US-Bürokratie 30.394.667 Blatt Papier für den Senator

Kapitol in Washington: Drei Pflanzen pro Ausleihe, sechs im Jahr
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Kapitol in Washington: Drei Pflanzen pro Ausleihe, sechs im Jahr

Von , Washington


Da haben die Deutschen immer gedacht, sie seien die Superbürokraten. Wenn auf etwas Verlass ist bei uns, dann doch darauf, dass alles seinen geordnet-geregelt-geplanten Gang geht. Und jetzt kommen die Amerikaner und wollen uns in Sachen Regelwut den Rang ablaufen.

Wie sehr die USA in dieser Beziehung aufgeholt haben, das zeigt das "Handbuch des Senats", in dem auf knapp 400 Seiten im Detail aufgeführt ist, wie das Geschäft zu laufen hat in der oberen US-Kongresskammer und was ein Senator so machen darf - und was nicht - mit den drei bis vier Millionen Dollar, die ihm pro Jahr für allgemeine Ausgaben zustehen. Budget eines Bundestagsabgeordneten zum Vergleich: rund 240.000 Euro plus Bahnfahrkarte plus Fahrdienst plus innerdeutsche Flüge.

Eigentlich ist das Senatshandbuch geheim, aber die Kollegen von "USA Today" sind an das gegenwärtig gültige Exemplar aus dem Jahr 2010 herangekommen und haben es ins Netz gestellt. Sollten Sie deutscher Staatsangehöriger sein, dann arrangieren Sie sich jetzt mit Ihrem nahenden Minderwertigkeitskomplex - dies sind die fünf besten Regeln des US-Senats:

  • Verteilung der Büros. Der Älteste darf sich das schönste Büro in Washington aussuchen, der Zweitälteste das nächste und so weiter. Wobei hier nicht das Lebensalter gemeint ist, sondern Senioriät. Und die berechnet sich so: An erster Stelle stehen die zuletzt ununterbrochen im Senat verbrachten Jahre. Danach zählt eine eventuell frühere Mitgliedschaft im Senat. An dritter Stelle: mögliche Jahre als Vizepräsident. Viertens: Zeit im Repräsentantenhaus. Fünftens: frühere Kabinettszugehörigkeit. Sechstens: Gouverneur eines Bundesstaats. Siebtens: Größe des Herkunftsstaats. Achtens, wenn alles nicht mehr hilft: Alphabetische Reihenfolge der Nachnamen. Barack Obama zum Beispiel, der erst 2004 als Juniorsenator von Illinois startete, erhielt ein Büro irgendwo im Keller.

  • Büros in der Heimat. Hier zählt die Bevölkerungszahl des Bundestaats. Je mehr Einwohner der Staat hat, desto größer die Bürofläche (diverse Büros erlaubt). Beispiel: Weil in Utah weniger als drei Millionen Menschen wohnen, stehen den beiden Utah-Senatoren jeweils nur maximal 465 Quadratmeter zu. Der Texaner dagegen kann sich daheim in ein paar mehr Städten niederlassen, ihm steht eine Gesamtfläche von 762 Quadratmetern zu. Logisch, er muss ja auch mehr Leute bedienen.

  • Papier und Briefumschläge. Auch hier richtet sich die Versorgung nach Bevölkerungszahl. Den Senatoren aus Maryland an der US-Ostküste stehen jeweils pro Jahr 5.026.667 Blatt weißes Papier, 504.249 Blatt mit Briefkopf sowie ebenfalls 504.249 Briefumschläge zu. Kalifornien dagegen: 30.394.667 Blatt weißes Papier; 3.158.915 Blatt mit Briefkopf; 3.158.915 Umschläge. Tricksen geht nicht, die Verwaltung führt Listen.

  • Möbel und Pflanzen. Einrichtungsgegenstände werden von der Kapitolsverwaltung gestellt, darunter auch eine klassische Banker-Schreibtischleuchte (weiß oder grün) sowie bis zu drei mittelgroße Kühlschränke sowie ein kompakter. Wer auf eine persönliche Note im Büro Wert legt, darf einmalig 5.000 Dollar für Zusatzmobiliar ausgeben. Pflanzen sind selbstverständlich erlaubt - aber in Maßen und als Leihgabe des Botanischen Gartens: drei Pflanzen pro Ausleihe, maximal sechs im Jahr. Verfügbare Arten richten sich nach "Angebot und Nachfrage".

  • Telefon und Musik. Die Anzahl der Telefone pro Büro richtet sich, genau, wieder nach der Bevölkerungszahl des Bundesstaats. Für alle aber stellt die Verwaltung gleichermaßen Warteschleifenmusik zur Verfügung. Ein Senator kann wählen zwischen "Light Classical, Environmental, Patriotic and Country". Um eine wohlbedachte Entscheidung zu ermöglichen, darf man sich zuvor Beispiele anhören - natürlich per Telefon.

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4 Leserkommentare
WernerT 20.09.2014
claus.w.grunow 20.09.2014
tombrok 20.09.2014
sergejprokofiev 21.09.2014

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