US-Sicherheitsexperte "Der Krieg gegen den Terror ist vorbei"

Al-Qaida bleibt auch nach dem Tod von Osama Bin Laden eine Gefahr. Doch für große Racheaktionen sei die Organisation zu schwach, glaubt der amerikanische Sicherheitsexperte Peter Bergen. Die USA sollten sich deshalb jetzt neue Ziele jenseits der Terrorbekämpfung suchen.

REUTERS/ The White House

SPIEGEL ONLINE: Als Präsident Obama den Tod von Osama Bin Laden verkündete, sprachen Sie vom Ende des "Kriegs gegen den Terror". Sind Sie nicht etwas voreilig?

Peter Bergen: Was soll denn noch passieren, um dieses Konzept endlich zu beerdigen? Wir haben den arabischen Frühling erlebt, der die Ideologie von al-Qaida gründlich widerlegte. Jetzt zerstört der Tod von Bin Laden auch noch die Strukturen seiner Terrororganisation. Einen offiziellen Friedensschluss mit al-Qaida wird es ohnehin nie geben, also können wir uns doch jetzt den neuen Herausforderungen stellen: dem Klimawandel, China, der Globalisierung. Der Krieg gegen den Terror ist vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten es für ausgeschlossen, dass al-Qaida einen Nachfolger für Bin Laden findet?

Bergen: Sicher wird es jemanden geben, aber das ist doch, als ob Hermann Göring die Nachfolge von Adolf Hitler angetreten hätte. Ich will Bin Laden nicht mit Hitler vergleichen, doch es gibt eine Gemeinsamkeit: Wer der Nazi-Eliteorganisationen beitrat, leistete einen persönlichen Treueeid auf Hitler, nicht auf die Ideologie. Für ein al-Qaida-Mitglied bestand die Treuepflicht ebenfalls direkt gegenüber Bin Laden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein denkbarer Nachfolger ähnliche Loyalität erzeugen kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es den Amerikanern so schwer gefallen, Bin Laden zu finden?

Bergen: Die Israelis brauchten 15 Jahre, um Adolf Eichmann, den Cheforganisator der Judenvernichtung, aufzuspüren.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Amerikaner verfügten über bessere technische Hilfsmittel. Ist es denn vorstellbar, dass der bestausgestattete Geheimdienst der Welt einen angeblich nierenkranken Flüchtigen fast zehn Jahre lang nicht aufspüren kann?

Bergen: Vergessen Sie nicht: Bin Laden hat nicht telefoniert, keine Emails geschickt, er hat weder das Internet noch Kreditkarten benutzt. Elektronisch war er einfach unsichtbar. Und das machte ihn zu einem besonders kniffligen Fall für die Amerikaner, weil ihre Späher so stark auf elektronische Signale vertrauen.

"Zu großen Aktionen hat die Organisation keine Kraft mehr"

SPIEGEL ONLINE: Obama lobt sich, er habe die Suche nach dem Terrorpaten wieder zur Chefsache gemacht. Übertreibt er oder war sein Vorgänger George W. Bush daran wirklich nicht mehr so interessiert?

Bergen: Die Bush-Mitarbeiter haben 2005 die Bin Laden-Akte de facto geschlossen. Die CIA fand damals den Kampf gegen neue Terrorzellen dringlicher als die Suche nach dem Qaida-Chef. Obama hat diese Entscheidung rückgängig gemacht. Allerdings hat Bush in seinem letzten halben Amtsjahr den Drohnenkrieg in Pakistan und Afghanistan forciert, er hoffte wohl, Bin Laden doch noch zur Strecke bringen.

SPIEGEL ONLINE: Muss der Westen jetzt mit Vergeltungsaktionen rechnen? Oder ist al-Qaida so geschwächt, dass ihre Anhänger ein großes Attentat gar nicht mehr organisieren können?

Bergen: Es wird immer wieder Anschläge geben wie etwa den des mutmaßlichen Dschihadisten, der im März zwei amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen erschoss. Aber zu groß angelegten Aktionen hat die Organisation keine Kraft mehr.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Amerikaner scheinen den Terror inzwischen weniger zu fürchten als, beispielsweise, die Auswirkungen der hohen Staatsschulden. Wird Bin Ladens Tod diesen Trend beschleunigen?

Bergen: Er wird zu neuen Debatten führen: Wie viel Geld soll Amerika noch in Afghanistan ausgeben? Kongressabgeordnete stellen auch schon bohrende Fragen nach dem Sinn von Milliardenhilfen für Pakistan.

SPIEGEL ONLINE: Hat die pakistanische Regierung wirklich nicht gewusst, dass Bin Laden jahrelang in einer auffälligen Villa mitten in einer Garnisionsstadt residierte?

Bergen: Viele Leute in Pakistan wohnen in befestigten Villen mit hohen Mauern. Bin Laden hat seine Festung nie verlassen. Selbst die USA wussten bis zum Ende nicht, ob er dort wirklich lebte. Sie mussten das Haus erst stürmen.

SPIEGEL ONLINE: Bevor sie das taten, verrieten US-Politiker den pakistanischen Behörden kein Sterbenswort. Ist das Misstrauen so groß?

Bergen: Die US-Regierung hat auch den Briten oder den Afghanen vorher nichts gesagt. Selbst innerhalb des Weißen Hauses kannten nur wenige Menschen den Operationsplan, so laufen Geheimmissionen nun einmal ab.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie fand auf pakistanischem Boden statt, dem angeblichen Anti-Terror-Verbündeten der USA.

Bergen: Ach, die pakistanische Regierung wollte in Wahrheit vorher doch gar nichts davon wissen. Wäre die Aktion schiefgelaufen, hätten sie glaubhaft leugnen können. Eigentlich sind sie froh gewesen, dass sie keine Ahnung hatten.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
conny2, 09.05.2011
1. Das geht nicht
Zitat von sysopAl-Qaida bleibt auch nach dem Tod von Osama Bin Laden eine Gefahr. Doch für große Racheaktionen sei die Organisation zu schwach, glaubt der amerikanische Sicherheitsexperte Peter Bergen. Die USA sollten sich deshalb jetzt neue Ziele jenseits der Terrorbekämpfung suchen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761204,00.html
Und? Wie soll die Rüstungsindustrie ohne den Terror über die Runden kommen?
Monty68 09.05.2011
2. Warum sollte er auch?
Der Krieg den Terror, ist der von interessierter SEite erhoffte ewige Krieg. Er dient vor allem dazu die Menschen einzuschüchtern und zu disziplinieren. Terror ist für die Terroristen Mittel zum Zweck, für die REgierungen des Westens ebenso.
Lord Solar Plexus, 09.05.2011
3. Hä?
Wie bitte?!? "Jetzt zerstört der Tod von Bin Laden auch noch die Strukturen seiner Terrororganisation." - wie soll das denn gehen, wenn es sich gar nicht um eine Organisation handelt? Stellen die vielen kleinen unabhängigen Zellen die Arbeit ein? Sorry, so einen Quatsch lese ich leider immer öfter.
gaycuffs, 09.05.2011
4. Un-Sicherheitsexperte
Dieser Mann gibt dem Begriff "Experte" eine völlig neue Bedeutung. Terror ist nur ein Ausdruck von Aggression. Ausgeübt von Schwachen, die gegen einen überlegenen Gegner keine Chance haben. Ich glaube nicht, dass die Aggression nun plötzlich verschwunden ist. Vermutlich steigert sie sich noch und damit wächst dann eher die Terrorgefahr.
Sloopy, 09.05.2011
5. Na ja...
Was hat denn der "Arabische Frühling", bei dem es den Leuten doch primär um das Abschütteln korrupter und foltender Regime und mehr Wohlstand geht, mit einem Ende von Terror und Konflikten durch den Islamismus zu tun? In Ägypten hat man Mubarak gestürzt, und es brennen dort die christlichen Kirchen unter Rufen der Mengen wie "Mit unseren Seelen und unserem Blut verteidigen wir dich, Islam"! Und die Möglichkeit einer intensiveren Konzentrierung auf die genannten anderen Bereiche stimmt mich auch nicht grade euphorisch. Eure NWO-Globalisierung ist für mein persönliches Leben nochmal ganz im Gegenteil eine unvergleichlich größere Bedrohung als islamischer Terror.
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