftige Sprache" zu einer "Atmosphäre des Hasses" und zu zerstörerischem Verhalten führen kann. Übrigens finde ich seine Wortwahl eher milde und nicht, wie John McCain es sieht, "jenseits von Gut und Böse".

Auch Obama liegt verkehrt, meine ich, wenn er glaubt, man könne McCain "in keiner Weise" mit George Wallace vergleichen. Das Erbe von Wallace ist nämlich genau dieses: Den Mob erst in Rage versetzen - und ihn dann gewähren lassen. Davor wollte Lewis McCain und Palin warnen. Auch sie gehen das Risiko ein, "mit dem Feuer zu spielen, das, wenn sie nicht vorsichtig sind, uns alle verschlingen kann".

In ihrer leichtfertigen Art hat Sarah Palin wieder eine Diskussion über das große Thema Rasse angezettelt, als es gerade schon in der Bedeutungslosigkeit zu versinken schien. Denn eigentlich lässt sich mit dem Etikett Rasse die globale Finanzkrise überhaupt nicht erklären. Und die Umfragen melden erstaunlicherweise, dass auch viele Weiße kein Problem damit zu haben scheinen, dass ein Schwarzer ins Weiße Haus einzieht.

Viele Kommentatoren sind sowieso der Meinung, dass die "Braunen" (sprich: Einwanderer) längst die Schwarzen als Schreckgespenst abgelöst haben. Ich glaube außerdem, dass viele Menschen sich soweit an Barack Obama gewöhnt haben, dass sie ihn nicht mehr als schwarzen Mann sehen, sondern als jemanden, der - da von Geburt weiß und schwarz - außerhalb dieser Rassendefinition steht und kühl und gelassen das moderne Amerika repräsentiert, das ja genau aus diesem ethnischen Mix besteht.

Palin hat jedoch - mit McCains tatkräftiger Unterstützung - die alten Geister wieder geweckt, indem sie Obama als einen Mann beschrieb, "der Amerika nicht so sieht, wie Sie und ich Amerika sehen". Sie will uns Obama zwar nicht als den Schwarzen verkaufen, aber doch als den Anderen. Damit spielt sie beidem in die Hände - einem latenten Rassismus und sonstigen Ressentiments.

Bleibt die Frage, ob der Tsunami der Kritik das Lager McCains so weit erschüttern kann, dass diese ihre Attacken wieder zurückfahren. Sollten sie es nicht tun, werden Palin und er fortan in Angst vor ihrem eigenen Erbe leben müssen - egal wie diese Wahl ausgehen mag.

Palins politische Positionen