US-Soldat bei den Taliban Der mysteriöse Sergeant Bergdahl 

Die Taliban wollen fünf Guantanamo-Häftlinge freipressen - im Austausch gegen einen US-Soldaten, den sie seit 2009 in ihrer Gewalt haben. Um das Verschwinden von GI Bowe Bergdahl ranken sich viele Mythen. Ist er zu den Islamisten übergelaufen?

US-Soldat Bergdahl in Taliban-Video: Eine Geschichte wie "Homeland"
AP/ IntelCenter

US-Soldat Bergdahl in Taliban-Video: Eine Geschichte wie "Homeland"

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Hamburg - Er ist der letzte US-Kriegsgefangene in Afghanistan. Seit Sommer 2009 befindet sich Sergeant Bowe Bergdahl in den Händen des afghanischen Haqqani-Netzwerks, einer Terrorgruppe mit engen Beziehungen zu den Taliban. Vor den anstehenden Friedensverhandlungen mit der US-Regierung verlangen seine Entführer nun die Freilassung von fünf Guantanamo-Häftlingen im Austausch für Bergdahl.

Das Verhandlungsangebot bringt den Amerikanern das Schicksal des Soldaten zurück ins Gedächtnis. Um das Verschwinden des jungen Mannes ranken sich viele Mythen.

Bergdahls Geschichte klingt nämlich, als stamme sie von den Drehbuchschreibern von "Homeland". Im Mittelpunkt der mit dem Golden Globe ausgezeichneten US-Serie steht ein Soldat, der von einer islamistischen Terrorgruppe gefangengenommen wurde. Nach seiner Befreiung rätselt die CIA, ob Sergeant Brody während seiner mehrjährigen Entführung möglicherweise "umgedreht" wurde und nun mit den Feinden der USA zusammenarbeitet. In den Vereinigten Staaten gibt es viele Stimmen, die auch Bergdahl unterstellen, die Seiten gewechselt zu haben.

Taliban behaupten, Bergdahl habe sie ausgebildet

Schon sein Verschwinden gibt Rätsel auf: Der Infanterist war zu dem Zeitpunkt auf einem Außenposten der US-Armee im gebirgigen Südosten Afghanistans im Einsatz. Am Morgen des 30. Juni 2009 soll Bergdahl nach Aussagen von Kameraden seinen Vorgesetzten gefragt haben: "Wenn ich die Basis verlasse, würde es Probleme bereiten, wenn ich meine Ausrüstung mitnehme?" Die Antwort habe gelautet: "Wenn du deine Waffe und dein Nachtsichtgerät mitnimmst, wäre das ein Problem." Anschließend soll der damals 23-Jährige sein Tagebuch, seine Digitalkamera, Wasser und ein Messer eingepackt und das Camp verlassen haben.

Dort wurde sein Verschwinden am nächsten Morgen um 9 Uhr offiziell festgestellt. Die US-Armee gab ihm den Status DUSTWUN (duty status - whereabouts unknown) - im Militärjargon die Bezeichnung für verschollene Soldaten. Innerhalb weniger Stunden leitete das Pentagon eine großangelegte Suche ein. Drohnen sowie F-15- und F-18-Kampfjets stiegen in die Luft. Am nächsten Morgen fing das Militär Funksprüche von Taliban-Kommandeuren ab, aus denen hervorging, dass sich Bergdahl in ihrer Gewalt befand. "Wir haben schon ein Video von ihm", soll einer der Kämpfer gesagt haben.

Soldaten aus seiner Einheit bezeichneten ihren Kameraden bald darauf als Deserteur. Ein Vorwurf, den Kommentatoren des konservativen TV-Senders "Fox News" weiter verbreiteten. Die Familie des Verschollenen musste der National Security Agency schriftlich zusichern, nicht mit der Presse zu sprechen.

Seit Juli 2009 haben die Taliban insgesamt fünf Videos veröffentlicht, auf denen Bergdahl zu sehen ist. Auf dem ersten Band sagt der Soldat, er habe während einer Patrouille den Anschluss an seine Kameraden verloren und sei dann gefangengenommen worden. Die Entführer selbst teilten mit, der GI sei betrunken umhergeirrt, als er gekidnappt wurde.

Im Sommer 2010 berichteten britische Medien unter Berufung auf Taliban-Kommandeure und afghanische Geheimdienstmitarbeiter, Bergdahl sei inzwischen zum Islam konvertiert, nenne sich Abdullah und bilde Aufständische beim Bombenbau aus. Ein Talib, der sich selbst Hadschi Nadim nannte, sagte der "Times", Bergdahl habe ihm unter anderem gezeigt, wie man ein Handy zur Fernsteuerung von Bomben umfunktioniere. "Die meisten Sachen kannten wir aber schon", so Nadim. Außerdem habe er den Verdacht, dass sich der Amerikaner verstelle, um sein Leben zu retten.

"Wir wollen ihn nach Hause bringen"

2012 brach Bergdahls Familie ihr Schweigen. Das US-Magazin "Rolling Stone" veröffentlichte mehrere E-Mails, die Bergdahl in den Tagen vor seinem Verschwinden an seine Familie schickte. Aus den Schreiben ergibt sich das Bild eines äußerst frustrierten Soldaten. "Die US-Armee ist der größte Witz der Welt", schrieb der Soldat. "Sie ist die Armee der Lügner, Verräter, Idioten und Tyrannen." Er schilderte, wie das Militär die Einheimischen drangsalierte. "Wir machen uns vor ihren Augen über sie lustig und lachen über sie, wenn sie unsere Beleidigungen nicht verstehen." Schon zuvor hatte er Kisten mit Uniformen und Bücher in die Heimat geschickt.

Für das Pentagon ist Bergdahl trotz aller Gerüchte kein Deserteur. Sein Foto hängt im Regionalhauptquartier der US-Armee, als Erinnerung an sein Schicksal. Das Militär beteuert, keine Anstrengungen zu scheuen, um das Leben des Soldaten zu retten.

Die fünf Videos von ihm zeigen einen Mann, dem es zusehends schlechter geht, einen inzwischen 26-Jährigen mit den Gesichtszügen eines Greises. Vor 14 Tagen hat seine Familie in Idaho das vorläufig letzte Lebenszeichen von ihm erhalten. Über das Rote Kreuz erreichte die Eltern ein Brief ihres Sohnes. "Das gibt uns Hoffnung, dass es ihm den Umständen entsprechend gutgeht", teilte die Familie mit.

Ein Mitarbeiter des Weißen Hauses sagte dem "Rolling Stone" im vergangenen Jahr: "Es ist uns scheißegal, warum er abgehauen ist. Er ist ein amerikanischer Soldat. Wir wollen ihn nach Hause bringen."

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Seite 1
maxderzweite 20.06.2013
1. Die Moral
ist das wichtigste Gut einer Armee und die ist in Afghanistan nunmal Mangelware....weil niemand weiß für was er kämpft...
LK1 20.06.2013
2.
Zitat von sysopAP/ IntelCenterDie Taliban wollen fünf Guantanamo-Häftlinge freipressen - im Austausch gegen einen US-Soldaten, den sie seit 2009 in ihrer Gewalt haben. Um das Verschwinden von GI Bowe Bergdahl ranken sich viele Mythen. Ist der Amerikaner zu den Islamisten übergelaufen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-sergeant-bowe-bergdahl-ist-seit-2009-in-den-haenden-der-taliban-a-906924.html
...also wie Marlon Brando sieht er irgendwie nicht aus.
_scout_ 20.06.2013
3. Und wenn schon
wenn sich die Möglichkeit ergibt würde ich auch eher zu denen Überlaufen als als Geisel gehalten zu werden die u.u getötet wird. Allerdings muss man auch bedenken, dass es sich hier um Gerüchte handelt diese können auch frei erfunden oder aufgebauscht worden sein um eine Gute Story abzuliefern. Wichtig ist jedenfalls diese Verhandlungen einzugehen.
Neinsowas 20.06.2013
4. da erschliesst sich mir....
Zitat von sysopAP/ IntelCenterDie Taliban wollen fünf Guantanamo-Häftlinge freipressen - im Austausch gegen einen US-Soldaten, den sie seit 2009 in ihrer Gewalt haben. Um das Verschwinden von GI Bowe Bergdahl ranken sich viele Mythen. Ist der Amerikaner zu den Islamisten übergelaufen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-sergeant-bowe-bergdahl-ist-seit-2009-in-den-haenden-der-taliban-a-906924.html
...nur 1 Gedanke: Der "frustrierte Soldat" wollte die feindliche Seite kennenlernen - verstehen, wogegen er kämpft, vielleicht vermitteln..... und hängt nun bös dazwischen...
vhe 20.06.2013
5. ...
Zitat von sysopAP/ IntelCenterDie Taliban wollen fünf Guantanamo-Häftlinge freipressen - im Austausch gegen einen US-Soldaten, den sie seit 2009 in ihrer Gewalt haben. Um das Verschwinden von GI Bowe Bergdahl ranken sich viele Mythen. Ist der Amerikaner zu den Islamisten übergelaufen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-sergeant-bowe-bergdahl-ist-seit-2009-in-den-haenden-der-taliban-a-906924.html
Das es bei demKrieg moralische Probleme und Ueberlaeufer gibt, sollte klar sein. Andererseits ist die Propaganda der Taliban im Laufe der Zeit auch nicht schlechter geworden. Insofern kann ich die Amis verstehen, wenn sie ihn erstmal wiederhaben wollen. Erst dann lassen sich solche Sachen klären.
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