US-Spion in Pakistan Tödliche Wut auf Amerikas Schattenmann

Der Amerikaner Raymond Davis erschoss in Pakistan zwei junge Männer - jetzt wird klar: Er arbeitete für die CIA. Die empörte Bevölkerung verlangt eine harte Strafe, die US-Regierung fordert seine Freilassung. Der Fall wird zur Belastungsprobe für die Beziehung beider Länder.
Proteste gegen den US-Agenten Davis: "Todesengel von der CIA"

Proteste gegen den US-Agenten Davis: "Todesengel von der CIA"

Foto: Anjum Naveed/ AP

Seit Wochen beschäftigt die pakistanische Presse fast nur noch ein Thema: der Fall Raymond Davis. Wer ist dieser stämmige 36-Jährige mit den grauen Haaren? Warum hat er am 27. Januar aus seinem Auto heraus zwei junge pakistanische Männer erschossen? Weil sie ihn überfallen wollten und er sich bedroht fühlte, wie er behauptet? Und wenn das stimmt: Weshalb führt ein US-Diplomat, der er zu sein beansprucht, eine Schusswaffe mit sich? Warum fotografierte er die Leichen, kurz nachdem er sie niedergestreckt hatte? Und wie erklärt es sich, dass Davis die Männer im Rücken traf - dass sie also bereits auf der Flucht waren, wie es in einem am Sonntag veröffentlichten Bericht der Polizei von Lahore steht?

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Pakistan

Viele Fragen in dem Fall sind ungeklärt und es gibt erhebliche Zweifel an der Darstellung von amerikanischer Seite. Jetzt steht fest, was pakistanische Journalisten und Politiker von Anfang an vermuteten: Raymond Davis war ein Mitarbeiter des US-Geheimdienstes . US-Offizielle bestätigten am Dienstag gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass er zu einem Team gehörte, das Informationen über militante Gruppen in sammelte. Zuvor hatten Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI erklärt, es gebe "keine Zweifel, dass Davis für die CIA arbeitete".

Bei dem Vorfall in der zweitgrößten pakistanischen Stadt Lahore war eine weitere Person ums Leben gekommen, als ein Wagen des dortigen US-Konsulats Davis zu Hilfe eilen wollte, entgegen der Fahrtrichtung in eine Einbahnstraße raste und dabei einen Mann überfuhr. Viertes Todesopfer ist die Witwe eines der Erschossenen: Sie nahm sich Anfang Februar das Leben, weil sie befürchtete, Davis komme ungestraft davon.

"Wie viele solcher Leute hat die CIA noch in Pakistan?"

Der Vorfall hat die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan - eigentlich Partner im Anti-Terror-Kampf - in eine tiefe Krise gestürzt. Präsident Barack Obama schaltete sich ein und verlangte die Freilassung. US-Senator John Kerry reiste vergangene Woche eigens zu Gesprächen nach Pakistan.

Doch dort zeigt man sich enttäuscht vom Verhalten der Amerikaner. "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir eine so schlechte Meinung über die USA im Allgemeinen und über die CIA im Besonderen hatten", sagt ein hochrangiger ISI-Offizier SPIEGEL ONLINE. "Die Beziehungen sind auf einem Tiefpunkt, und das wird sich so schnell nicht ändern." Üblicherweise informiere Washington die Pakistaner darüber, wen die USA zur Terroristenjagd ins Land schickten. "Von Mister Davis hatten wir aber keine Ahnung. Wir wollen jetzt wissen: Wie viele solcher Leute hat die CIA noch in Pakistan? Und was genau ist ihr Auftrag? Um es ganz deutlich zu sagen: Wenn Washington von uns weiterhin Kooperationsbereitschaft erwartet, müssen jetzt alle Karten auf den Tisch", verlangt der Geheimdienstmitarbeiter.

Davis hatte noch versucht, nach der Tat in seinem Geländewagen zu fliehen. Die Polizei stellte ihn nach einer kurzen Verfolgungsjagd an einem Kreisverkehr und verhaftete ihn. Washington pocht seither auf diplomatische Immunität und fordert seine Freilassung. In der US-Botschaft in Islamabad heißt es jetzt, Davis sei ein "Sicherheitsbeauftragter" gewesen und habe Aufgaben als Bodyguard übernommen. So habe er Botschaftsangestellte beschützt, aber auch hochrangige Besucher aus den USA. "In dieser Rolle ist er Diplomat und somit vor Strafverfolgung in Pakistan geschützt." Vorher hatte es allerdings noch geheißen, er sei "technischer und administrativer Mitarbeiter des Konsulats in Lahore und der Botschaft in Islamabad".

Die pakistanische Regierung will sich in dieser Sache dennoch nicht hineinreden lassen. Die ohnehin als schwach geltende Führung steht unter gewaltigem öffentlichen Druck. Seit Jahren erlaubt sie den USA Drohnenangriffe auf Terroristenstellungen im Westen Pakistans, entlang der Grenze zu Afghanistan. Dabei kommen regelmäßig Zivilisten ums Leben. Zwar empören sich pakistanische Regierungsmitglieder offiziell über diese "Verletzung der Souveränität Pakistans", doch insgeheim haben sie dem amerikanischen Vorgehen zugestimmt.

Seit dem Vorfall von Lahore protestieren nun Tausende Menschen in vielen Städten gegen eine Auslieferung Davis' an die USA, sie fordern einen Prozess und eine anschließende Bestrafung in Pakistan. Auf Plakaten fordern sie, dass der Agent hingerichtet werden müsse. Sie nennen ihn "Todesengel von der CIA". Davis wird wohl weiter unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen im Gefängnis in Lahore einsitzen. Die Regierung hat bereits erklärt, dass ein Gericht entscheiden soll, inwiefern Davis Immunität genießt. Eine Entscheidung wird für den 14. März erwartet.

Rätseln über die Rolle der Getöteten

Gleichwohl bleibt unklar, warum Davis die beiden Männer erschoss. Die pakistanische Zeitung "Herald Tribune" berichtete, die beiden Getöteten seien Mitarbeiter des ISI gewesen und hätten die Aufgabe gehabt, Davis zu überwachen. Mehrere ISI-Beamte erklärten jedoch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die Opfer hätten nichts mit dem Geheimdienst zu tun. An Spekulationen darüber, warum sie erschossen wurden, wolle man sich nicht beteiligen.

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Raymond Davis: Diplomat oder Spion?

Foto: STR/PAKISTAN/ REUTERS

Dass Davis für die CIA arbeitete, befeuert die Wut der Demonstranten. Auch Berichte, dass der Amerikaner vor seiner Tätigkeit für die CIA bei einem Sonderkommando war und viele Jahre für die berüchtigte Sicherheitsfirma Blackwater arbeitete, die jetzt unter dem Namen Xe firmiert, scheinen zu stimmen. "Wir wollen das weder bestätigen noch dementieren", sagt ein US-Diplomat in Islamabad. Die "New York Times" schreibt, sie habe der Bitte der Obama-Regierung entsprochen, Informationen über Davis' Verbindungen zum Geheimdienst zurückzuhalten, um sein Leben nicht zu gefährden. US-Offizielle hatten argumentiert, Details über seine Arbeit im Land könnten die Pakistaner darin bestätigen, ihn tatsächlich in vor Ort zu verurteilen. Ihm droht dann die Todesstrafe.

Zwar erklärte Philip Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums, man stehe in Washington immer noch auf dem Standpunkt, dass Davis Immunität genieße und deshalb an die USA ausgeliefert werden müsse. "Davis hat die Männer in Notwehr erschossen", wiederholte er verzweifelt den nunmehr mehrere Wochen alten Standpunkt.

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